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Für die Zukunft der Vergangenheit gedenken

Rede von Katrin Kunert,

TOP 43: Am 40. Jahrestag des Olympiaattentates von 1972 der Opfer öffentlich gedenkenDrucksache: 17/10109

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!


Wenn am 27. Juli 2012 die Eröffnungsfeier für die 30. Olympischen Sommerspiele in London beginnt, wird das für Menschen auf der ganzen Welt ein Tag der Freude sein. Sportbegeisterte Zuschauerinnen und Zuschauer freuen sich auf diesen sportlichen Höhepunkt und werden ihn entweder direkt vor Ort oder am Fernseher erleben.

Sportlerinnen und Sportler, die sich über einen langen Zeitraum auf dieses Ereignis vorbereitet haben, fiebern den Wettkämpfen entgegen. Für viele von ihnen ist eine Teilnahme an Olympischen Spielen die Krönung ihrer sportlichen Laufbahn! Wenn man an Olympische Spiele denkt, hat man zuerst jubelnde Sportlerinnen und Sportler im Kopf, man sieht die applaudierende Zuschauermenge und überall Lachen oder Freudentränen in den Gesichtern. Leider gibt es nicht nur gute Erinnerungen!


Die Erinnerung an die Olympischen Spiele ist auch auf schmerzhafte Weise verbunden mit einem der tragischsten Momente in der Geschichte des Sports. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München drangen nach zehn Tagen heiterer Spiele palästinensische Terroristen in das Olympische Dorf ein, verletzten zwei israelische Sportler tödlich und nahmen neun weitere Mitglieder der israelischen Mannschaft als Geiseln. Dramatische Stunden begannen und fanden ihren traurigen Höhepunkt am Flugplatz Fürstenfeldbruck. Alle neun Geiseln wurden bei einem gescheiterten Befreiungsversuch getötet und auch ein bayerischer Polizeiobermeister sowie fünf der acht Terroristen kamen dabei ums Leben.


Am 5. September dieses Jahres ist der 40. Jahrestag des Olympiaattentats von 1972. Vierzig Jahre sind eine lange Zeit und für einige mag dieses Verbrechen in die Ferne gerückt sein. Einige werden der Meinung sein, dass dieser Anschlag allein der israelischen Mannschaft galt. Ich sehe das anders! Die Opfer, deren Familienangehörigen und Freunden ich auch heute mein ehrliches Mitgefühl aussprechen möchte, waren zwar Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft, aber es gab eben auch einen Polizeibeamten, der an der Schießerei selbst unbeteiligt war und durch den Terror sein Leben verloren hat. Terror geht uns alle an! Terror ist nicht nur eine Bedrohung für das Leben und die Gesundheit vieler Menschen, sondern er gefährdet auch die grundlegenden Werte des menschlichen Zusammenlebens wie Freundschaft, Respekt und Achtung voreinander. Diese Werte sind auch dem Sport immanent. Dieser Terrorakt muss als Anschlag auf die Olympischen Spiele selbst und die dadurch verkörperten Werte verstanden werden. Die Terroristen haben gezielt dieses große Ereignis mit über einhundert teilnehmenden Nationen ausgewählt und für ihre politischen Zwecke missbraucht. Einer der ursprünglichen Werte der Olympischen Spiele ist die Idee des Olympischen Friedens. In der Antike bedeutete dies eine Waffenruhe während der Zeit der Spiele und eine Sicherheitsgarantie für die An- und Abreise. Auch in der Neuzeit gilt dieser Gedanke natürlich fort. Die Olympischen Spiele sollen ein Ort der friedlichen Begegnung und der Möglichkeit des Dialogs zwischen den verschiedenen Nationen sein. Dieser Gedanke des Olympischen Friedens wurde durch das Attentat von 1972 empfindlich gestört.


Ich begrüße den vorliegenden Antrag, denn es ist wichtig, dass man an dieses Ereignis erinnert, egal wie viel Zeit vergangen ist. Der Terror ist nach wie vor allgegenwärtig in der Welt. Umso wichtiger ist es, an diese tragischen Momente zu erinnern und diese Erinnerung mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen. Eine nationale Gedenkfeier am Rande der diesjährigen Olympischen Spiele in London ist meines Erachtens nicht ausreichend. Wer die Augen vor der Vergangenheit verschließt, wird auch blind für die Zukunft und verkennt dadurch vielleicht die Gefahren, die auch heute noch bestehen. Das Attentat bei den Olympischen Spielen 1972 ist das Ground Zero des Sports! Die historische Aufarbeitung des Attentats steckt noch in den Kinderschuhen und sollte umfassend vorangetrieben werden, auch mit Unterstützung des Bundes. Eine akribische Aufarbeitung der Ereignisse ist ebenso wichtig, wie das öffentliche Gedenken. Es ist wichtig zu wissen, mit wem die Terroristen zusammen gearbeitet haben und von wem sie unterstützt wurden. In diesem Bereich besteht großer Handlungsbedarf! Eine erste Sichtung der alten Dokumente belegt, dass die Terroristen damals mit Neonazis kooperierten und der Verfassungsschutz davon hätte Kenntnis haben können. Aktuell haben wir in Deutschland vergleichbare Probleme. Die rechte Terrorzelle NSU konnte über Jahre hinweg unbehelligt Menschen töten und keiner will es bemerkt haben. Sie sehen, der Terror ist mitten unter uns! Aus diesem Grund ist es wichtig, daran zu erinnern. Die Erinnerung ist auch eine Mahnung, dass der Terror angesichts der vielen ungelösten Konflikte und des Hasses in der Welt nichts an Aktualität verloren hat und immer noch eine große Gefahr darstellt.


Ein öffentliches Gedenken an das Attentat von 1972 ist aber auch ein Zeichen an die, die den Terror verbreiten und als Mittel missbrauchen, um ihre Ziele zu erreichen. Es ist ein Zeichen, dass die Werte wie Freundschaft, Frieden, Respekt und Achtung voreinander immer noch gelten und dass man sich auch von Terror nicht unterkriegen lässt. Die Olympische Familie ist größer geworden und vermutlich werden über zweihundert Nationen bei den diesjährigen Olympischen Spielen dabei sein. Ich hoffe auf friedliche Spiele, mit viel Freude und sportlichen Höhepunkten, aber ich hoffe auch, dass man die tragischen Erinnerungen nicht außen vor lässt und ihrer in einem angemessenen Rahmen gedenkt. Eine Schweigeminute wäre keine Gefahr für die Olympische Einheit, sondern vielmehr ein Zeichen von Geschlossenheit. Es wäre ein Symbol, dass man gemeinsam gegen Hass, Gewalt und Terrorismus eintritt.


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!