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Industrielle stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe

Rede von Ulla Lötzer,

Die industrielle Nutzung nachwachsender Rohstoffe ist nichts Neues, man denke nur an Holz für die Papierindustrie und Naturfasern für die Textilindustrie. Neue Aufmerksamkeit haben die nachwachsenden Rohstoffe vor allem durch die Nachteile der petrochemischen Industrie erhalten. Gerade vor dem Hintergrund des steigenden Energiebedarfes und der Endlichkeit von Erdöl sind wir darauf angewiesen, die Möglichkeiten nachwachsender Rohstoffe besser zu nutzen.

Hier bedarf es einer Biomassestrategie, die auch die Konkurrenz mit der energetischen Nutzung berücksichtigt. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen weist in seinem Sondergutachten „Klimaschutz durch Biomasse“ darauf hin, dass in langfristiger Perspektive die stoffliche Nutzung gegenüber der energetischen bevorzugt bzw. zumindest nicht schlechter gestellt werden, da biogene Rohstoffe den einzigen Ersatz für fossile Rohstoffe zur stofflichen Nutzung darstellen. Dagegen ist Energie aus fossilen Energieträgern auch mit anderen erneuerbaren Energien zu ersetzen.

Abgesehen von diesen - lösbaren - Flächennutzungskonkurrenzen kann insbesondere die biologische Abbaubarkeit von Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen das ständig anwachsende Problem des langlebigen Kunststoffmülls reduzieren. Der Marktanteil chemischer Grundstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen liegt derzeit in Deutschland, so die vorliegende Technikfolgenabschätzung, bei ca. 10%.
Die Nutzung nachwachsender Rohstoffe bietet insbesondere der heimischen Landwirtschaft eine neue Nutzungsmöglichkeit und damit eine wichtige neue wirtschaftliche Perspektive und Verbreiterung der Anbaukultur. Mindestens genauso wichtig ist die Nutzung landwirtschaftlicher Reststoffe. Während bei Anbaubiomasse tendenziell Nachteile bei Ozonabbau, Versauerung und Eutrophierung zu verzeichnen sind, so die vorliegende Studie, sind bei der Nutzung von Reststoffen hier häufiger Vorteile oder geringere Nachteile festzustellen.

Andererseits gilt es, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und nicht undifferenziert auf nachwachsende Rohstoffe zu setzen. Ein verantwortungsbewusster Umgang erfordert, die Vor- und Nachteile im Einzelfall zu bewerten und die Wechselwirkungen mit anderen Bereichen nicht aus den Augen zu lassen.

Erstens muss im Einzelfall genau geprüft werden, ob die Ökobilanz tatsächlich positiv ist. Gerade die Vernichtung der Regenwälder für die Gewinnung von Palmöl wird verheerende Auswirkungen auf das Klima und die Biodiversität haben. Aber auch auf bestehenden Ackerflächen kann die Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung, die Probleme mit der Fruchtfolge und dem höheren Bedarf an Düngemitteln oder gar der Einsatz von gentechnisch verändertem Material zu mehr Schaden als Nutzen führen.

Zweitens gibt es eine Flächenkonkurrenz zur Nahrungsmittel- und Futtermittelproduktion. Die Versorgung der Menschen mit Grundnahrungsmitteln muss immer Vorrang vor der stofflichen oder energetischen Nutzung nachwachsender Rohstoffe haben.

Die aktuelle Ernährungskrise in manchen Ländern in Lateinamerika und Afrika wird auch durch internationalen Finanzmarktspekulationen und dem Agieren von IWF und Weltbank begründet. Agrarrohstoffe und Boden sind ins Visier kurzfristiger Profitinteressen geraten. Da ist es schon zynisch, wenn die Vertreter von IWF und Weltbank erklären, die Nutzung nachwachsender Rohstoffe gefährde ihre positive Politik der vergangenen Jahrzehnte gegenüber den Entwicklungsländern. Es sind genau ihre Strukturanpassungsprogramme und die Handelsliberalisierungen im Rahmen der WTO, die systematisch kleinbäuerlichen Existenzen vernichtet und die jetzige Entwicklung hervorgebracht haben. Sie haben die Entwicklungsländer zu einer Ausrichtung ihrer Landwirtschaft auf den Export und zu einer Öffnung ihre Märkte für billigen, subventionierten Import auch von Agrargütern aus den Industrieländern gezwungen. Großflächige Monokulturen so genannter „cash crops“ verdrängen den Anbau für den Eigenbedarf. Anstatt die eigenen Lebensmittel zu produzieren müssen diese dann zu Weltmarktpreisen gekauft werden. Und hier tummeln sich inzwischen professionelle Anleger, die vor dem Hintergrund des Booms der nachwachsenden Rohstoffe, auf steigende Agrarrohstoffe spekulieren. Den Preis dafür zahlen die Armen.

Die richtige Antwort auf diese dramatischen Entwicklungen muss sein: Vorrang der Versorgung der heimischen Bevölkerung vor Exportorientierung. Schluss mit den Strukturanpassungsprogrammen von IWF und Weltbank. Keine weitere Handelsliberalisierungen im Rah-men der Doha-Runde der WTO.

Wir brauchen eine sachliche Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken der nachwachsenden Rohstoffe, auf deren Nutzung wir zunehmend angewiesen sein werden.
Der vorliegende Sachstandsbericht zum Monitoring „Nachwachender Rohstoffe“ zeigt deutlich, dass noch erheblicher Forschungsbedarf besteht. Einerseits, um die ökologischen Auswirkungen der einzelnen Nutzungen nachwachsender Rohstoffe besser bewerten zu können. Andererseits um die technischen Verfahren im Sinne der Effizienz und der Naturverträglich-keit optimieren zu können. Diese Forschung für eine naturverträgliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe muss auch vom Bund unterstützt werden.