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Mit der Agrogentechnik kommen die Kollateralschäden

Rede von Eva Bulling-Schröter,

Rede zur Plenarsitzung am 26. März, Tagesordnungspunkt 5:

Antrag der Abgeordneten Ulrike Höfken, Cornelia Behm, Hans-Josef Fell, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN: Anbau von gentechnisch verändertem Mais stoppen (Drucksache 16/11919)

Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE):
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben jetzt Ende März. In gut vier Wochen werden die Äcker wieder mit Mais bestellt. Leider ist auf einigen auch die Aussaat des Genmais MON 810 geplant. Um genau zu sein, waren im Februar 3 700 Hektar Anbaufläche beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit gemeldet. Zum Glück werden es wohl weniger Flächen sein, die mit dem Genmais verunstaltet werden.

Das kann zwei Ursachen haben. Erstens erkennen jedes Jahr einige Landwirte mehr, dass sie mit der Entscheidung, Genmais anzubauen, völlig unnötig die gentechnikfreie Landwirtschaft und Imkerei gefährden. Debatten, Proteste, Streit mit Nachbarn und Imkern sind meistens die logische Folge. Viele ziehen sich dann von ihrem Vorhaben zurück, und das ist auch gut so.
Zweitens kann auch die Politik dieses Treiben stoppen, vor allem Bundeslandwirtschaft-
ministerin Ilse Aigner; das wurde hier schon angesprochen. Es liegt in ihrer Hand, den Anbau von MON 810 in diesem Jahr zu untersagen. Es ist kein Geheimnis, dass sich der CSUVorsitzende und Ministerpräsident von Bayern gestern für ein gentechnikfreies Bayern ausgesprochen hat.
Wir wollen das bundesweit. Folgen Sie also bitte Ihrem Parteivorsitzenden! Andere Länder haben das schon vorgemacht. Österreich will den Genmais nicht. In Frankreich sagt selbst Sarkozy „Non“ zum Genmais. In Griechenland setzt man lieber auf traditionelle Oliven statt auf Laborpflanzen aus den Küchen von Monsanto. Warum also unsere Äcker mit einer Pflanze bestellen, welche von so vielen abgelehnt wird? Ich kann das nicht verstehen. Das ist des Volkes Wille, und wir sind vom Volk gewählt.

Die meisten Bäuerinnen und Bauern wollen den Genmais MON 810 nicht, Umweltschützerinnen und Umweltschützer sowieso nicht. Als umweltpolitische Sprecherin meiner Fraktion frage ich mich daher: Was macht der Genmais? Wen tötet der Genmais? Wie sicher ist der Genmais?
Der gentechnisch veränderte Mais MON 810 ist ein Dauerproduzent von Gift. Anstatt Gift gegen seinen Widersacher, einen kleinen Schmetterling namens Maiszünsler bzw. dessen Raupen, dann zu verwenden, wenn die Gefahr am größten ist, wird bei MON 810 schon vorsorglich Gift produziert.
(Lachen bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)

Das ist in etwa so, als wenn ich jeden Morgen anstatt eines Kaffees erst einmal ein Antibiotikum einnähme.
(Arnold Vaatz [CDU/CSU]: Nein!)

Ich weiß ja nicht, ob nicht im Laufe des Tages ein hinterlistiger Keim auftaucht, welcher mich gegebenenfalls krank macht. Die Freunde der Agrogentechnik in den Reihen der CDU und FDP werden sicherlich denken - Sie haben ja auch schon gelacht -: Das Gift - es geht hier um ein Toxin, welches das Bodenbakterium Bacillus thuringiensis produzieren kann - wird auch im Ökolandbau eingesetzt, kann so schlimm also gar nicht sein. - Da muss ich aber sagen: Das ist nicht das Gleiche. Erstens spritzt der Biobauer nur dann,
(Johannes Röring [CDU/CSU]: Der Biobauer spritzt? - Peter Bleser [CDU/CSU]: Das ist
doch verboten!)

wenn der Schadensdruck so groß ist, dass es dringend geboten ist. Zweitens handelt es sich bei dem, was die Ökobauern spritzen, um ein Protoxin, welches erst im Körper des Schädlings aktiv wird. Bei Genmais hingegen ist es allzeit bereit und jederzeit toxisch. Drittens wird das Bt-Toxin nach wenigen Tagen abgebaut; beim Genmais bleibt es aber die ganze Vegetationsperiode erhalten. Man könnte also sagen: ein giftiger Sommer dieses Jahr.
(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Lachen bei der CDU/CSU)

Als Umweltschützerin frage ich mich: Welche Auswirkung hat die ständige Präsenz eines Giftes auf die Umwelt? Wie wirkt sich das Gift auf Tiere aus, die eigentlich gar nicht bekämpft werden sollen? Man bezeichnet diese Kollateralschäden als Nicht-Zielorganismen.
Das Bundesamt für Naturschutz hat dazu schon einige Publikationen herausgegeben. Diverse Schmetterlinge müssen die Flügel strecken, wenn in der Nähe Genmais steht. Auch den Honigbienen bekommt der Genmais nicht gut, wie eine Studie der Universität Jena
herausgefunden hat, welche aber leider nicht fortgeführt worden ist - warum auch immer.
(Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Denen fehlen die Millionen!)

In den USA wurde vor kurzem entdeckt, dass man auch die Wirkung auf Wasserlebewesen näher untersuchen sollte. Die Blackbox Boden ist sowieso immer noch ein völlig unzureichend untersuchter Lebensraum.
(Peter Bleser [CDU/CSU]: Da sind Sie aber nur einseitig informiert!)

Wie lange kann sich Bt-Toxin hier anreichern? Solchen Fragen müsste in einem sachlichen Zulassungsverfahren nachgegangen werden.
(Dr. Christel Happach-Kasan [FDP]: Die sind doch alle erörtert worden bei dem Bt-Mais-
Monitoring in Bayern! Das wissen wir doch alles!)

- Ja, in Bayern. - Schaue ich mir allerdings die Bedingungen an, unter denen transgene Pflanzen in der EU zugelassen werden, dann bleiben für uns und die breite Masse der Bevölkerung noch viele Fragen offen. Wir brauchen einen richtigen Crashtest, quasi den Elchtest für Genpflanzen. So etwas gibt es aber nicht. Warum?
(Peter Bleser [CDU/CSU]: Die Elche fressen sie auf!)

Weil keine der Genpflanzen diese Tests bestehen würde. Es gäbe keine Agrogentechnik mehr, und die vielen schönen Milliarden der Konzerne wären in den Sand gesetzt:
BASF, Monsanto und Co. müssten nach neuen Feldern Ausschau halten, um die Profitmaximierung weiter voranzutreiben. Die Linke sagt ganz klar: Wir wollen keine gentechnisch veränderten Pflanzen,
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Gut, dass wir das jetzt auch wissen!)

weder den Genmais MON 810 noch transgenes Soja aus Brasilien und schon gar nicht die blaue Blume von Frau Happach-Kasan, die sie letzte Woche hier zur Schau gestellt
hat.
(Dr. Christel Happach-Kasan [FDP]: Das war eine Nelke! - Wolfgang Zöller [CDU/CSU]:
Genauso ist bei Insulin diskutiert worden!)

Liebe Kollegin, Ihnen sage ich: Diese Debatte sollte ernsthaft geführt werden. Transgene Pflanzen wie Kuscheltiere ans Podium zu tragen, dient unserer Ansicht nach nicht der Ernsthaftigkeit.
Wir stimmen dem Antrag der Grünen uneingeschränkt zu. Ich nenne für die Bevölkerung einmal die Mehrheitsverhältnisse in diesem Hause: Die SPD und die CSU haben sich wiederholt dazu positioniert. Damit sind theoretisch 222 SPD-Abgeordnete, 53 Linke, 51 Grüne und 46 CSU-Abgeordnete für ein sofortiges Anbauverbot von MON 810. Das sind 372 Abgeordnete bzw. 61 Prozent. Das wäre die Mehrheit, die aber leider nicht zum Tragen kommt. Ich finde das schade.
Es wäre auch möglich, dass Sie einen eigenen Antrag einbringen. Werden Sie klüger! Das wäre ein wichtiger Schritt für die gentechnikfreie Landwirtschaft und Imkerei.
Ich habe Ihnen genau zugehört: Wenn jetzt schon Herr Honecker und Herr Gorbatschow im Zusammenhang mit der Grünen Gentechnik bemüht werden, dann sind wir weit gekommen.
Noch eine Bemerkung zum Schluss: Bei der bayerischen Studie wurde nur zu 41 Prozent GVO-Futter verwendet und nicht zu 100 Prozent. Mehr verträgt eine Kuh nicht.
(Lachen bei der CDU/CSU - Peter Bleser [CDU/CSU]: Mehr verträgt eine Kuh nicht? Was haben Sie für eine Ahnung! Das ist ja abenteuerlich! - Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Was für eine Sachkenntnis! Sie hat auch nur so viel getrunken, bis es ihr zum Hals stand!)

Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt: Frau Kollegin, denken Sie bitte an Ihre Redezeit.
Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE):
Mehr verträgt eine Kuh nicht! Haben Sie das gehört?
(Beifall bei der LINKEN)