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Inklusion im Sport - Geht nicht, gibt’s nicht!

Rede von Katrin Kunert,

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrter Herr Präsident!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!

In 111 Tagen beginnen die Paralympischen Sommerspiele in London. Ich freue mich darauf, wenn unsere Athletinnen und Athleten an den Start gehen und Menschen auf der ganzen Welt ihnen zujubeln. Ich freue mich besonders darüber, dass auch das Medieninteresse gewachsen ist und es deutlich mehr Übertragungszeit im Fernsehen geben wird als in der Vergangenheit. Mit den diesjährigen Paralympischen Spielen geht es zurück zu den Wurzeln des Behindertensports. 1948 fanden in der Nähe von London erstmals die „Stoke Mandeville Games“ statt, eine Sportveranstaltung für Kriegsversehrte.


Die Entwicklung seit dem kann sich sehen lassen. Neben den Paralympischen Sommer- und Winterspielen gibt es unter anderem noch die Deaflympics für gehörlose Menschen sowie die Special Olympics für Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung. Die Special Olympics National Summer Games beginnen in wenigen Tagen in München. Der Deutsche Behindertensportverband e.V. verzeichnet nunmehr nach 60jährigem Bestehen 600.000 Mitglieder. Sport von Menschen mit Behinderungen wird auch in der Öffentlichkeit endlich als Sport wahrgenommen.


Wir sind auf einem guten Weg, aber es muss noch viel getan werden. Seit März 2009 ist die UN-Behindertenrechtskonvention für Deutschland verbindlich. Menschen mit Behinderungen müssen die Möglichkeit bekommen, gleichberechtigt an Sportangeboten teilzuhaben. Sie sollen die freie Wahl haben, ob Sie Sport im Freizeit- oder Leistungsbereich ausüben wollen.


In der Realität ist dies leider nicht immer gewährleistet!


Spitzensportlerinnen und Spitzensportler mit Behinderungen haben faktisch nicht die gleichen Voraussetzungen wie ihre Kolleginnen und Kollegen ohne Behinderung, obwohl das Leistungssportprogramm der Bundesregierung eine Gleichbehandlung vorsieht. Die Prämien für Medaillen bei Paralympischen Spielen sind niedriger als bei Olympischen Spielen und für Europa- und Weltmeisterschaften gibt es gar keine Prämie. In einigen Olympiastützpunkten gibt es Stufen und zu schmale Durchgänge, so dass Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer nicht barrierefrei trainieren können. Das sollen an dieser Stelle nur einige der Punkte sein, bei denen Handlungsbedarf im Leistungsportbereich besteht.


Große Probleme gibt es auch im Nachwuchs- und Breitensport. Häufig fehlt das Bewusstsein für die Bedeutung des Sports. Eltern, Lehrerinnen und Lehrern, aber auch Medizinerinnen und Medizinern muss deutlich gemacht werden, dass Sport das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen steigern kann. Er stärkt das Selbstvertrauen und kann dazu beitragen, Unfall oder Krankheit, die zu der Behinderung geführt haben, besser zu verarbeiten. Häufig erlebt man, dass Kinder, die erst irgendwann nach der Geburt eine Behinderung davontragen, zunächst einfach eine Sportbefreiung bekommen. Sie werden damit jedoch noch stärker aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen, da sie von ihren Schulfreundinnen und Schulfreunden ausgegrenzt werden. Dadurch entsteht erst recht das Stigma des Andersseins.


Ich glaube, gerade Kindern kann man beim Umgang mit Menschen mit Behinderungen mehr zutrauen, als uns Erwachsenen. Hier und da können wir sicher noch von ihnen lernen! Kinder haben noch keine Vorurteile und erworbene Berührungsängste. Vielmehr gehen sie offen und neugierig aufeinander zu. Hier liegt ein großes Potenzial für die gesamte Gesellschaft. Der Bewusstseinswandel, wie er häufig gefordert wird, ist ein langfristiger Prozess und wir müssen heute bei den Jüngsten anfangen.


Medizinerinnen und Mediziner sollten über Sportangebote in der direkten Umgebung informiert sein. So können sie den Eltern von Kindern mit Behinderungen eine erste Information mit auf den Weg geben. Eine noch größere Rolle spielt die Schule. Kinder mit Behinderung sollten im Rahmen ihrer Möglichkeiten unbedingt am Schulsport teilnehmen. Gerade in Schulen, mit überwiegend Schülerinnen und Schülern ohne Behinderung muss es Konzepte für gemeinsamen Sportunterricht geben. Dies setzt jedoch voraus, dass Lehrerinnen und Lehrer auch entsprechend ausgebildet sind. Sie brauchen qualifiziertes Wissen für den Umgang mit Menschen mit Behinderungen. Dieses Wissen sollen sie im Rahmen ihres Studiums verpflichtend erwerben. Bloße freiwillige Zusatzqualifikationen reichen meiner Meinung nach nicht aus. Auch Trainerinnen und Trainer in allgemeinen Sportvereinen brauchen entsprechende Qualifikationen.


Gemeinsame Projekte oder Sportveranstaltungen in Schule oder Verein tragen dazu bei, dass Inklusion aktiv gelebt wird. Nur auf diese Weise kann sichergestellt werden, dass es auch künftig ausreichend Nachwuchs für den Spitzensport geben wird. Ohne Breitensport gibt es langfristig keinen Spitzensport!


Eine gelungene Veranstaltung für Nachwuchsathletinnen und -athleten ist „Jugend trainiert für Paralympics“. Diese findet ab morgen wieder in Kienbaum statt. Aber auch hier zeigt sich, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Da es sich um einen Schulsportwettbewerb handelt, können Schülerinnen und Schüler mit Behinderung, die keine Förderschule besuchen, nicht an diesem Wettbewerb teilnehmen.


Sie sehen, es gibt viel zu tun! Mit unserem Antrag wollen wir den guten Weg etwas schneller voran schreiten. Geht nicht, gibt`s nicht! Ich fordere Sie auf, den Verpflichtungen aus der UN-Behindertenrechtskonvention nachzukommen. Stimmen Sie unserem Antrag zu.


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!