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Eine Quote gewährleistet Vielfalt und damit Qualität im Kulturbereich

Rede von Sigrid Hupach,

Wie Sie alle wissen, ist derzeit Berlinale. Letzten Montag war ich in der Bubble der Initiative Pro Quote Regie am Potsdamer Platz.

(Steffi Lemke (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wir auch!)

Diese Initiative hatte zu Gesprächen, Diskussionen und Statements rund um die Gleichstellung eingeladen. Im vergangenen Jahr hat sie für viel Aufregung gesorgt, indem sie einfach pure Fakten zur Benachteiligung von Frauen im Filmbereich in die breite Öffentlichkeit getragen hat.

Seit dem Wochenende liegt nun auch der zweite Diversitätsbericht des Bundesverbandes Regie vor. Danach sind die Zahlen für 2014 noch schlimmer als die der Jahre 2010 bis 2013. 2014 führten Frauen bei der ARD nur bei 11,2 Prozent aller Filme und Serien in der Primetime Regie. Beim ZDF waren es sogar nur 8,4 Prozent.

Eine Ursache dafür liegt unter anderem in der ungleichen Verteilung der Fördermittel. 83 Prozent aller Filmfördermittel gehen in Deutschland an Männer, und nur 17 Prozent werden für Filme bereitgestellt, bei denen Frauen Regie führen. Bei Filmen mit einem Budget von über 5 Millionen Euro hat 2014 übrigens keine einzige Frau Regie geführt, und das liegt nicht daran, dass es zu wenige Frauen in diesem Bereich gibt; denn 42 Prozent der Absolventinnen und Absolventen der Filmhochschulen sind Frauen.

Keineswegs büßen diese sehr gut ausgebildeten Absolventinnen kurz nach dem Diplom auf geheimnisvolle Weise einen Großteil ihres Könnens und ihrer Kreativität ein. Nein, es liegt daran, dass die Gremien und die Jurys, die über die Vergabe von Projekten und Fördermitteln entscheiden, männlich dominiert sind.

(Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE): Peinlich!)

Das belegen auch die Zahlen einer Studie der Filmuniversität Babelsberg: Fünf Jahre nach Studienabschluss arbeiteten 100 Prozent der Regisseure in ihrem Beruf, aber nur 25 Prozent der Frauen. Die Aufträge bekamen die Männer, so ihre Angabe in der Studie, auf Empfehlung.

Diese Zahlen sollten uns vor allem deswegen alarmieren, weil es hier um die Vergabe von öffentlichen Geldern geht.

In Kürze wird, wie meine Kollegin auch schon sagte, der Deutsche Kulturrat eine Studie vorlegen, die wohl auch die strukturellen Hürden aufzeigen wird, mit denen die Frauen im Kultur- und Medienbereich zu kämpfen haben.

Als wir im Ausschuss den vorliegenden Antrag der Grünen beraten haben, hat die CDU/CSU-Fraktion ihre Ablehnung damit begründet, dass man erst einmal das Zahlenmaterial abwarten müsse, um dann konkrete Schlussfolgerungen ziehen zu können. Und um wirklich nichts verändern zu müssen, fügte sie noch hinzu, dass man nicht in den künstlerischen Wettbewerb eingreifen dürfe - ein altbekanntes Totschlagargument: Der Bessere setzt sich durch. Aber wenn man sich nur etwas mit der Situation von Frauen im Kultur- und Medienbetrieb auseinandergesetzt hätte, wüsste man schon längst, was zu tun ist.

Wir Linke sagen deshalb: Wir brauchen verbindliche Vorgaben für die Vergabe von Fördergeldern, Preisen und Stipendien und für die Zusammensetzung der Auswahlgremien.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Unter den 15 Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse sind übrigens auch nur fünf Frauen, im Bereich Sachbuch/Essayistik keine einzige.

Wir brauchen außerdem die Aufhebung von Altersgrenzen bei Stipendien und Preisen. Denn Frauen über 35 und mit Kindern haben es besonders schwer.

Wir brauchen ein regelmäßiges Gender-Monitoring,

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

auch, um den Erfolg oder das Nichtwirksamwerden von Maßnahmen transparent nachverfolgen und gegebenenfalls korrigieren zu können.

Weiterhin brauchen wir kluge Ideen wie zum Beispiel das Vorspielen hinter dem Vorhang. Denn findet das Probespiel von Orchestermusikerinnen und ‑musikern hinter dem Vorhang statt, erhöht sich die Chance für Frauen, in den Vorrunden weiterzukommen, um 50 Prozent, in der Finalrunde sogar um 300 Prozent.

Wir brauchen auch wirksame Mittel gegen prekäre Lebens- und Arbeitsverhältnisse im Kultur- und Medienbereich;

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

denn Frauen sind wie immer auch da stärker betroffen. Helfen könnten da gleiche Löhne, Ausstellungsvergütungen, Mindesthonorare oder auch neue Arbeitszeitmodelle.

Und ja: Vor allem brauchen wir die Quote bei der Besetzung von Leitungsfunktionen, Gremien und Jurys und vor allen Dingen wirksame Sanktionen bei deren Nichteinhaltung.

(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Tabea Rößner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN))

Die Filmemacherin Maria Mohr sagte bei der Anhörung zum vorliegenden Antrag den aufschlussreichen Satz: „Kunst ist immer Training und Talent.“ Frauen wird die Gelegenheit zum Training jedoch systematisch genommen.

Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen von der Koalition, bei der anstehenden Novelle des Filmförderungsgesetzes bietet sich nun eine gute Chance, mit ganz konkreten Maßnahmen die festgefahrenen Strukturen endlich aufzubrechen und damit für mehr Gleichstellung und mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Dazu gehört auch eine Quotenregelung, die keineswegs einen vermeintlich freien Wettbewerb verzerrt, sondern einen verzerrten Wettbewerb korrigiert.

(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Ulle Schauws (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN))

Denn Qualität entsteht durch Vielfalt. Eine Quote gewährleistet diese Vielfalt und damit eben auch die Qualität.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)