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Mehr als 14 Prozent der erwachsenen erwerbsfähigen Bevölkerung in unserem Land kann nicht richtig lesen, schreiben und rechnen.

Rede von Rosemarie Hein,

Als vor einem Jahr die Studie zum funktionalen Analphabetismus in Deutschland vorgelegt wurde, gab es ein großes Erschrecken. Mehr als 14 Prozent der erwachsenen erwerbsfähigen Bevölkerung in unserem Land kann nicht richtig lesen, schreiben und rechnen. Das ist ein Skandal, den man in diesem Ausmaß nicht vermutet hatte. Bis dahin ist man von 4 Millionen betroffener Menschen ausgegangen, nun sind es fast doppelt so viele.

Um das Ausmaß deutlich zu machen: der Bundestag hat rund 580 Abgeordnete im erwerbsfähigen Alter. Wenn er den Durchschnitt der Bevölkerung repräsentiert – was wahrscheinlich nicht der Fall ist – könnten 84 von uns nicht richtig lesen und schreiben.

Ich mache diesen Vergleich nicht aus boshafter Unterstellung, sondern weil an diesem Befund des Analphabetismus auch schlimm ist, dass eine unzureichende Grundbildung in Deutschland als selbstverschuldeter Mangel angesehen wird. Damit aber werden die Betroffenen stigmatisiert, wird nicht nach den tiefer liegenden Ursachen geforscht, wird das ganze Problem unter den Teppich gekehrt und eben zu wenig dagegen getan.

Fakt aber ist: Unter den von Analphabetismus Betroffenen haben fast die Hälfte einen Schulabschluss, 12 Prozent sogar einen höheren Bildungsabschluss. Warum also sollte der Deutsche Bundestag hier eine Ausnahme bilden.

Das Bundesministerium hat nun endlich eine Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung angekündigt. Die UN-Dekade zur Alphabetisierung hatte zum Ziel die Zahl der Analphabeten weltweit zu halbieren. Nun, fast am Ende der zehn Jahre zeigt die
Studie, dass erheblicher Handlungsbedarf auch in Deutschland da ist. Andere europäische Staaten können aber schon Ergebnisse im eigenen Land aufweisen. Deutschland hat sich bisher auf Fachtagungen, Beratung und Internetangebote beschränkt.

Das reicht nicht aus. Sind wir über die Ursachen von mangelhafter Grundbildung denn überhaupt im Bilde? Oder ist es vielmehr nicht so, dass gar nicht bemerkt wird, wenn jemand dabei Schwierigkeiten hat? Ist unsere PISA-Fixierung dabei nicht auch hinderlich, weil Analphabetismus auch nach der abgeschlossenen Schulausbildung entstehen kann, weil die Betroffenen ihre Schulkenntnisse wieder verlernen? Welchen Anteil haben anregungsarme berufliche Tätigkeiten dabei, und was bedeutet es, wenn man jahrelang von Erwerbstätigkeit ausgegrenzt ist? Welche konkreten Ziele gibt es? Wer setzt sie um?

Für mich sind nach dem Fachgespräch im Ausschuss mehr Fragen entstanden als schon Antworten gegeben wurden. Nun fordern wir aber nicht erst eine weitere Studie, obgleich es auch diese geben muss, sondern erwarten, dass schnell wirksame Gegenstrategien greifen.

Dazu gehört für uns


- natürlich die Forderung, dass niemand ohne eine gefestigte Grundbildung die Schule verlassen soll.

- Dazu müssen Lehrende in Studium und Weiterbildung besser vorbereitet werden. Sie müssen in der Lage sein, zu merken, wenn jemand nicht gut lesen, schreiben, rechnen lernt. Das sieht man offensichtlich nicht nur an schlechten Zensuren. Sie brauchen die nötige Zeit für eine angemessene Förderung.

- Wir brauchen mehr gut qualifizierte Kursleiterinnen und Kursleiter und eine bessere Finanzierung von deutlich mehr Kursen als heute zur Verfügung stehen.

- Wir brauchen eine öffentlich finanzierte und leicht zugängliche Bildungsberatung, die Betroffenen helfen kann, geeignete Angebote zu finden.

- Wir brauchen niedrigschwellige Angebote, die auch ganz im Privaten greifen.

- Wir brauchen die Aufmerksamkeit in den Unternehmen und ihre Bereitschaft, Beschäftigten eine entsprechende Qualifizierung zu ermöglichen, ohne dass sie im Betrieb schief angesehen werden.

- Wir brauchen ein öffentliches Klima, das Analphabetismus nicht als Tabuthema behandelt, sondern als gesellschaftliches Problem, nicht nur als Problem des einzelnen.

Ziel muss es sein, nun endlich innerhalb von zehn Jahren die Zahl der Betroffenen zu halbieren. Damit wir uns am Ende des Zeitraumes nicht wieder schulterzuckend eingestehen müssen, dass wir nicht so recht vorangekommen sind, wollen wir, dass jährlich der Stand der Entwicklung festgestellt und öffentlich dargelegt wird.