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„Für eine kritische und emanzipatorische Jungen- und Männerförderung!“

Rede von Yvonne Ploetz,

Rede im Deutschen Bundestag zur Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (13. Ausschuss) zu dem Antrag der Abgeordneten Dorothee Bär und weiterer Abgeordneter und der Fraktionen CDU/CSU sowie der Abgeordneten Miriam Gruß und weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: „Neue Perspektiven für Jungen und Männer“ (Drucksachen 17/5494, 17/7088)

Sehr geehrte Frau Präsidentin,

liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Mitglieder der Regierungskoalition,


man muss eingestehen: Sie haben schon besorgniserregendere Anträge vorgelegt! Im Grundsatz befürwortet DIE LINKE eine Jungen und Männerpolitik, denn jedes Kind und jede bzw. jeder Jugendliche – egal welchen Geschlechtes, welcher Herkunft, welcher Weltauffassung und unabhängig von seiner oder ihrer sexuellen Identität – muss bestmöglich in seiner Entwicklung gefördert und auf seinem Lebensweg unterstützt werden. Will die Regierung neue Gruppen in eine Förderung einbeziehen, so ist das zunächst einmal zu begrüßen.


Wer ihren Antrag jedoch im Detail liest, wird einige Fragezeichen setzen müssen. Wer ihn im Einzelnen studiert, kommt unweigerlich nicht um einige kritische Fragen und Einwände herum. Warum? Jede Politik der Förderung muss emanzipatorisch sein. Sie sollte bestehende Machtverhältnisse kritisieren und hinterfragen. Bei genau diesem Punkt liegt bei ihrem Antrag die Krux. Denn dies tut ihr Antrag nach meiner Einschätzung nicht. Ihr Antrag darf einerseits nicht dazu führen, dass eine Jungenförderung auf Kosten der bestehenden Frauen- und Mädchenförderung stattfindet. So selbstverständlich dies sein sollte, scheint mir angesichts einer Reihe öffentlicher Äußerungen der Ministerin in der Vergangenheit wichtig zu sein, nochmals nachdrücklich auf diesen Punkt zu verweisen. Sie darf auch nicht dazu führen, dass bestimmte Männlichkeits- und Rollenbilder auf Kosten anderer gefördert werden, dass eben genau jene Jungen nicht gefördert werden, die einer Unterstützung bedürften, zum Beispiel weil sie auf Grund ihrer sexuellen Neigung öffentlich diskriminiert werden. Ich habe hier gewisse Befürchtungen – nicht zu Unrecht, wie ich denke.


Aber zunächst einmal ist festzuhalten, dass sie in ihrem Antrag eine große Zahl von Forderungen aufstellen, die meine ausdrückliche Unterstützung verdienen. Sie wollen z.B. mehr Männer für Erzieherberufe gewinnen – dies wird helfen, alte Stereotype in der Arbeitswelt zu durchbrechen. Und das ist wirklich gut so. Sie wollen Männer in ihren Aufgaben als Väter stärken – zweifelsohne ist dies ein wichtiger Punkt, der angegangen werden sollte. Sie stellen zudem eine Forderung nach neuen und weiteren wissenschaftlichen Studien – es kann nie schaden zu wissen, was der Patient hat, bevor man ihn behandelt. Des Weiteren wollen sie bei der Elternarbeit verstärkt die Väter einbinden – es ist kaum notwendig zu erwähnen, dass dies überfällig ist. Und schließlich ist es insgesamt für unsere Gesellschaft gewinnbringend, wenn eine Politik für junge Menschen aus vielen unterschiedlichen Perspektiven zusammengeführt und gebündelt wird. In all diesen Punkten bin ich ganz auf ihrer Seite.


Jedoch ist das nur die eine Seite der Medaille. Die andere, weniger schöne Seite zeigt sich, wenn man genauer hinsieht, zwischen den Zeilen liest und sie in den Kontext Ihrer Wertevorstellung und Weltansicht stellt. Das erschließt sich, wenn man die vielen Äußerungen der Bundesfrauenministerin Kristina Schröder heranzieht, die wir alle kennen und die dazu geeignet sind, den Antrag in den Zusammenhang ihrer politischen Absichten zu stellen.


Frau Schröder, zunächst eine Anmerkung: Man wird das Gefühl nicht los, dass Sie verzweifelt nach einem konservativen und öffentlichkeitswirksamen Markenkern ihrer Regierungszeit suchen. Sie glauben scheinbar, diesen in der Jungenpolitik gefunden zu haben. Ich hege den Verdacht, dass sie, die Sie immerhin die Frauenministerin sind, mit einem neuen Thema von Ihrer Blockadehaltung in der Frauenpolitik ablenken wollen. Immer stärker rücken Sie die Belange von Jungen und Männern in den Fokus, sie schreiben sie im Koalitionsvertrag fest und wenden sich gleichzeitig von der Mädchenpolitik ab. Jungenpolitik muss aber die Mädchenpolitik sinnvoll ergänzen. Sie darf sie nicht – nicht einmal im Ansatz – verdrängen. Die strukturell verankerte Benachteiligung vieler Mädchen ist nicht zu leugnen und ihre Beseitigung muss unsere zentrale Aufgabe bleiben. Es sollte also darum gehen, eine zusätzliche Förderung zu schaffen, ein Miteinander von Mädchen- und Jungenpolitik auf die Beine zu stellen! Es muss ein Miteinander und kein Gegeneinander geben! Das kann ich bei Ihnen aber nicht erkennen.


Zwar deuten sie die Notwendigkeit eines ergänzenden Miteinanders in dem Feststellungsteil ihres Antrags an. Die in dem Antrag aufgestellten Forderungen beziehen sich aber nur auf männliche Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Den Andeutungen folgen keine Taten. Gleichzeitig entziehen sie in der Förderpraxis heimlich, still und leise den Mädchenprojekten im Kinder- und Jugendplan Gelder und weisen sie den Jungenprojekten zu. Die kritische Frauenforschung hat mit Regelmäßigkeit darauf hingewiesen, dass Frauen und ihre Anliegen im politischen Prozess nicht voll repräsentiert werden. Ich bitte Sie, das Klischee der Frau als nicht repräsentiertes Geschlecht, sollte gerade von dem Ministerium, das sich um Gleichstellung bemühen soll, nicht bedient werden.


Sehr geehrte Damen und Herren der Regierungskoalition, muss ich Sie denn tatsächlich daran erinnern, dass eine Frauen- und Mädchenförderung immer noch vordringlich ist? Dass Sie wirklich weiterhin politisch ganz weit oben auf der Agenda stehen muss? Muss ich sie an all die tief verankerten Benachteiligungen von Frauen in unserer Gesellschaft erinnern? Zum Beispiel im Bildungssystem oder in der Arbeitswelt? Dass prestigeträchtige Berufe immer noch vor allem von Männern dominiert werden? Dass sogenannten Frauenjobs nach wie vor ein geringer gesellschaftlicher Status zugeschrieben wird? Dass Frauen weniger verdienen, nur selten in Aufsichtsräten und auf Chefposten anzutreffen sind? Dass Frauen werden im Durchschnitt trotz gleicher Bildung als unqualifizierter eingestuft werden, weil die Frauendomänen des Arbeitsmarktes im gesellschaftlichen Wertesystem einen geringeren Status haben?
Solche Statuszuschreibungen erschweren die Aufstiegschancen vieler Frauen. Diese Rollenmuster können dazu führen, dass Frauen ihre eigenen Fähigkeiten geringer schätzen. Nach wie vor ist es Gang und Gebe, dass die sogenannten „Old Boys Networks“ Frauen spätestens in der Mitte ihrer Karriereleiter stoppen.
Ähnliches lässt sich beispielsweise über die Situation von Mädchen in der Ausbildung sagen: Weibliche Auszubildende bekommen eine geringere Ausbildungsvergütung, arbeiten oftmals unter schlechteren Bedingungen, machen regelmäßiger Überstunden, erhalten seltener Überstundenausgleiche. Ihre Wünsche bezüglich des Urlaubszeitpunkts werden wesentlich seltener berücksichtigt.


Die Liste an solchen Beispielen könnte ich endlos verlängern. Sie sind in zahlreichen Studien erforscht worden und auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Sie prägen den Alltag von Mädchen und Frauen in fast allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Aber dennoch gibt es in der BRD bis dato keine umfassende politische Strategie zur Überwindung dieser Benachteiligungen, sondern nur Flickwerk.


Ein Punkt in ihrem Antrag hat mich besonders irritiert. Habe ich Sie richtig verstanden, dass Sie die angeblich zu hohe Zahl von Frauen in Erziehungs- und Bildungsberufen problematisch finden, da dadurch – ich zitiere – „positive Vorbilder“ für Jungen fehlen würden. Sogenannte „moderne männliche Rollenvorbilder“, wie es Ihr Ministerium bezeichnet. Frau Schröder, müssen nach ihrer Auffassung Vorbilder für Jungs „echte Kerle“ sein, wie man in gewissen Kreisen ausdrückt? Gibt es nicht ganz verschiedene männliche Rollenbilder? Und sind sie nicht alle gleich viel Wert? Können Frauen nicht für Jungs eine wertvolle Identifikation ermöglichen? Muss nicht gerade auch Jungen und Männern Geschlechterdemokratie, Gleichbehandlung und die Vielfalt der Lebensweisen vermittelt werden? Sollte es nicht gerade auch darum gehen die Männlichkeit in traditioneller Form aufzubrechen und alle Lebensformen, gerade auch beispielsweise der Homosexualität, in einem Projekt, das Jungen fördern will, positiv zu berücksichtigen? Ich denke schon! Ihr Vorschlag weist aber all diese Lücken und Blindflecken auf.
Frau Schröder hat ihre altmodische Sicht auf Geschlechterrollen in einen SPIEGEL-Interview vom 8.11.2010 dargelegt. Dort giftete sie: „Jungs, die bei alleinerziehenden Müttern aufwachsen, bekommen oft, bis sie zwölf Jahre alt sind, weder in der Kita noch in der Grundschule einen Mann zu Gesicht.“ Offensichtlich ein Skandal für sie. Das Zitat von ihr ist nicht weniger als ein unerträglicher Angriff auf all die wundervollen Regenbogenfamilien und die vielen alleinerziehenden Frauen in diesem Land, die sich Tag für Tag hingebungsvoll und gegen all die widrigen Umstände in Beruf und Alltag um ihre Kinder kümmern.


Ich halte es des Weiteren nicht für hilfreich, Jungs zu den sogenannten Sorgenkindern der Bildung zu erklären. Denn es ist eben nicht so, wie uns die schwarz-gelbe Regierung weis machen will, dass Jungs per se schlechter in der Schule sind und deshalb hilfebedürftig sind – ebenso wenig wie angeblich „die“ Mädchen. Die Verliererinnen und Verlierer des Bildungswesens in der BRD zu identifizieren, erfordert Differenzierungsvermögen. Auf jeden Fall gilt es ins Auge zu nehmen, was Thema unzähliger Studien der letzten Jahre war, nämlich, dass es vor allem sozial benachteiligte und arme Kinder und Jugendliche sind, die schlechtere Chancen auf Bildung und späteren beruflichen Erfolg haben. Da müssten sie politisch den Hebel ansetzen! Diesen Punkt im allerletzten Punkt ihres Antrags zu verstecken, dort auszuführen, hier „gegebenenfalls nachjustieren“ zu wollen ist, ist unzureichend und wird dem Problem keinesfalls gerecht! Nicht einmal im Ansatz!


Meine Damen und Herren, in diesem Land, in der reichen BRD, ist mittlerweile jeder 5. Jugendliche von Armut bedroht! es besteht also ein großer sozial-, jugend- und familienpolitischer Handlungsbedarf. Dabei sollten wir festhalten: Nur eine fröhliche und unbelastete Jugend, ist eine wirkliche Jugend! Allen jungen Menschen müssen durch den Gesetzgeber Steine – welcher Art auch immer – aus dem Weg geräumt werden, damit jeder und jede die Möglichkeit hat, seine bzw. ihre eigene Identität, ihre Stellung in der Gesellschaft, ihre ökonomische Eigenständigkeit, zu finden ohne dabei Perspektiv- und Chancenlosigkeit konfrontiert zu werden.


Bitte berücksichtigen Sie unsere Anmerkungen, reden Sie noch einmal ihrer Ministerin ins konservative Gewissen und sie werden sehen, dass auch die linke Seite dieses Hauses einen Antrag aus Ihrer Feder mittragen wird.


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!