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Miteinander und nicht gegeneinander lässt sich Geschlechterdemokratie umsetzen

Rede von Diana Golze,

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen!

Es ist schon bezeichnend, dass wir ausgerechnet heute über einen Antrag debattieren, der sich mit der Benachteiligung von Jungen und Männern in unserer Gesellschaft befasst; denn es ist Girls’ Day, also ein Tag, der eigentlich geschaffen wurde, um Mädchen für männerdominierte Berufe zu interessieren.

(Markus Grübel (CDU/CSU): Das Gegenstück ist, Jungen für Frauenberufe zu interessieren!)

Nun gibt es dieses Jahr zum ersten Mal den sogenannten Boys’ Day. Ich finde es so schade, dass Sie schon wieder das machen, was Sie auch sonst tun, nämlich die Menschen, in diesem Falle Jungen und Mädchen, gegeneinander auszuspielen, statt sich um die Ursachen des Problems zu kümmern, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen der die Bundesregierung stellenden Parteien.

(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Widerspruch bei der CDU/CSU - Markus Grübel (CDU/CSU): Die beiden Dinge bedingen sich! - Paul Lehrieder (CDU/CSU): Im Gegenteil!)

In Ihrem Antrag erklären Sie, werte Kolleginnen und Kollegen von CDU/CSU und FDP, dass die Jungen - Sie reden ja immer gleich von allen - immer offensichtlicher zu Bildungsverlierern werden. Der Focus titelte bereits 2002 „Arme Jungs!“. Die Zeit titelte „Die neuen Prügelknaben“. Sie zählen in Ihrem Antrag genau die Fakten auf, die in dieses Bild passen: Jungen wiederholen häufiger eine Klasse, brechen häufiger als Mädchen die Schule ab und weisen geringere Lesekompetenzen als Mädchen auf.

Eine OECD-Studie vom Mai 2009 kommt zu dem Schluss: Dass diese Unterschiede eher auf Stereotype als auf unterschiedliche Begabung zurückzuführen sind, ... Doch an dieser Stelle kommt die gute Nachricht zu diesem traurigen Befund: Sie glauben, Sie hätten die Antwort und damit die Schuldigen gefunden. Den Jungen fehle aufgrund der Feminisierung in Kita und Schule und des „Fehlens männlicher Bezugspersonen im familiären Bereich“ die „Ermutigung und positive Vorbilder“.

(Dr. Thomas Feist (CDU/CSU): Genau so ist das!)

Schuld sind also die zu hohe Zahl der Frauen in den Erziehungs- und Bildungsberufen und - wenn ich es richtig verstanden habe - alleinerziehende Frauen bzw. gleichgeschlechtliche Beziehungen, in denen Kinder ohne männliche Ermutigung und positive Vorbilder aufwachsen, nach dem Motto: „Ich habe Feuer gemacht!“

(Heiterkeit und Beifall bei der LINKEN und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Das sind Familienkonstellationen, die inzwischen zum ganz normalen Alltag gehören, offenkundig aber nicht in das ein oder andere Weltbild passen. Auf die Frage, was genau ein solches positives Vorbild ausmacht, welche Ansprüche eine Lehrerin, ein Lehrer, ein Erzieher erfüllen muss, um diese Lücke zu schließen, hüllen Sie sich allerdings in Schweigen. Ebenso vage bleiben Sie bei der Unterlegung Ihrer Thesen mit wissenschaftlich oder empirisch belegbaren Zahlen und Fakten, und zwar mit gutem Grund, denn solche Zahlen und Fakten gibt es nicht; eine Studie, die belegt, dass sich allein durch die Anwesenheit von männlichem Erzieher- und Lehrerpersonal die Situation von Jungen explizit verbessert hätte, liegt nicht vor. Österreichische Erhebungen belegen sogar eine Diskriminierung von Jungen in der Benotung, wenn sie von Männern unterrichtet werden.

Es ist also nicht wichtig, ob Kinder von Männern oder Frauen unterrichtet werden; wir brauchen Pädagoginnen und Pädagogen, die in die Lage versetzt werden, eine geschlechtssensible und gleichstellungsorientierte Schule gestalten zu können.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Anträge wie dieser werden aber bestimmt keinen konstruktiven Beitrag dazu leisten. Die bloße Forderung nach mehr männlichen Vorbildern hilft nicht weiter. Vielmehr bauen Sie damit ein Bild von scheiternden Jungen und von karriereorientierten Mädchen auf, bei dem die einen absteigen und die anderen aufsteigen, ein Bild, das der Realität nicht standhält. Es gibt im realen Leben eben nicht die Jungen, die als Loser zurückbleiben, und nicht die Mädchen, die auf der Überholspur an ihnen vorbeirauschen.

(Caren Marks (SPD): Ganz genau! - Michaela Noll (CDU/CSU): Das sagt auch keiner! - Gegenruf der Abg. Caren Marks (SPD): Doch!)

Es gibt Kinder und Jugendliche, die von vornherein benachteiligt sind bzw. benachteiligt werden, und das aus unterschiedlichen Gründen. Dazu können die Hautfarbe, der Migrationshintergrund, Armutserfahrungen, Homosexualität, Behinderungen und anderes gehören.

(Dr. Thomas Feist (CDU/CSU): Genau! Jugendliche Homosexuelle mit Migrationshintergrund! - Caren Marks (SPD): Alles Gruppen, für die die Ministerin nichts macht!)

Aber all das blenden Sie in Ihrem Antrag völlig aus. Mit Forderungen nach jungengerechter Bildung stecken Sie lediglich den Erzieherinnen und Lehrerinnen den Schwarzen Peter für Ihre verkorkste Sozial-, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik zu.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Gesamtgesellschaftliche Probleme werden einzelnen Personengruppen zugeschoben. Damit lenken Sie ganz bewusst davon ab, dass Sie von der christlich-liberalen Koalition nicht in der Lage waren, eine Politik zu machen, die jedem Kind, damit auch jedem Jungen, gleichberechtigte Startchancen bietet. Sie waren nicht in der Lage, Akzente zu setzen, um Väter in die Situation zu bringen, eine - so beschreiben Sie es - „neue Balance im Dreieck zwischen Beruf, Familie und Partnerschaft zu schaffen.“ Ist es nicht diese Regierung, die in dieser Woche bekannt gemacht hat, dass die versprochene Ausweitung der Vätermonate beim Elterngeld nicht kommen wird?

(Caren Marks (SPD): Ganz genau! - Ingrid Fischbach (CDU/CSU): Nein! Das ist falsch! Das ist nicht die Wahrheit! Auch wenn Sie es dreimal sagen, ist es nicht wahr!)

Ist es nicht Ihre Regierung, die einen verfassungswidrigen Regelsatz für Kinder unverändert lässt, obwohl er die besonderen und eigenständigen Bedarfe aller Kinder nicht berücksichtigt? Ist es nicht die christlich-liberale Koalition, die ein Bildungspaket feiert, das sich gerade in der Praxis als bürokratisches Monstrum erweist und keine gerechten Bildungschancen für alle Jungen und Mädchen schafft?

(Dr. Thomas Feist (CDU/CSU): Genau! Das Füllhorn für alle ausschütten!)

An welcher Stelle im christlich-liberalen Antrag thematisieren Sie die Arbeitsbedingungen und die schlechte Bezahlung von Erzieherinnen und Erziehern, von Lehrerinnen und Lehrern?

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD - Matthias W. Birkwald (DIE LINKE): An keiner Stelle!)

Ist es nicht die christlich-liberale Koalition, die gerade ein bewährtes Programm für Schul- und Ausbildungsabbrecher so radikal zusammenstreicht, dass wahrscheinlich über die Hälfte der Beratungsstellen schließen muss?

(Dr. Thomas Feist (CDU/CSU): Wir brauchen keine Beratungsstellen!)

Auch wenn es um die Aufgabenverteilung geht, sind Sie prima: Alle Vorschläge, die Sie machen, gehen zulasten der Länder und Kommunen, ohne dass Sie erklären, womit sie die Kosten bestreiten sollen.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich selbst bin Mutter von zwei Kindern, einem Mädchen und einem Jungen.

(Caren Marks (SPD): Ich auch!)

Ich befürchte, dass es das Mädchen sein wird, dem es schwerfallen wird, trotz gleicher Voraussetzungen in Familie und Schule später selbstbewusst durch das Leben zu gehen, dass sie also nicht fair und gerecht behandelt wird und nicht denselben Erfolg haben wird. Denn Frauen erhalten trotz steigenden Bildungsniveaus immer noch 26 Prozent weniger Gehalt als Männer

(Michaela Noll (CDU/CSU): Wer spielt hier wen gegen wen aus? Das machen Sie jetzt wieder!)

und sind an Unis, in Chefetagen und in den Vorständen nach wie vor selten oder gar nicht anzutreffen. Vor diesem Hintergrund kann ich über den von Ihnen formulierten Prüfauftrag, ob auch Männer Gleichstellungsbeauftragte sein sollten, nur den Kopf schütteln. Solange es eine strukturelle Ungleichbehandlung von Frauen gibt, bedarf es eines solchen besonderen Wächteramtes für Frauen.

(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Caren Marks (SPD): Das versteht die Ministerin nicht!)

Thomas Gesterkamp schrieb in einer Studie für die Friedrich-Ebert-Stiftung: Nur miteinander und nicht gegeneinander lässt sich Geschlechterdemokratie umsetzen. Vereinfachungen und die umgekehrte Stilisierung von Männern zum Opfer „des Feminismus“ helfen nicht weiter.

Vielen Dank.

(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)