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Menschenrechte müssen in der Tourismuspolitik konsequent durchgesetzt werden

Rede von Annette Groth,

Anlässlich der Debatte über die Anträge zum Themenbereich Tourismus und Menschenrechte erklärte die menschenrechtspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, Annette Groth:

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!


Die Tourismusindustrie ist einer der weltweit größten Wirtschaftszweige. Während es 1950 nur 25 Millionen Touristinnen und Touristen gab, lag die Zahl 2010 bei mehr als 935 Millionen. Ganze Regionen wie die Küsten in Spanien, Portugal und der Türkei sind durch Bettenburgen verschandelt. Wasser wird knapp und auf einigen Kanareninseln bereits vom Festland angeliefert.


Etwa 240 Millionen Menschen sind im Tourismus beschäftigt. Die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden schlecht bezahlt und müssen lange, teilweise unter entsetzlichen Bedingungen, arbeiten. Auch Kinderarbeit ist häufig anzutreffen. Weltweit sind zwischen 13 Millionen und 19 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in der Tourismusindustrie beschäftigt.

Ich selbst habe in den 90er-Jahren für eine internationale kirchliche Organisation auf der Karibikinsel Barbados gearbeitet und die Auswirkungen des Golf- und Kreuzfahrttourismus erlebt: Durch Golfplätze wird das Menschenrecht auf Nahrung und Wasser in vielen Regionen verletzt, weil sie oft auf fruchtbarem Ackerland gebaut werden, große Mengen an Wasser verbrauchen und somit der lokalen Bevölkerung Anbaufläche für Nahrungsmittel und Wasser entziehen. Der tägliche Wasserbedarf eines einzigen Golfplatzes beträgt bis zu 2 000 Kubikmeter Wasser. Das ist der Tagesverbrauch eines deutschen Ortes mit 8 000 Einwohnern. Damit der Rasen schön grün bleibt, werden ebenfalls große Mengen an Pestiziden verbraucht, die Land und Grundwasser
verseuchen.


(Christoph Strässer [SPD]: Sie können doch da zum Gericht gehen und klagen, oder?)


Ein tunesischer Manager, der ein Hotel auf der Ferieninsel Djerba betreibt, kommentierte kürzlich, dass viele Angebote im Internet sich für niemanden mehr rentieren. Eine Woche Urlaub auf Djerba all-inclusive für 199 Euro inklusive Flug kann nicht kostendeckend sein. Das ist pure Ausbeutung von Mensch und Natur und sicherlich keine Hilfe für den arabischen Frühling in Tunesien.

(Beifall bei der LINKEN)


Die All-inclusive-Anlagen sind für kleine Restaurants und lokale Tourismusunternehmen eine Katastrophe.

Dramatisch ist auch die Situation in Marokko. Pro Tag  und pro Kopf werden dort 685 Liter Wasser verbraucht. Riesenpools in den Hotelanlagen, der Wäsche- und Handtücherverbrauch und das exzessive Duschen der Touristen sind dafür verantwortlich, nicht zu vergessen auch die berühmten Golfplätze. In Deutschland dagegen beträgt der Verbrauch pro Tag und pro Kopf nur 128 Liter Wasser.


Beispiele für die Verletzung der Menschenrechte durch den Tourismus sind die Vertreibung von Menschen für den Bau von Hotels, die Schaffung von Nationalparks und sportliche Großveranstaltungen. Die Kommerzialisierung von Mensch und Natur für die Interessen der Tourismusindustrie ist oft mit den Menschenrechten nicht vereinbar.


(Beifall bei der LINKEN)


In Tansania wurden in den letzten Jahren über 130 Jagdkonzessionen für ein Gebiet von mehr als 250 000 Quadratkilometer vergeben. Dies ist ein höchst profitables Geschäft, weil ein Großwildjäger für eine zehntägige Büffeljagd 25 000 US-Dollar und für eine dreiwöchige Elefanten- oder Löwenjagd immerhin 49 000 US-Dollar zahlen muss. Dieses große Gebiet wurde aber traditionell von den Massai genutzt, die für den Jagdtourismus vertrieben wurden. Ihre Lebensgrundlage ist damit zerstört.


Es wurde schon darauf hingewiesen: Wir müssen die großen Tourismuskonzerne auf die Einhaltung der Menschenrechte verpflichten, um zu einem menschenwürdigen Tourismus zu gelangen, von dem die Touristen und die lokale Bevölkerung profitieren können. Deswegenbrauchen wir klare und verbindliche Regeln für die Unternehmenin der Tourismusbranche.

Danke schön.


(Beifall bei der LINKEN)