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Es gibt keine „perfekten“ Menschen

Rede von Ilja Seifert,

Frau Präsidentin! Meine lieben Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren!

Wir reden heute über das Bild vom Menschen, das unser gesellschaftliches Zusammenleben prägt. Dies ist ein philosophisches Thema, für manche ist es ein theologisches; aber wir treffen am Ende eine politische Entscheidung.

Welche Erwartungen würden denn geweckt, wenn auch nur der Anschein entstünde, man könne die Geburt eines gesunden Kindes garantieren? Es gibt keine perfekten Menschen; niemand von uns ist das.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN, der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Das, was hier als „medizinischer Fortschritt“ daherkommt, ist geeignet, Illusionen zu nähren, dass es eines Tages doch so etwas wie „ewige Gesundheit“, „ewige Schönheit“, womöglich gar „ewiges Leben“ herstellbar seien. Ich verstehe jeden Kinderwunsch; jede und jeder, die hier sprachen, betonten das. Aber - das sagte ich bereits in der ersten Lesung - es gibt kein Recht auf ein Kind, erst recht nicht auf ein makelloses Kind; allenfalls - das ist hier weniger betont worden - gibt es den Anspruch auf Elternschaft. Deshalb wiederhole ich: Adoptionen sind alles andere als zweite Wahl. Ich wiederhole das hier deshalb, weil mich viele Menschen genau in dieser Aussage bestärkten. Das ist die Alternative, nicht die Vor-Auswahl im Reagenzglas!
(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Wir brauchen gar nicht weit in die Zukunft zu blicken und auch nicht über die Ausbreitung illusionärer Wunschvorstellungen zu spekulieren. Ich möchte Ihnen, meine Damen und Herren PID-Befürworterinnen und -Befürworter, eine ganz irdische Frage stellen: Wir wollen Sie allen Ernstes verhindern, dass in gar nicht allzu ferner Zeit, zum Beispiel unter Berufung auf den Gleichbehandlungsgrundsatz, auch nichtbelastete Paare während der künstlichen Befruchtung eine PID für ihre Embryonen erstreiten?
(Zuruf von der SPD: Ja!)

Weiter: Wie wollen Sie verhindern, dass, weil die Zelle schon untersucht, also zerstört, worden ist, nicht auch gleich einmal nach anderen Erbanlagen geschaut wird, beispielsweise nach spätmanifestierenden? Wie wollen Sie allen Ernstes verhindern, dass aus dem Kinderwunsch bald auch Wunschkinder mit speziell geplanten Eigenschaften werden?
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN und der CDU/CSU)

Die Versuchung ist jedenfalls groß, sowohl bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als auch bei Ärztinnen und Ärzten als auch bei Klinikbetreiberinnen und Klinikbetreibern und nicht zuletzt bei potenziellen Eltern. Wenn es uns um das Menschenbild geht, muss ich daran erinnern, welche Schritte logischerweise folgen, wenn wir heute kein deutliches „Halt!“ setzen. Ein weiterer Punkt, auf den ich häufig angesprochen wurde, war die Aussage, dass jede Debatte über Präimplantationsdiagnostik die Frage nach dem Wert oder eben auch Unwert menschlichen Lebens stellt, ob wir es wollen oder nicht. Lassen Sie uns also bitte eine Entscheidung treffen, die niemandes Leben abwertet.
(Beifall bei der LINKEN, der CDU/CSU und der SPD)

Besondere Beachtung, sei es in Form von Zustimmung, sei es in Form von Ablehnung, fand meine Aussage, dass ich Dutzende von Frauen und Männern unterschiedlichen Alters kenne, die angesichts der aktuellen Debatte und der damit verbundenen Erwartungen nichts anderes denken können als: Hätten diese Möglichkeiten schon vor meiner Geburt existiert, gäbe es mich nicht. Sie, diese Menschen, nehmen die PID und übrigens auch die Auswirkungen der Pränataldiagnostik sehr persönlich. Sie haben schlicht Angst, per Gesetz als „nicht nötig“, als „vermeidbar“ zu erscheinen.
Zustimmung kam von denen, die in genau dieser Lage sind. Sie hatten das Gefühl, dass ihre Lebensinteressen gegen den Wunsch einiger Paare nach einem genetisch eigenen Kind, nach einem genetisch eigenen, gesunden Kind ausgespielt werden. Die Ablehnung bestand darin, dass man mir unfaire Stimmungsmache vorwarf, weil ich Emotionen heraufbeschwört hätte. Ja, dazu bekenne ich mich: Diese Debatte ist hochemotional.
(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Heute werden wir abstimmen. Auch diejenigen von Ihnen, meine Kolleginnen und Kollegen, die sich bisher nicht festlegten, werden sich entscheiden. Ich versuche, Sie von der Richtigkeit eines vollständigen PID-Verbots zu überzeugen. Deshalb wiederhole ich: Niemand bestreitet, dass ein Leben mit schweren Beeinträchtigungen weder sonderlich wünschens- noch gar erstrebenswert ist. Wer aber ein solches Leben führt, für die- oder denjenigen gibt es nichts Wichtigeres. Es ist nämlich das einzige Leben. Es hat gute und weniger gute Tage, traurige und weniger traurige Momente, Erfolgs- und Misserfolgserlebnisse. Aber: Es ist DAS LEBEN.
(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Ich möchte zwei weitere Argumentationslinien infrage stellen, über die eine mehr oder weniger begrenzte Zulassung der PID befürwortet wird. Da hören wir erstens das Argument, sie sei nur eine kleine Ergänzung des ohnehin seit Jahren bestehenden Reproduktionsrechts. Zweitens sagt man, die PID sei in vielen anderen Ländern gang und gäbe; wir würden also nur den PID-Tourismus derjenigen, die es sich leisten können, organisieren. Ich bitte Sie: Wieso müssen wir einen Weg weitergehen, von dem wir wissen zumindest ahnen wir es , dass er ein Irrweg ist? Mag sein, dass wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht die Kraft aufbringen, gemeinsam umzukehren; aber innehalten können wir.
(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Wir können unsere ethischen Maßstäbe offensiv vertreten.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, vor allen Dingen: liebe noch suchenden Kolleginnen und Kollegen, spätestens seit der UN-Behindertenrechtskonvention wissen wir und wollen wir, dass Menschen mit Behinderungen Teil der Menschheit, Teil unseres gesamten Wirs sind. Sie gehören dazu. Wir wissen, dass noch große Anstrengungen erforderlich sind, ihnen gleiche Teilhabe und freie Persönlichkeitsentfaltung zu verschaffen. Es ist viel besser, diese Bedingungen zu schaffen, als vergeblich zu versuchen, Menschen, die anders sind, zu verhindern.
Vielen Dank.
(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)