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Kinderlärm ist Zukunftsmusik

Rede von Heidrun Bluhm-Förster,

Die Bundesregierung will das Betreuungsangebot für Kinder unter drei Jahren ausbau-en. Das ist im Grundsatz eine gute Idee. Aber arme Kinder haben davon wenig. Die Bundesregierung hat den Blick für das Ganze verloren, denn einfach nur mehr Kita-Plätze sind bloß ein Tropfen auf den heißen Stein. Das offenbart sich beispielsweise daran, dass vielen armen Kindern das Geld für das Mittagessen fehlt.

Sehr geehrte Frau Präsidentin,
meine Damen und Herren,
rund 2,4 Millionen Kinder in Deutschland sind von Armut betroffen. 2,4 Millionen - das sind so viele Kinder, wie das Bundesland Sachsen-Anhalt insgesamt an Einwohnern hat. Stellen Sie sich vor: Ein ganzes Bundesland voll armer Kinder.
Und nun stellen Sie sich vor: Was diese Kinder für einen Lärm machen würden!
Aber Kinderarmut macht stumm, denn arme Kinder sind ausgegrenzt. Deswegen wer-den arme Kinder von der Bundesregierung nicht gehört.
Die Bundesregierung will das Betreuungsangebot für Kinder unter drei Jahren ausbau-en. Das ist im Grundsatz eine gute Idee. Aber arme Kinder haben davon wenig. Die Bundesregierung hat den Blick für das Ganze verloren, denn einfach nur mehr Kita-Plätze sind bloß ein Tropfen auf den heißen Stein. Das offenbart sich beispielsweise daran, dass vielen armen Kindern das Geld für das Mittagessen fehlt. Oder dass es zu-künftig gar nicht genug Fachkräfte gibt, die in den Kitas arbeiten können. Schon jetzt herrscht ein Mangel an gut ausgebildeten Erzieherinnen und Erziehern. Was wir brau-chen sind ganzheitliche Ansätze, die nicht nur ausgesuchte Einzelprobleme aufgreifen. Dazu zählen im Städtebau zum Beispiel kommunale Standortkonzepte für Kitas, die auch solche Erfordernisse einbeziehen.
Dieses Problem hat auch die FDP nicht verstanden. Der FDP-Antrag soll den Bau von Kitas in Wohngebieten erleichtern. Auch das ist im Grundsatz eine gute Idee. Aber mir zeigt es vor allem: Die FDP hat zwar die Baunutzungsverordnung begriffen, aber keine Ahnung von der sozialen Wirklichkeit in Deutschland! Denn in den Wohngebieten, wo Kitas gewollt sind, werden sie auch heute schon längst genehmigt und gebaut. Die FDP gibt sich kinderfreundlich, aber an den wirklichen Problemen geht der Antrag vorbei.
Denn was interessiert eine Verkäuferin die Baunutzungsverordnung, wenn sie nur mit Mühe die Gebühren für einen Kita-Platz aufbringen kann. Sie schreiben in Ihrem An-trag, dass Sie Alleinerziehende unterstützen wollen. Aber gleichzeitig wollen Sie die Kinderbetreuung noch stärker für private Anbieter öffnen. Doch damit wird die Qualität der Kinderbetreuung immer mehr vom Geldbeutel der Eltern abhängig. Kinder aus ar-men Familien müssen dann leider draußen bleiben. Schon jetzt gibt es kaum Alleiner-ziehende oder Eltern mit Armutslöhnen, die einen ganztägigen Kita-Platz überhaupt bezahlen können.
Aber weder die Bundesregierung noch die FDP hat Antworten auf solche Probleme! Ihre Ignoranz gegenüber Familien ist unerträglich. Statt in Kinder investieren Sie lieber in die Rüstungsindustrie!
Denn die Bundesregierung will mit dem Konjunkturpaket II im Rahmen der zusätzlichen Investitionsmittel 226 Millionen Euro für das Militär ausgeben, während das Familienmi-nisterium nur 5 Millionen Euro erhalten soll. Das Beispiel beweist: Die Prioritäten der Bundesregierung sind klar definiert: Militärische Beschaffungen kommen vor Familien! Und dabei stimmt die FDP eben auch zu.
Bis 2013 sollen 35 Prozent der Kinder unter 3 Jahren einen Betreuungsplatz erhalten. Dabei hat Ostdeutschland heute schon klar die Nase vorn, denn es gibt schon jetzt für fast 50 Prozent der Kinder unter 3 Jahren einen Kita-Platz. Und für die Menschen im Osten ist selbst diese Spitzenposition ein Rückschritt um die Hälfte im Vergleich zu 1990. Auch das will die Bundesregierung nicht hören.
Aber der Osten ist nicht nur positives Beispiel, sondern auch Negativ-Vorreiter. Zwar steigt die Zahl armer Kinder in ganz Deutschland, aber in den Neuen Bundesländern ist sie besonders hoch. Denn hier lebt etwa ein Drittel der Kinder in Armut.
Familien mit Kindern brauchen unsere ganze Unterstützung. Aber auf dem Ohr ist die Bundesregierung taub. Meine Fraktion setzt sich für eine gebührenfreie und pädago-gisch ausgerichtete Kinderbetreuung ein.
Denn Kinderlärm ist Zukunftsmusik! Es wird Zeit, dass die Bundesregierung endlich einmal hinhört!