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Gute Sportpolitik - Initiative zur Verbesserung und Feststellung der Standards von Bewegungserziehung gefordert

Rede von Katrin Kunert,

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Lieber Reinhold Hemker, lassen wir das Zitat von Churchill! Wir können es auch so sagen: "Jeder Mann an jedem Ort - einmal in der Woche Sport."

(Beifall bei der LINKEN)

Den Namen desjenigen, der das einmal gesagt hat, nenne ich nicht. Ich meine, Sie kennen ihn alle.
Alle Jahre wieder steht der Schulsport auf dem Stundenplan, alle Jahre wieder beklagen wir die Probleme im Schulsport, und wir müssen auch alle Jahre wieder feststellen, dass wir eigentlich überhaupt nicht zuständig sind. Ich finde, wir sind dem Namen der Studie zum Schulsport in Deutschland, Sprint, überhaupt nicht gerecht geworden; denn Sprint bedeutet Schnelligkeit und Entschlossenheit.
Angesichts der Zeit, die wir für die Behandlung des Antrags der FDP gebraucht haben - bei aller Liebe zum Detail -: Zwei Jahre sind selbst für einen Marathon zu lang.

(Detlef Parr [FDP]: Ihr habt gar nichts gebracht!)

Die Linke stellt kritisch fest: Schulsport, Sport und Bewegung, eine gesunde Lebensweise, sämtliche Förderprogramme für den Sport bis hin zur Gesundheitspolitik sind ein einziger Verschiebebahnhof für Zuständigkeiten und Schuldzuweisungen in Deutschland. Die Länder bieten Schulsport, Schwimmunterricht, Bewegung in den Kindertagesstätten oder Sportangebote im Freizeitbereich immer nur nach Kassenlage an, und die Kleinstaaterei treibt weiter ihre Blüten.

Auch das Positionspapier der Kultusminister und des Deutschen Olympischen Sportbundes zur Weiterentwicklung des Schulsports nach immerhin zwei Jahren ist kein wirkliches Signal.

(Detlef Parr [FDP]: Das stimmt!)

Denn was und vor allem wem nützen nette Worte in Debatten oder in Positionspapieren, wenn sie in kein Schulgesetz, in keinen Ausbildungsinhalt für Sportlehrerinnen und Sportlehrer und nicht in Stundenpläne münden? Was nützen immer wieder geführte Debatten, wenn junge Sportlehrerinnen und Sportlehrer in der Warteschleife geparkt werden und sich nicht um die Schüler kümmern können?

(Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE]: Richtig!)

Die Linke fordert eine konkrete Initiative zur Verbesserung und zur Feststellung der Standards für Bewegungserziehung vom Kleinkind bis in die Ausbildung. Diese Standards müssen bundesweit gelten.

(Beifall bei der LINKEN)

In Bayern ist man zum Beispiel stolz darauf, dass Gymnasiasten heute in acht Jahren das lernen, was sie früher in neun Jahren gelernt haben. Nur haben die Gymnasiasten in Bayern heute vor lauter Lernen kaum noch Zeit, Sport zu treiben.

In Hessen erkennt man nicht die Funktion von Sport im Bereich der Prävention und vor allem der Integration. Meiner Ansicht nach sollte der Ministerpräsident in ein Trainingslager mit jugendlichen Migrantinnen und Migranten fahren, um endlich einmal zu begreifen, dass Integration durch Sport sehr gut funktionieren kann

(Beifall bei der LINKEN)

und dass man Integration nur mit Migrantinnen und Migranten und nicht gegen sie vorantreiben kann.

(Beifall bei der LINKEN)

Den Landesregierungen möchte ich sagen: Jeder Euro für die Sportförderung, egal ob für den Schulsport oder für den Vereinssport, spart eine Menge Kosten für Prozesse und für den Knast.

Ich weiß, dass die meisten von Ihnen Befürworterinnen und Befürworter der föderalen Strukturen sind. Wie Sie alle wissen, geht es derzeit bei der Föderalismusreform II um die Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern. Hier gibt es ein Hauen und Stechen, dass es nur so kracht. Die Vertreter einer entscheidenden Ebene bei dieser Angelegenheit, die Vertreter der Kommunen, sitzen am Katzentisch.

Gute Sportpolitik muss sich wie ein roter Faden durch alle Ebenen ziehen, vom Bund bis in die Kommunen. Die Kommunen halten die Sportinfrastruktur vor; nur geht es ihnen im Moment finanziell sehr schlecht.

(Dr. Peter Danckert [SPD]: Das stimmt doch gar nicht! Genau das Gegenteil ist der Fall! -
Ute Kumpf [SPD]: Sie leben hinter Ihrer Zeit! Kommen Sie nach Stuttgart!)

Wenn die Kommunen kein Geld haben, schließen sie Schwimmbäder oder privatisieren sie. Wenn sie kein Geld haben, können Sporthallen oder Stadien nicht saniert, geschweige denn neu gebaut werden. Die Kommunen fördern, wie sie es können, die Sportvereine. Also brauchen die Kommunen endlich mehr Geld. Dafür müsste mit der Föderalismusreform II gesorgt werden.

(Beifall bei der LINKEN)

Vor einigen Tagen war in der Volksstimme zu lesen, dass die Thüringer in Deutschland am dicksten seien. Die Frauen und Männer aus Sachsen-Anhalt - dem Land, aus dem ich komme - sind die Zweit- bzw. Drittdicksten.

(Detlef Parr [FDP]: Ich denke, ihr seid die Frühaufsteher!)

Für die Landesgruppe Sachsen-Anhalt muss ich sagen: Uns hat man nicht in die Untersuchung einbezogen; sonst hätten wir den Durchschnitt arg gedrückt. Diese Studie verdeutlicht, dass 37 Millionen Erwachsene und 2 Millionen Kinder übergewichtig sind. Die Folgekosten werden mit jährlich 70 Milliarden Euro beziffert.
Jetzt frage ich Sie: Was hat die Gesundheitsreform gebracht? Hat der Sport bei der Gesundheitsreform eine ausreichende Rolle gespielt?

(Detlef Parr [FDP]: Nein!)

Welche Lobby haben die Sportvereine und der Schulsport im Gesundheitsministerium? Was ist uns der Sport insgesamt wert? Wollen wir uns weiterhin hinter Zuständigkeitsfragen verstecken? Ich möchte Ihnen ehrlich sagen: Es ist den vielen ehrenamtlichen Sportlerinnen und Sportlern, Funktionären und Übungsleitern ziemlich egal, wer wofür zuständig ist; sie wollen einfach nur Veränderungen in der Breite sehen.

(Beifall bei der LINKEN)

Für die Linke steht fest - ich komme nun zu unserem Antrag -: Wir brauchen einen ganzheitlichen Ansatz für den Sport. Deshalb sind wir für ein Sportfördergesetz des Bundes.

(Zuruf von der SPD: Legt doch einen Entwurf vor!)

Wir haben folgende Forderungen:

Erstens. Jedes Kind muss die Chance haben, im Verein Sport zu treiben. Mitgliedsbeiträge dürfen keine Barriere sein. Es ist nicht hinzunehmen, dass sportlichen Talenten aus Familien, die von Hartz IV leben müssen, oder aus Familien, die trotz Arbeit arm sind, der Weg in eine Sportschule oftmals verwehrt bleibt.

Zweitens. Wir sind für die Schaffung von öffentlich geförderter Beschäftigung auch im Bereich des gemeinnützigen Sports. Die vielen 1-Euro-Jobs im Bereich der Sportvereine belegen die Notwendigkeit.

Drittens. Der "Goldene Plan" für die Sportstätten - wir sagen das erneut - muss auf Gesamtdeutschland ausgeweitet werden und nachhaltig aufgestockt werden. Die Situation bei den Sportstätten ist nicht die beste. Hier müssen wir nicht mehr zwischen Ost und West unterscheiden, sondern strukturschwache Regionen fördern.

(Beifall bei der LINKEN)

Viertens. Es müssen endlich bundeseinheitliche Mindeststandards für den Schulsport festgelegt werden, damit wir in diesem Bereich vorankommen.

Ich danke Ihnen und bin gespannt auf die Diskussion über unseren Antrag; denn er ist nicht überflüssig.

(Beifall bei der LINKEN)

(Auszug aus dem Plenarprotokoll 16/136)