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Gesundheit für Alle statt Patente für die Pharmaindustrie

Rede von Niema Movassat,

Niema Movassat (DIE LINKE):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren!

Vor einigen Tagen wurden wir alle Zeugen eines Trauerspiels. Da saßen die G 8 in Kanada zusammen und diskutierten darüber, wie man die UN-Millenniumsziele in den Bereichen Kinder- und Müttergesundheit erreichen kann. Der Nachholbedarf ist enorm. So wurden im Bereich der Müttergesundheit gerade einmal 9 Prozent der Millenniumsmarken erreicht. Während die G 8 1 Milliarde Dollar allein für die Sicherheit ihrer Konferenz ausgaben, waren sie nur bereit, 5 Milliarden Dollar – das ist ein lächerliches Fünftel des Bedarfs – für die Erreichung dieser Ziele auszugeben. Damit haben sie sich von ihrem selbst gesteckten Ziel endgültig verabschiedet.

(Beifall bei der LINKEN)

Sie von der Bundesregierung haben Ihre eigene unrühmliche Rolle dabei gespielt. Sie sagten nur magere 500 Millionen Dollar zu. Der aktuelle Haushaltsentwurf deutet darauf hin, dass es sich dabei nicht um neues Geld handeln wird, sondern vielmehr um Geld, das umgeschichtet wird und damit woanders, bei den Armen und Ärmsten dieser Welt, eingespart wird. Das ist Betrug zulasten der Entwicklungsländer.

(Beifall bei der LINKEN)

Ferner müsste die Bundesregierung einen Schwerpunkt auf die öffentliche Forschung zu vernachlässigten Krankheiten legen. Denn das sind die Krankheiten, an denen Millionen Menschen in den Entwicklungsländern sterben. Auf die Pharmaindustrie kann man hier nicht zählen. Von den etwa 1 500 pharmazeutischen Wirkstoffen, die zwischen 1975 und 2004 entwickelt wurden, zielten nur 21 auf die Heilung vernachlässigter Krankheiten, einschließlich Malaria und Tuberkulose. Denn die Pharmaindustrie will Milliardenprofite einstreichen. Das ist mit Medikamenten gegen Krankheiten, die in armen Ländern auftreten, nicht möglich. Denn es fehlt schlicht an der zahlungskräftigen Kundschaft. Öffentliche Forschung in diesem Bereich, die neu entwickelte Wirkstoffe patentfrei und damit für alle frei zugänglich und bezahlbar macht, würde Menschenleben retten und ist daher die Forderung der Stunde.

(Beifall bei der LINKEN)

Es ist gut und richtig, dass der SPD-Antrag feststellt, dass Patentlizenzen und das System handelbarer geistiger Eigentumsrechte die Herstellung und Verteilung lebenswichtiger Generika behindern oder unmöglich machen. Aber ziehen Sie daraus doch bitte den richtigen Schluss. Auch das TRIPS-Abkommen, auf das Sie sich positiv beziehen, gefährdet Menschenleben.

(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)

Wir brauchen hier eine grundlegende Revision, die den Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten gewährleistet. Die Gesundheit und das Überleben der Menschen in den Entwicklungsländern müssen Vorrang vor den Interessen von Konzernen haben.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)

Insofern muss die EU – das wäre ein kleiner Schritt in die richtige Richtung – beim Freihandelsabkommen mit Indien auf die Verlängerung von Patentlaufzeiten verzichten. Das würde Hunderttausende Menschenleben retten. Insgesamt müssen sich die Bundesregierung und die EU für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung einsetzen. Denn nur dann können Entwicklungsländer funktionierende Gesundheitssysteme aufbauen.

(Beifall bei der LINKEN)

Nur 0,1 Prozent des Bruttonationaleinkommens wären nötig, um die deutsche Zusage zur Erreichung der Millenniumsziele im Gesundheitsbereich zu erfüllen. Wir sind heute bei gerade einmal 0,03 Prozent. Frau Weiss, eine aktuelle Umfrage zeigt, dass die deutsche Bevölkerung durchaus bereit ist, mehr Geld in die Entwicklungshilfe zu stecken.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜND-NIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Sabine Weiss [Wesel I] [CDU/ CSU]: Schön wäre es!)

Der politische Wille dazu ist nötig; denn es ist finanzierbar. Wir, die Linke, haben hier die Einführung einer Finanztransaktionsteuer und den Stopp von Rüstungsprojekten als Finanzierungsmöglichkeit vorgeschlagen. Dafür wäre es jedoch notwendig, dass Sie sich endlich davon verabschieden, die Interessen der deutschen Wirtschaft, etwa der Pharmaindustrie, der Banken und der Rüstungsindustrie, über die Interessen der Menschen in den Ländern des Südens zu stellen.

(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)

Leider sind Sie dazu offensichtlich nicht bereit.

(Beifall bei der LINKEN)

Die Aufzeichung der Rede finden Sie unter: www.youtube.com/watch