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Lebensmittel mit Gesundheitsversprechen sind eine Werbelüge

Rede von Karin Binder,

Der Werbeschwindel im Supermarkt ist besonders bei Lebensmitteln groß. So verspricht etwa ein Schokoriegel eine „Extra-Portion-Milch“ mit viel gutem Kalzium. Die Wahrheit: Erst 13 Riegel würden den Tagesbedarf eines Kindes an Kalzium decken. Das bedeutet aber gleichzeitig: 48 Würfelzucker und ein halbes Paket Butter. Ein Fruchtgetränk wurde als „gesunder Durstlöscher“ für Kinder beworben. Tatsächlich enthielt das Gemisch aus Wasser und Saftkonzentrat nicht nur umstrittene Süßstoffe, sondern auch jede Menge zahnschädliche Citronensäure. Gerade Produkte für Kinder werden oft als gesund beworben, obwohl sie nicht auf die Ernährungsbedürfnisse von Kindern abgestimmt sind. So werden Mini Würstchen als „täglichen Beitrag für die gesunde Ernährung“ angepriesen. Angesichts eines völlig überhöhten Salzgehaltes kann davon aber keine Rede sein.

Lebensmittel, wie Joghurt, Margarine oder Müsli, unterstellen mittels Werbung Gesundheit ohne dies zu belegen. Sie können angeblich Knochen und Abwehrkräfte stärken, das Wohlbefinden beleben oder die Darmflora ins Gleichgewicht bringen. Glaubt man den Herstellern, dann können wir mit Hilfe solcher Produkte unsere Gesundheit regeln. Häufig sind sie im Vergleich zu normalem Essen aber nur doppelt so teuer. Der einzige Zusatznutzen liegt meist darin, dass sie die Kassen der Lebensmittel-Hersteller füllen.

Gesund sind vorwiegend frisch zubereitete Lebensmittel und eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung. Currywurst und Schokolade gehören gelegentlich genau so dazu, wie der frische Apfel. Produkte mit Gesundheitsversprechen hingegen fördern einseitiges Essen und Fehlernährung.

Den haltlosen Gesundheitsversprechen der Hersteller soll mit der sogenannten Health-Claim-Verordnung durch die EU Einhalt geboten werden. In Zukunft darf nur noch auf den Verpackungen stehen, was wissenschaftlich bewiesen ist. So sollen der Wildwuchs an Werbeaussagen eindämmt und die Verbraucherinnen und Verbraucher vor irreführender Werbung geschützt werden.

DIE LINKE bewertet die gesundheitsbezogene Werbung von Lebensmittelmittel grundsätzlich kritisch. Lebensmittel sind keine Arzneimittel. Der angebliche Zusatznutzen dient vor allem der Absatzförderung in einem übersättigten Lebensmittelmarkt. Die Lebensmittelkonzerne locken mit Nahrung fürs schlechte Gewissen. Und das, obwohl viele Verbraucherinnen und Verbraucher weder einen hohen Cholesterinspiegel haben noch zusätzliche Vitamine benötigen. Laut Schätzungen der Branche erwartet man von den „funktionellen Lebensmitteln“ einen Marktzuwachs auf 90 Milliarden Dollar bis 2013. Diese Zahl steht für einen dreisten Versuch der organisierten Verbrauchertäuschung.

Dennoch kann die Health-Claims-Verordnung in der jetzigen Fassung die Wildwüchse gesundheitsbezogener Werbung in vernünftige Bahnen lenken. Denn die bisherige Bilanz der Bewertung der von den Lebensmittelherstellern beantragten Claims ist verherrend. Bei rund 80 Prozent der Werbebotschaften suchte die internationale Expertengruppe der EFSA – die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit – vergebens nach Belegen für die heilsame Wirkung mancher Vitamine und Mineralien. In Zukunft sollen sich die Verbraucherinnen und Verbraucher drauf verlassen können, was auf der Packung steht, ist der Wille der EFSA. DIE LINKE unterstützt deshalb die Verordnung ausdrücklich.

Wichtig bei der Beurteilung von Lebensmitteln ist aber nicht nur der wissenschaftliche Nachweis, ob ein behaupteter Zusatznutzen tatsächlich gesundheitsfördernd oder krankheitshemmend ist. Die Voraussetzung für Lebensmittel-Werbung muss auch daran geknüpft werden, ob das Produkt insgesamt gesund ist. Daher werden so genannte Nährwertprofile erstellt. Sie beschreiben die gesamte Nährstoffzusammensetzung eines Lebensmittels. So können die Grenzen festgelegt werden, ab denen nährwert- oder gesund-heitsbezogene Angaben nicht verwendet werden dürfen. Nährwertprofile verhindern also, dass unausgewogenes Essen mit gesundheitsbezogene Aussagen beworben wird. Das stößt den Lebensmittel-Konzernen sauer auf, weshalb sie die Profile zum Schaden der Verbraucherinnen und Verbraucher aufweichen wollen.

Einige Kompromisse haben einen all zu merkwürdigen Beigeschmack: Zukünftig sollen Produkte, die viel Salz, Zucker oder Fett enthalten, nur eingeschränkt mit positiven Gesundheitsversprechen beworben werden können. Beispiel: Ein Fruchtgummi, der mit „fettarm“ beworben werden soll, aber viel Zucker enthält, muss nunmehr ausdrücklich auf den hohen Zuckergehalt hinweisen.

Diese Regelung trägt deutlich die Handschrift der Lebensmittellobby. DIE LINKE fordert, dass Süßwaren grundsätzlich nicht als gesund beworben werden dürfen. Sie dienen nicht der gesunden Ernährung, ob mit oder ohne Vitamin-C-Anreicherung. Der Zusatznutzen von Süßwaren sollte das Naschen bleiben.

DIE LINKE fordert eine schnelle Veröffentlichung der Nährwertprofile, wie sie die EU-Kommission vorsieht. Eigentlich hätte diese bis Anfang 2009 erfolgen müssen. Die EU-Kommission und EFSA scheinen aber unter dem massiven Druck der Lebensmittellobby zu zögern. Der Grund: allein in Deutschland machen die Lebensmittelunternehmen jährlich einen Umsatz von 5 Mrd. Euro mit „funktionellen Lebensmitteln“. Die Lebensmittellobby hat es bereits geschafft, die Verordnung auszuhöhlen. Ausnahmen bei den Nährwertprofilen werden zugelassen und Grenzwerte erhöht. Der Süßwarenverband hofft auf eine vollständige Verhinderung.

Um es noch einmal deutlich zu machen: Für DIE LINKE sind nicht Nahrungsergänzungsmittel die Grundvoraussetzung für eine gute Gesundheit, sondern eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung. Unnötige und gesundheitsbedenkliche Anteile sollten grundsätzlich in allen Lebensmitteln gesenkt werden. Verbraucherinnen und Verbraucher müssen sich bei ihrer Lebensmittelauswahl auf klare, zutreffende und verlässliche Informationen stützen können.

DIE LINKE erwartet von der Bundesregierung sich dafür einzusetzen, dass
die Ausnahmen bei den Nährwertprofilen auf unverarbeitete Lebensmittel begrenzt werden und Süßwaren grundsätzlich nicht als gesund beworben werden dürfen,
die Grenzwerte ungesunder Nährstoffanteile grundsätzlich gesenkt werden, Ballaststoffe sollten Mindestgrenzwerte enthalten und Trans-Fettsäuren in die Nährwertprofile mit aufgenommen werden und
Verbraucherverbände in die Nährwertprofilbestimmung einbezogen werden.

Lassen wir uns nicht von der Lebensmittel-Industrie in die Suppe spucken!

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.