Zum Hauptinhalt springen

Im Zentrum der schwarz-gelben Arbeitsmarktpolitik steht der Rotstift - der Mensch bleibt außen vor

Rede von Katja Kipping,

Rede zum Antrag der SPD "Arbeitsmarktpolitik an den Herausforderungen der Zeit orientieren – Weichen für gute Arbeit, Vollbeschäftigung und Fachkräftesicherung stellen"

Katja Kipping (DIE LINKE):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Im vorliegenden Antrag wird die schwarz-gelbe Arbeitsmarktpolitik kritisiert, und das zu Recht. Ich möchte die Kritikpunkte aus Sicht der Linken darstellen.
Die Pläne der Bundesregierung das können Sie nicht einfach wegrechnen, Herr Weiß gehen Hand in Hand mit Kürzungen in der Arbeitsmarktpolitik.

(Karl Schiewerling (CDU/CSU): Bei zurückgehenden Arbeitslosenzahlen!)

Wir hatten die Vertreter des Verwaltungsrates der Bundesagentur für Arbeit bei uns im Ausschuss. Herr Clever, der parteipolitisch wahrlich nicht im Verdacht steht, Mitglied der Linken zu sein, hat dort gesagt: Diese Kürzungen gehen nur mit enorm tiefen Einschnitten in der Arbeitsmarktpolitik.

(Beifall der Abg. Katja Mast (SPD) - Dr. Dagmar Enkelmann (DIE LINKE): Und recht hat er!)

Sie haben hier einen verzerrtes Bild gezeichnet. In der Summe sind zwar jeweils weniger Erwerbslose zu verzeichnen. Weil die Beschäftigungsdauer kürzer ist, die Leute also schneller gefeuert werden und sich schneller wieder arbeitslos melden müssen, gibt es aber einen höheren Umschlag und demzufolge bei der Bundesagentur für Arbeit mehr zu tun. Deshalb kann man dort nicht einfach kürzen.

(Beifall bei der LINKEN und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Wenn Schwarz-Gelb über dieses Thema redet, dann klingt das immer ganz schön. Sie sagen dann: Wir wollen Ordnung im Instrumentenkoffer schaffen. Jeder, der schon einmal vor einem chaotischen Werkzeugkoffer stand, denkt dann: Na ja, da ist bestimmt etwas dran. Aber dieses Bild ist verlogen. Denn Sie kürzen gerade bei den Maßnahmen, die zu vergleichsweise guten Ergebnissen geführt haben, und führen die Maßnahmen fort, die in der wissenschaftlichen Evaluation schlecht abgeschnitten haben.

(Johannes Vogel (Lüdenscheid) (FDP): Das stimmt nicht! Das ist doch dummes Zeug, was Sie da reden!)

Um beim sprachlichen Bild des Werkzeugkoffers zu bleiben: Es ist schon ein Problem, wenn man nur noch einen Hammer im Werkzeugkasten hat, aber eigentlich einen Schraubenzieher bräuchte. Da ich neulich in meiner WG renoviert habe, kann ich nur sagen: Versuchen Sie einmal, einen Wandschrank ohne den passenden Schraubenzieher anzubringen!
Bei der Arbeitsmarktpolitik reden wir über Menschen, bei denen Mangel verheerende Folgen hat. Das heißt nämlich ganz konkret, dass der Sachbearbeiter dann zum Erwerbslosen sagen muss: Tja, für Sie habe ich heute weder Weiterbildung noch eine Arbeitsgelegenheit mit Entgelt. Für uns als Linke ist das nicht akzeptabel.

(Beifall bei der LINKEN)

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass aus Pflichtleistungen Ermessensleistungen werden. Ermessensleistungen, das ist Behördendeutsch. Da schreckt man erst einmal gar nicht auf. Und wenn die FDP davon redet, klingt das nach etwas ganz Tollem,

(Beifall bei Abgeordneten der FDP)

nämlich so, als ob dann aus der reichen Theke des Angebotes das Beste ausgesucht würde. Ich kann den Zuhörern nur empfehlen: Lassen Sie sich davon nicht täuschen! Denn in Verbindung mit Mittelkürzung bedeutet Ermessensleistung vor allen Dingen eines: Der Entscheidungsspielraum wird am Ende bei null liegen. Dann wird der Sachbearbeiter nur noch sagen können: Für Sie haben wir heute leider keine Förderung. Die Verantwortung dafür liegt bei CDU/CSU und FDP.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD - Matthias W. Birkwald (DIE LINKE): Der Willkür wird Tür und Tor geöffnet!)

Die schwarz-gelbe Arbeitsmarktpolitik konzentriert sich vor allen Dingen auf die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt. Das ist gut, aber eben zu kurz gegriffen. Gegenüber dem wichtigen Potenzial einer öffentlich geförderten Beschäftigung sind Sie vollkommen blind. Öffentlich geförderte Beschäftigung kann nämlich Projekte, die nicht sofort der Profitlogik entsprechen, in denen aber notwendige gesellschaftliche Arbeit geleistet wird, wie das in Frauenzentren der Fall ist, mit Langzeiterwerbslosen zusammenbringen, die auf der Suche nach sozialen Kontakten sind. Das ist eine wichtige Dimension, die Sie nicht einfach ignorieren können.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Beate Müller-Gemmeke (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN))

Deswegen setzen wir uns für öffentlich geförderte Beschäftigung ein. Ich finde die Idee eines Arbeitsmarktes von unten sinnvoll. Man sollte besser bei Projekten wie der Nachbarschaftshilfe, bei der Erwerbslose selbstbestimmt sinnvolle Tätigkeiten stiften, Jobs finanzieren. Dort ist das Geld allemal besser aufgehoben, als wenn man es in den Sanktionsapparat steckt.

(Beifall bei der LINKEN)

Nun gäbe es tatsächlich Veränderungsbedarf. Genau die notwendigen Veränderungen werden von Ihnen aber nicht in Angriff genommen. Um nur einmal ein Beispiel zu nennen: Es gibt einen enormen Bedarf an Altenpflegern. Altenpfleger ist aber ein Beruf mit einer Ausbildung, die mindestens drei Jahre dauert. Das Problem ist, dass die meisten Maßnahmen in der Berufsförderung nur auf zwei Jahre angelegt sind. Diese wichtige Veränderung nehmen Sie nicht in Angriff.
Aus all diesen Gründen und Kritikpunkten sagen wir ganz deutlich Nein zur schwarz-gelben Arbeitsmarktpolitik. Sie kürzen an der falschen Stelle. Die wirklich notwendigen Änderungen nehmen Sie nicht in Angriff.
Wir haben als Linke unsere Alternativen hier bereits vor mehreren Wochen in einem Antrag vorgestellt. Ich will sie noch einmal kurz zusammentragen.
Wir als Linke setzen auf eine Vermittlung in gute Arbeit. Gute Arbeit meint: gut bezahlt, ohne Zwang, sinnstiftend und mit familienfreundlichen Arbeitszeiten.

(Beifall bei der LINKEN)

Wir wollen die vorhandene Erwerbsarbeit besser verteilen. Eines der zentralen Mittel dabei ist die Arbeitszeitverkürzung. Wir setzen auch auf eine öffentlich geförderte Beschäftigung in sinnvollen Tätigkeiten, die mindestens mit dem Mindestlohn bezahlt werden, die voll sozialversicherungspflichtig sind und deren Annahme freiwillig ist.

(Beifall bei der LINKEN)

Um all dies zu finanzieren, haben wir auch ein eigenes Steuerkonzept eingebracht. Lassen Sie mich den Unterschied einmal auf den Punkt bringen: Im Zentrum Ihrer Arbeitsmarktpolitik, der schwarz-gelben Arbeitsmarktpolitik, steht der Rotstift. Im Zentrum unserer Arbeitsmarktpolitik steht der Mensch einfach weil er ein Mensch ist.
Danke schön.

(Beifall bei der LINKEN Zurufe von der CDU/CSU: Oh!)