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Gesunde Ernährung statt dicke Profite

Rede von Karin Binder,


Frau Präsidentin!
Meine Damen und Herren auf den Tribünen!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Über die Hälfte der Erwachsenen und jedes siebte Kind in Deutschland sind übergewichtig. Ein knappes Viertel der Erwachsenen und 6 Prozent der Kinder sind sogar von Fettleibigkeit betroffen. Das erkläre ich hier nicht zum ersten Mal. Das sind die Folgen von zu viel Zucker, Fett und Salz, den Lockmitteln der modernen Lebensmittelindustrie. Das Ergebnis sind dicke Profite und dicke Menschen statt gesunde Ernährung. Und das Übergewichtsproblem nimmt unaufhaltsam zu. Damit nehmen auch Krankheitsbilder wie Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch soziale Ausgrenzung und psychische Belastungen zu. Ernährungsbedingte Krankheiten kosten das Gesundheitssystem in Deutschland bald 25 bis 30 Milliarden Euro im Jahr.

Wir müssen also feststellen: Die hochgepriesenen Maßnahmen der Bundesregierung blieben bisher völlig wirkungslos. Meine Damen und Herren, mit Broschüren und Informationskampagnen werden wir Übergewicht nicht bekämpfen.

(Beifall bei der LINKEN)

Herr Minister Schmidt, nehmen Sie das Problem endlich ernst. Statt wirksame Maßnahmen durchzusetzen, lädt die Bundesregierung die Schuld bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern ab. Man müsse sich nur richtig ernähren und mehr bewegen, so die Haltung im Hause Schmidt.

Die Wirklichkeit aber sieht so aus: fröhlich bunte Frühstücksflocken, die zur Hälfte aus Zucker und Fett bestehen; Kinderfruchtjoghurt, der mehr Zucker enthält als eine Limonade, dafür aber gänzlich frei von Früchten ist; für Zwischenmahlzeiten werben Promis für Süßes und Salziges; im Sportverein fördern Softdrink-Hersteller das nächste Jugendturnier. Für Kinder ist es schwer, sich diesen ständigen Verlockungen zu entziehen. Die Schulkantine bietet leider viel zu oft verkochtes Gemüse, Nudelpampe und lauwarme Kartoffeln und wie Anfang der Woche bei einer Wallraff-Reportage aufgedeckt wurde verschimmeltes Obst und Gammelfleisch. Dass nach dem Kantinenfrust jede Werbung für Süßes und Fettes verfängt, ist kein Wunder.

Kinder stehen auch nicht ohne Grund im Mittelpunkt der Marketingstrategen. Die am Küchentisch der Eltern erlernten Essgewohnheiten behalten wir oft unser Leben lang. Das überträgt sich auf die Auswahl von Produkten und Marken. Deshalb wird heute auch das Essen in der Familie massiv durch Werbebotschaften beeinflusst. Auch wenn die Kinder schon im Bett sind, werden Eltern, Großeltern und ältere Geschwister weiter bearbeitet, den Kleinen doch mal „was Gutes“ zu gönnen. Damit muss Schluss sein!

(Beifall bei der LINKEN)

Wir müssen Kinder vor Werbung für dickmachende Produkte schützen.

Die Ernährung hat bei Minderjährigen enormen Einfluss auf deren Wachstum und ihre geistige Entwicklung. Ausgewogene Ernährung und gesundes Essverhalten spiegeln sich in besseren Schulnoten und besserem sozialem Verhalten wider. Übergewichtige Kinder fallen beim Sport zurück und werden nicht selten gehänselt und ausgegrenzt. Wenn Spitzensportler für Schokocreme und Chips werben, wird Kindern nicht klar, dass ihre Idole falsche Vorbilder sind,

(Beifall bei der LINKEN)

da sie einen doppelt so hohen Kalorienbedarf haben wie ihre kleinen Fans.

Wir dürfen der Zunahme des Übergewichtsproblems gerade bei Kindern nicht tatenlos zusehen. Die Politik hat die Pflicht, einen guten Start ins Leben durch gesunde Ernährung zu ermöglichen. Dazu muss aber auch die Ernährungswirtschaft in die Schranken verwiesen werden.

(Zuruf von der SPD: Genau!)

Die Ernährungswirtschaft und die Lebensmittelindustrie reden das Problem klein. In einem Brief der Zuckerindustrie wurden wir Abgeordnete jüngst darüber belehrt, warum die Verwendung von weniger Zucker in Lebensmitteln Augenwischerei sei. Zucker würde dann meist nur durch andere Kohlenhydrate wie Stärke oder Mehl ersetzt, und damit bliebe die Kalorienzahl doch fast gleich.
Ja, danke! Meine Damen und Herren, da werde ich langsam sauer.

Die Linke fordert deshalb: Lebensmittelwerbung, die sich an Kinder und Jugendliche richtet, ist zumindest konsequent einzuschränken. Die Finanzierung einer hochwertigen und flächendeckenden Kita- und Schulverpflegung muss durch den Bund sichergestellt werden.

(Beifall bei der LINKEN)

Verbindliche Qualitätsstandards für Gemeinschaftsverpflegung müssen definiert werden. Wir fordern, dass die Nährwertampel eingeführt wird, um verbraucherfreundliche und vergleichbare Lebensmittelinformationen hinsichtlich einer gesundheitsorientierten Ernährung zu ermöglichen.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Und wir müssen die Einflussnahme der Lebensmittelindustrie auf Erziehungs- und Bildungsinhalte unterbinden.

(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)

Das gilt auch für Projekte der Bundesregierung, zum Beispiel für die Plattform Ernährung und Bewegung, peb, bei der die Lebensmittelindustrie am Tisch sitzt und ihre Ansagen macht.

Wir sagen: Am Küchentisch, im Klassenzimmer und im Sportverein müssen Eltern, Lehrer und Trainer das Sagen haben und nicht die Lobbyisten.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der LINKEN)