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Männliche Eintagsküken leben lassen

Rede von Kirsten Tackmann,

Antrag der Abgeordneten Friedrich Ostendorff, Harald Ebner, Nicole Maisch, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Männliche Eintagsküken leben lassen Drucksache 18/4328.

Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE):

Auf die Koalition warte ich noch, bei der ich für euch mitreden kann.

(Heiterkeit bei Abgeordneten der SPD)

Vielen Dank. – Herr Präsident! Liebe Gäste! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Dass jährlich allein in Deutschland über 45 Millionen Eintagsküken getötet werden, ist bekannt. Sie werden getötet, weil sie genetisch für eine hohe Eierleistung gezüchtet werden, aber als Hähnchen diese Leistung nicht erbringen können.

Diese männlichen Eintagsküken haben doppeltes Pech. Denn da sie aus einer Legelinie stammen, haben sie eine so geringe Fleischleistung, dass sie mit ihren Brüdern und Schwestern aus den Mastlinien nicht mithalten können. Keine Eier und zu wenig Fleisch: Das ist bisher ihr Todesurteil.

Nun steht im Tierschutzgesetz eindeutig ‑ das wurde schon gesagt ‑, dass Wirbeltiere nicht ohne einen vernünftigen Grund getötet werden dürfen. Das ist natürlich eine sehr unbestimmte Formulierung. Aber fehlende Profitabilität kann ganz sicher kein vernünftiger Grund sein, Tiere zu töten.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Deshalb hat Nordrhein-Westfalen das Töten von Eintagsküken verboten. Aber dieses Verbot wurde vom Verwaltungsgericht einkassiert; davon war gerade die Rede. Dasselbe Gericht fordert aber eine umsetzbare Alternative zum Töten. Die Frage an uns lautet also nach meiner Überzeugung: Was muss getan werden, damit wir das Töten der Küken rechtssicher verbieten können?

(Beifall der Abg. Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE))

Ich denke, dass die Antwort zügig gegeben werden muss; denn schon 2001 standen ethische Bedenken gegen diese Praxis im Tierschutzbericht der damaligen rot-grünen Bundesregierung. Es muss endlich etwas getan werden. Bisher hat sich zu wenig Greifbares ergeben, weil ‑ das ist durchaus eine These, die wichtig ist ‑ zu viele von diesem System profitieren. Deswegen brauchen wir heute ganz klar die Botschaft: Die Zeit der Duldung ist vorbei. Wir wollen als Gesetzgeber endlich Lösungen auf dem Tisch haben.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Man kann zwar bei Hühnern leider das Geschlecht nicht beeinflussen, wie es bei Kühen gängige Praxis ist. Vielleicht können bald deutlich vor dem Schlupf die Eier identifiziert werden, aus denen männliche Küken schlüpfen würden. Aber das ist aus unserer Sicht nur eine sehr begrenzte Lösung. Wir sind für eine grundsätzliche Lösung. Entweder schafft man eine Möglichkeit, die männlichen Küken aus den Legelinien zu mästen und zu vermarkten, oder wir halten wieder Hühner, die sowohl eine gute Legeleistung als auch eine gute Mastleistung erbringen, also sogenannte Zweinutzungshühner. Dazu gibt es bereits Projekte. Selbst die Geflügelzüchterbranche ist unterdessen bereit, hier Angebote zu machen. Aber bisher ist das eine Nische für Idealisten, weil die hohen Erzeugungskosten die Vermarktung erschweren, erst recht unter dem Preisdiktat des Lebensmitteleinzelhandels. Die Erfahrungen, die dort gesammelt werden, sind sicherlich sehr wichtig. Wenn das aber keine Nische bleiben soll, müssen wir anders ansetzen. Die Züchtung muss sicherlich vorangebracht werden. Aber am Ende muss das eigentliche Problem gelöst werden. Wer Küken retten will, muss faire Marktregeln einführen; denn die Erzeugungskosten steigen natürlich, wenn pro Tier weniger Eier und weniger Fleisch mit einem höheren Futteraufwand produziert werden. Deswegen müssen dann höhere Erzeugerpreise gezahlt werden. Das heißt aber gerade für mich als Linke nicht zwangsläufig, dass auch die Lebensmittel teurer werden müssen. Denn aus unserer Sicht würde das Geld dann wieder in den falschen Taschen landen. Wer faire Erzeugerpreise und bezahlbare Lebensmittel will, muss die Marktmacht der Lebensmittelkonzerne und der Supermarktketten beschränken und sie zwingen, an einer Lösung mitzuarbeiten.

(Beifall bei der LINKEN)

In den Niederlanden geht das sogar freiwillig. Dort bietet eine Supermarktkette zum Beispiel nur fair gehandelte Bananen an und verzichtet auf Gewinn, damit der Preisabstand zu den herkömmlichen Bananen nicht zu groß wird. Auf den Hühnerbereich übertragen hieße das: Eier und Fleisch von Zweinutzungshühnern werden beim Erzeuger fair bezahlt und im Supermarkt durch Gewinnverzicht bezahlbar angeboten. Es geht also. Jetzt muss man nur noch handeln.

Vielen Dank.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)