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Für eine Wissenschaft im gesamtgesellschaftlichen Interesse

Rede von Nele Hirsch,

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Die Linke begrüßt es sehr, dass die Grünen heute das Thema „Gute Lehre“ auf die Tagesordnung gesetzt haben. Im Namen meiner Fraktion möchte ich drei Punkte nennen, mit denen ich teilweise Widerspruch zu den Inhalten des Antrags deutlich mache, sie teilweise aber auch einfach als Ergänzung und Bereicherung anzusehen sind.

Erster Punkt. Uns fehlt in dem Antrag die Feststellung, dass gute Lehre auch immer gute Arbeitsbedingungen bedeutet. Wir als Linke sind der Auffassung, dass sich die Große Koalition in dieser Hinsicht nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, weil sie mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz die Hire-and-fire-Mentalität in der Wissenschaft noch viel stärker verbreitet hat.
Wir finden es auch nicht richtig, dass einfach hingenommen wird, wie mein Kollege Volker Schneider gestern dargestellt hat, dass im akademischen Mittelbau teilweise wirklich katastrophale Arbeitsbedingungen herrschen und der Stundenlohn, beispielsweise für Promovierende, dort unter dem Mindestlohn in der Reinigungsbranche liegt. Die Linke wird das auf keinen Fall akzeptieren. Wenn wir gute Lehre haben wollen, dann muss sich an dieser Stelle etwas ändern.

(Beifall bei der LINKEN)

Zweiter Punkt. Gute Lehre heißt auch, dass wir nicht weiter in die Sackgasse der Elite- und Exzellenzwettbewerbe rennen dürfen. Hier melden wir in Bezug auf den Antrag der Grünen ganz deutlichen Widerspruch an. Nachdem sich jetzt der erste riesige Freudentaumel und die Begeisterung über die erste Exzellenzinitiative der Bundesregierung gelegt haben, zeigt sich, dass schon diese Exzellenzinitiative mehr Probleme aufwirft, als sie Lösungen für die Misere an den Hochschulen anbietet.

Das beste Beispiel ist die Debatte über die Frage, ob die jetzt geförderten Hochschulen in der Förderung bleiben sollen oder ob sie aus ihr wieder herauskommen können. Das ist eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Im ersten Fall zementieren wir eine Zweiklassenbildung, und im zweiten Fall kommen wir zu ganz problematischen hochschulinternen Umverteilungsmechanismen, weil die Hochschulen alles aus den nichtgeförderten Studiengängen herausziehen, um die Exzellenzprojekte weiterzuführen. Das heißt dann in keinem Fall gute Bildung und auch nicht gute Lehre.

Wenn wir gute Lehre erreichen wollen, dann darf es deshalb keine weiteren Runden der Exzellenzinitiative mehr geben, auch nicht mit dem Unterpunkt Lehre. Es muss stattdessen ein finanziell gut ausgestatteter zweiter Hochschulpakt in die Wege geleitet werden, Frau Grütters; das darf nicht nur so ein Tropfen auf den heißen Stein sein wie beim ersten Hochschulpakt.

(Beifall bei der LINKEN - Monika Grütters (CDU/CSU): Besser als keiner, oder?)

Dritter Punkt. Gute Lehre muss auch die Frage beantworten: Was wird eigentlich gelehrt und gelernt? Da bietet sich aus Sicht der Linken ein Blick nach Venezuela an. Ich konnte in der letzten Woche im Rahmen einer Delegationsreise die vor einigen Jahren gegründete Bolivarische Universität in Caracas besuchen. Diese Hochschule ist nicht nur deshalb beeindruckend, weil da soziale Öffnung anders als hier kein Fremdwort, sondern die Grundlage der Hochschule ist, sondern auch deshalb, weil die Einheit von Forschung und Lehre, die bei uns immer wieder betont wird, dort noch um ein drittes Element ergänzt wird, nämlich um das Element der Praxis.

Dazu ein Beispiel. Praxis an dieser Hochschule kann kann so aussehen, dass Studentinnen und Studenten der Architektur direkt in die Armenviertel gehen, sich vor Ort anschauen, was dort überhaupt passiert, das in die Hochschule zurücktragen und überlegen, wie die Wissenschaft dazu beitragen kann, dass ein soziales Grundrecht auf Wohnen realisiert wird.

(Beifall bei der LINKEN)

Schon dieses Beispiel zeigt, dass der Praxisbegriff dort das Gegenteil von dem Praxisbegriff in der deutschen Hochschulpolitik ist. Bei uns geht es rein um Anpassung an bestehende Verhältnisse, um eine bessere kapitalistische Verwertbarkeit, aber nicht um das Vorankommen der Gesellschaft, nicht um eine Wissenschaft im gesamtgesellschaftlichen Interesse.

Wir als Linke hoffen, dass diese Ansätze aus Venezuela auch hier in Deutschland und in Europa aufgegriffen werden und etwas von dieser revolutionären Kraft auch hier ankommt. Diese revolutionäre Kraft brauchen wir für eine gute Lehre an den Hochschulen und auch in allen weiteren gesellschaftlichen Bereichen.

Besten Dank.

(Beifall bei der LINKEN)