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Flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn für alle Branchen gleichzeitig einführen

Rede von Steffen Bockhahn,

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine lieben Kolleginnen und Kollegen!

Um an Herrn Brüderle anzuknüpfen: Es stimmt, Deutschland freut sich über die konstant niedrigen Umfragewerte der FDP. Sie liegen sauber unter 5 Prozent. Sie haben gerade bewiesen, warum. (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN))

52 Prozent der Beschäftigten in der Bundesrepublik Deutschland unterliegen noch Branchen- oder Haustarifen. Das heißt, 48 Prozent der Beschäftigten unterliegen keinerlei tariflichem Schutz mehr. Das zeigt, in welche Richtung sich der Arbeitsmarkt entwickelt. Von 36 Millionen Beschäftigten hat ein Drittel nur Teilzeitjobs mit etwa 15 Wochenstunden. Wer soll denn davon leben? Das sind die Erfolge Ihrer Arbeitsmarktpolitik, die Sie hier feiern. Es gibt 1 Million Leiharbeiter in Deutschland, die keinen ausreichenden Schutz vor Kündigung haben und die keine ordentlichen Mitbestimmungsrechte haben. Das verkaufen Sie als Erfolg!

Herr Brüderle und Herr Kauder, wenn Sie hier große Lohnerhöhungen für die kommenden Monate ankündigen, dann haben Sie vielleicht recht hinsichtlich der ganz wenigen Beschäftigten, die in der Exportwirtschaft arbeiten. Aber die vielen Menschen, die in den Dienstleistungsberufen und in den sozialen Berufen arbeiten, haben seit Jahren brutal sinkende Löhne, was zu einer weiteren Verarmung dieser Menschen führt, die eine so wichtige Arbeit machen. Das ist das Ergebnis Ihrer Arbeitsmarktpolitik! (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
In Mecklenburg-Vorpommern, dem bekanntlich schönsten Bundesland,
(Gitta Connemann (CDU/CSU): Das ist nicht richtig! Das ist Niedersachsen!)
geht es vielen Menschen nicht so gut. 45 Prozent aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Mecklenburg-Vorpommern, also fast die Hälfte, arbeiten im Niedriglohnbereich. Etwa zwei Drittel aller unter 25-Jährigen arbeiten ebenfalls im Niedriglohnbereich.
(Zuruf von der FDP: Wer regiert dort?)

Um Ihre Frage zu beantworten: In Mecklenburg-Vorpommern regiert die CDU zusammen mit der SPD. Das ist richtig.

(Max Straubinger (CDU/CSU): Wie die Linke mitregiert hat, war es noch schlimmer!)

Ich habe kein Problem damit, dass die SPD da regiert, aber die brauchen künftig einen ordentlichen Koalitionspartner. Das wird, denke ich, nach dem 4. September auch wieder möglich sein.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
Aber um Ihnen zu sagen, was das bedeutet: In Mecklenburg-Vorpommern erhält man bei einer 40-Stunden-Woche nur etwa 1 000 Euro brutto im Monat nicht in der Woche, im Monat! 1 000 Euro brutto für Vollerwerbsarbeit das ist unwürdig. Es ist unwürdig, dafür Leute arbeiten zu schicken, und das ist kein Erfolg, wenn man solche Arbeitsplätze schafft.
(Beifall bei der LINKEN)
Man kann sehr wohl etwas dagegen tun. Man könnte zum Beispiel mal damit anfangen, einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn für alle Branchen gleichzeitig einzuführen. Das wäre ein Schutz für all diejenigen, die, wie ich eingangs erwähnte, dieser tariflichen Bindung nicht mehr unterliegen. Das wäre eine vernünftige Maßnahme auch im Bereich der Arbeitsmarktpolitik.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) In Richtung SPD muss ich aber das tut mir leid sagen, dass ich nicht verstehe, warum Sie gerade wieder Mindestlöhnen zugestimmt haben, die im Osten und im Westen unterschiedlich hoch sind und dann auch noch in der Leiharbeit. Das funktioniert leider auch nicht. Das müssen Sie noch mal überdenken.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
Ich glaube aber, dass Ihre vermeintlichen Erfolge am Arbeitsmarkt noch zu ganz anderen Problemen führen. Laut Statistik haben wir etwa 3 Millionen Arbeitslose. Das ist ein Erfolg, sagen Sie. Das Problem ist, dass die Zahl, wenn Sie sich einmal anschauen, wen Sie alles nicht mehr in die Statistik hineinrechnen, plötzlich nicht mehr so kuschelig wirkt.
(Jutta Krellmann (DIE LINKE): Genau!)
Wen betrifft das also? Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über 58 Jahre tauchen nicht mehr in Ihrer Statistik auf. Leute, die gerade Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung haben, also 1-Euro-Jobber, werden da nicht mehr eingerechnet.
(Max Straubinger (CDU/CSU): In der Tradition, wo Sie stehen, ist Statistikfälschung Grundprinzip!)

Leute, die in Bildungsmaßnahmen sind, werden da nicht mehr eingerechnet. Aber noch verrückter ist, das finde ich besonders toll, Arbeitslose, die krankgeschrieben sind, sind nicht mehr arbeitslos. Die werden in die Statistik nicht eingerechnet. Da drücken Sie jeden Monat 70 000 bis 80 000 Arbeitslose aus der Statistik. Ihre Statistiken sind nicht ehrlich. Wir haben etwa 4 Millionen fehlende Arbeitsplätze in Deutschland, wir haben 4 Millionen Arbeitslose in Deutschland. Das ist der Erfolg Ihrer Politik. Das ist aber kein Erfolg, denn er führt dazu, dass die Kommunen gravierende Probleme bekommen. Es mag Sie verwundern, dass ich das sage. Aber das Problem sind die vielen Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter, die vielen Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten gerade im Bereich des Tourismus, gerade im Bereich des Hotel- und Gaststättengewerbes. Die gehen als Aufstockerinnen und Aufstocker zum Jobcenter. Ich weiß nicht, Herr Brüderle, ob Ihnen das klar ist, wenn Sie die Lohnerfolge so bejubeln: 13 Milliarden Euro, 13 Milliarden Euro! geben wir in jedem Jahr für Aufstockerinnen und Aufstocker im Hartz-IV-Bezug aus.
(Max Straubinger (CDU/CSU): Das ist gelebte Solidarität!)

Das sind 13 Milliarden Euro direkte Lohnsubvention an die Unternehmerinnen und Unternehmer. Ich finde, das Geld ist falsch angelegt. Ich glaube, damit könnten wir Besseres machen.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Meine Damen und Herren, das nächste Problem in dem Bereich besteht darin, dass den Kommunen dieses Geld, das sie unter anderem mit aufwenden müssen, um diese Armut trotz Arbeit auszugleichen, fehlt, um Schulen zu sanieren, um Sportplätze offen und in einem guten Zustand zu halten, das fehlt, um Kulturarbeit zu ermöglichen, das fehlt an allen Ecken und Enden. Ihre Arbeitsmarktpolitik führt nicht nur zu einer stärkeren Spaltung in Arm und Reich, Ihre Arbeitsmarktpolitik führt nicht nur dazu, dass Menschen in Armut leben, obwohl sie arbeiten, sondern Ihre Arbeitsmarktpolitik führt auch dazu, dass die Kommunen in Deutschland pleite sind und damit das Land von unten her kaputtgeht.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten und des Abg. Anton Schaaf (SPD))