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Europa, einig Sportlerland - ein langer Weg

Rede von Jens Petermann,

Frau Präsidentin/Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren,
vier Wochen waren die Blicke der Sportwelt auf Afrika gerichtet. Zwischenzeitlich schien es, als würden die Europäer ihre Vormachtstellung im Fußball verlieren. Wie hätte Europa reagiert, wenn plötzlich nur noch eine Mannschaft aus der „alten Welt“ im Wettbewerb gewesen wäre? Es ist kaum vorstellbar, dass sich ganz Europa hinter dieses eine Team gestellt hätte - wie ganz Afrika hinter Ghana stand.
Sport ist identitätsstiftend, und unsere europäische Identität steckt noch in den Kinderschuhen - nicht nur im Sport, aber hier ganz besonders.
Was ist dann also europäischer Sport, wie lassen sich hier Gemeinsamkeiten herausbilden - ohne dass sie einfach von oben zu solchen erklärt werden? In den Anträgen aller Fraktionen werden verschiedene Problemstellungen durchaus treffend aufgezeigt. Aber die Wegbeschreibungen zu möglichen Lösungen fehlen. Und die allzu kurze „Debatte“ im Sportausschuss hat gezeigt, dass es dazu aus der Regierung auch wenig Ideen gibt.
DIE LINKE hat dazu Ideen, die sich vor allem auf den Breitensport konzentrieren. Wir haben es auch bereits mehrfach gesagt: Um Schul-, Freizeit- und Vereinssport sinnvoll zu fördern, brauchen wir ein Sportfördergesetz des Bundes. Was bringt es, wenn die Länder und Kommunen alleine vor sich hin fördern, die Maßnahmen aber nicht sinnvoll miteinander verzahnt werden?
An einem Beispiel lässt sich die Notwendigkeit, die verschiedenen Ebenen der Sportförderung zu verbinden, gut darstellen: Am Sportgymnasium in Oberhof - in meinem Thüringer Wahlkreis - gibt es ein Nachwuchsproblem bei den Rodel-Trainern: Zum einen sind da die Anforderungen einer pädagogischen Ausbildung und der leistungssportlichen Erfahrung. Das allein ist schon sehr anspruchsvoll. Auf der anderen Seite gibt es die Arbeitsverträge für Lehrer, die stets für ein Jahr auf geringstmöglichem Tarifniveau befristet sind. Sowohl sportlich als auch persönlich ist auf dieser Basis eine wenigstens mittelfristige Planung unmöglich. Irgendwie kann man da schon verstehen, dass es eigentlich keine Anwärter für den Job gibt. Aber der Bund am Olympiastützpunkt Oberhof und das Land, das den Lehrer bezahlen muss, haben halt unterschiedliche Vorstellungen. Wer so agiert, stellt die Zukunft des Sportnachwuchses in Frage.
Sowohl das „Weißbuch Sport“ als auch die Entschließung des Europäischen Parlaments haben dem Breitensport eine herausgehobene Rolle zugeschrieben. Aber der Bund ziert sich weiterhin, hier eine Verschiebung der Schwerpunkte vorzunehmen. Die schwarz-gelben Koalitionäre haben dem vor wenigen Monaten gar noch die Krone aufgesetzt. Das Sportstättenprogramm „Goldener Plan Ost“ wurde gestrichen, statt es auf marode Sportanlagen auch in den alten Ländern auszudehnen - wie von der LINKEN gefordert. Die Bundesregierung überlässt die Plätze und Hallen allein den leeren Kassen der Kommunen. Das ist gesellschaftspolitischer Unsinn.
Dem Antrag der Koalition können wir aus mehreren Gründen nicht zustimmen. Allerdings möchte ich einen ganz besonders hervorheben. Schwarz-Gelb ist stolz, dass sich ihr Vorhaben „Sport in Europa“ auf fünf Punkte konzentriert und nicht so eine Ansammlung von Aufgaben aufzählt wie die Anträge von SPD und Grünen. Aber in diesen Ansammlungen wird ein Problem wenigstens benannt, das ein wirkliches Problem darstellt, das der Koalitionsantrag schlicht negiert:
Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus.
Das ist nicht nur fahrlässig, das ist gefährlich und ignorant.
Mithilfe der neuen Kompetenzen auf der europäischen Ebene muss jetzt die Chance genutzt werden, um den Kampf gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus voranzutreiben - das gilt für den Spitzensport, aber insbesondere für den Breitensport.
Inzwischen lässt sich zwar im Fußball, bei den Fans der einzelnen Nationalmannschaften in Europa, ein Rückgang der sichtbaren rechtsextremen Äußerungsformen feststellen. Bei Auswärtsspielen aber haben massive rassistische und/oder rechtsextreme Verhaltensweisen Konjunktur. Ich will hier nur an die Spiele der Deutschen Nationalmannschaft in Celje im März 2005 und Bratislava im September 2006 erinnern.
Allerdings sind das keine neuen Erscheinungen, sondern konstatieren eine sogenannte „Wellenbewegung“ von gewalttätigen Ausschreitungen, vor allem bei Spielen in Osteuropa. Der bereits angedeutete Rückgang von problematischen Verhaltensweisen, bedeutet nicht unbedingt einen Rückgang von problematischen Einstellungsmustern. Interviews von Fans und Experten weisen darauf hin, dass problematische Einstellungsmuster - insbesondere im Rechtsextremismus - unsichtbarer geworden sind. Genau hier muss die Idee von einem gemeinsamen Europa ansetzen, um diesen europafeindlichen Strömungen entgegenzuwirken.
Auffallend auf nationaler Ebene ist, dass es eine Verlagerung von rassistischen und rechtsextremen Verhaltensweisen von der Bundesliga in die unteren Ligen gibt. Die Hauptursache hierfür, liegt im Fehlen von Fanprojekten und der mangelnden finanziellen Ausstattung unterklassiger Vereine. Dieser Fehlentwicklung könnte man mit einem bundesweiten Sportfördergesetz entgegenwirken, um sozialpräventive Fanarbeit der Vereine mit finanziellen Mitteln zu unterstützen. Dabei sollte Antirassismus als Querschnittsaufgabe und nicht als Pflichtprogramm in einer europaweiten und internationalen Debatte verstanden werden. Ausgangspunkt muss dabei eine kontinuierliche Arbeit mit unterschiedlichen Ansätzen und einer konstruktiv-vernetzenden Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure sein.
Und noch etwas möchte ich hier anmerken: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus werden im Fußballstadion durchaus wahrgenommen und zum Teil kritisch diskutiert. Schwulenfeindlichkeit und Sexismus hingegen werden immer noch nahezu totgeschwiegen. Es hat sich soetwas wie eine Hierarchie von Diskriminierungen entwickelt. Homophobe Fangesänge gehören zum Standardrepertoire in vielen Fußballstadien, die nicht weiter in Frage gestellt werden. Gleichzeitig gehört Fußball zu einer der letzten gesellschaftlichen Bastionen, in denen Homo-Sexualität weitgehend ein Tabu ist. Sexistische Merchandising-Artikel sind weit verbreitet und gelten als „normaler“ Bestandteil der Fankultur.
Mir ist unverständlich, wie die Koalition solche Entwicklungen ignorieren kann und den Kampf gegen fremdenfeindliches Verhalten nicht in ihren Maßnahmen-Katalog aufnimmt.
Vielleicht ist es ja auch vermessen, von einem „Maßnahmen“-Katalog zu sprechen. Ich lese in diesem Antrag Absichtsbekundungen. Aber mehr oder weniger wohlformulierte Sätze haben noch selten etwas bewirkt. Es braucht aber mehr als lauwarme Worte, um im Sport hierzulande wie auch in Europa etwas zu bewegen.
DIE LINKE im Deutschen Bundestag wird sich dem annehmen und entsprechende parlamentarische Initiativen einbringen.