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LINKE fordert vollständigen Verzicht auf Vorratsdatenspeicherung

Rede von Jan Korte,

Rede von Jan Korte zu TOP 18.: Beratung von Anträgen der LINKEN ("Endgültig auf Vorratsdatenspeicherung verzichten", Drucksache 18/302) und der Grünen ("Vorratsdatenspeicherung verhindern", Drucksache 18/381).

Jan Korte (DIE LINKE):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich finde es sehr richtig, in diesem Zusammenhang auch über die NSA-Affäre zu reden. Das hat nämlich sehr wohl etwas miteinander zu tun: Diejenigen, die die Vorratsdatenspeicherung befürworten, also Sie, haben im Kern dasselbe Denken, nämlich dass der Zweck die Mittel heiligt. Das ist dasselbe Denken. Deswegen ist es richtig, das hier zu erwähnen.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Am 20. Juli 2013 schrieben Thomas Oppermann und Gesche Joost in der FAZ einen überraschenderweise tendenziell schlauen Artikel.

(Burkhard Lischka (SPD): Immer schlau!)

Ich darf zitieren:

Nach Prism und Tempora darf auch die EU-Richtlinie über die Vorratsdatenspeicherung keinen Bestand mehr haben. Die Richtlinie muss grundsätzlich überarbeitet und neu bewertet werden.

Zitat Ende. Thomas Oppermann und Gesche Joost.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Wir erkennen an dem Datum das Kernproblem der SPD: Das war vor der Wahl. Wir haben das Problem, dass die SPD, sobald sie mit der CDU koaliert ‑ das gilt für den Bund und die Länder ‑, das Gegenteil von dem macht, was sie vorher gesagt hat.

(Christian Flisek (SPD): Das ist doch Unsinn!)

Das ist sehr bedauerlich, gerade in dieser Frage, liebe Kolleginnen und Kollegen von der SPD.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Heute liegen zwei, wie ich finde, schlaue Anträge zum Thema Vorratsdatenspeicherung vor,

(Burkhard Lischka (SPD): Allenfalls tendenziell schlau!)

die das Problem auf den Punkt bringen. Mit Blick auf den EuGH will ich sagen: Nicht alles, was juristisch erlaubt ist ‑ das Urteil kennen wir noch nicht ‑, müssen wir hier politisch umsetzen. Darüber haben wir hier zu diskutieren, und das haben wir hier zu entscheiden.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Was ist dabei nun das Problem?

Erstens ‑ das ist hier schon gesagt worden ‑ ist die Vorratsdatenspeicherung unverhältnismäßig, unbrauchbar und im Übrigen eine Gefahr für die Pressefreiheit und die freie Kommunikation. Kurz: Das ist der Super-GAU für die freie Kommunikation, die die Grundlage des demokratischen Rechtsstaates ist.

(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN ‑ Burkhard Lischka (SPD): Es geht um Gewalt- und Sexualdelikte!)

Zum Zweiten. Die Vorratsdatenspeicherung ‑ ich gebe zu, das ist ein sperriger Begriff; man sollte besser von der Totalprotokollierung des menschlichen Kommunikationsverhaltens sprechen,

(Christian Flisek (SPD): Es wird ja immer schöner! ‑ Burkhard Lischka (SPD): Oh, das ist noch sperriger und falsch! ‑ Weitere Zurufe von der CDU/CSU)

weil das sachlich richtiger wäre ‑ ermöglicht ‑ das ist das Kernproblem, um das es geht ‑ den totalen Einblick in die Persönlichkeit des Einzelnen, in sein Kommunikationsverhalten, sein Bewegungsverhalten und vor allem seine sozialen Beziehungen. Kurz zusammengefasst: Die Vorratsdatenspeicherung ermöglicht den gläsernen Menschen. Das können wir doch alle nicht ernsthaft wollen.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Drittens. Die kriminologische Abteilung des Max-Planck-Instituts hat deutlich nachgewiesen ‑ ohne Wenn und Aber, ohne Interpretationsspielraum ‑, dass es seit dem Wegfall der Vorratsdatenspeicherung zu keinerlei Schutzlücke gekommen ist.

(Halina Wawzyniak (DIE LINKE): Sehr richtig!)

Es ist also wissenschaftlich belegt, dass keine Notwendigkeit besteht, 300 Millionen bis 500 Millionen Datensätze pro Tag zu speichern.

Ohne die Vorratsdatenspeicherung von IP-Adressen lag die Aufklärungsquote bei Missbrauchsdarstellungen im Internet bei über 80 Prozent. Nach der Einführung der Vorratsdatenspeicherung war die Aufklärungsquote de facto gleich hoch. Sie sank sogar ein Stück weit, weil die Täter logischerweise zum Beispiel CDs auf dem Postweg verschickten. Das heißt, auch in diesem sensiblen Bereich nutzt die Vorratsdatenspeicherung überhaupt nicht.

Das alles sind Zahlen, die nicht von der Linken kommen, sondern vom Max-Planck-Institut, vom BKA und anderen. Das müssen wir doch einmal zur Kenntnis nehmen, wenn wir sachlich darüber diskutieren wollen.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Ich fasse also zusammen: Es wäre erfreulich, wenn sich einmal eine Bundesregierung

(Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wo ist die denn?)

in Europa an die Spitze stellen würde beim Schutz von Grundrechten und beim Datenschutz. Eines will ich klar benennen - denn das ist die Kernfrage -: Wer die Speicherung von fast 500 Millionen Datensätzen pro Tag will und das auch noch für sinnvoll hält, geht in der Tat den Weg in den Überwachungsstaat und sollte zum Thema NSA und zum Abhören eines Kanzlerhandys wirklich in Demut schweigen; das muss man so klar sagen.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Es kann keine sichere exzessive Datensammelei geben. Sie kann nur in einem Punkt sicher sein: indem man es sein lässt. Dazu fordern wir Sie auf.

Schönen Dank.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)