Zum Hauptinhalt springen

Die Fußball-Weltmeisterschaft - Eine Chance für Südafrika

Rede von Jens Petermann,

46. Sitzung des Deutschen Bundestages, 10. Juni 2010, TOP 17, Drucksache 17/1959

Fraktion DIE LINKE.

Frau Präsidentin/Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren,
Südafrika hat unter Präsident Nelson Mandela wichtige Sportereignisse ausgerichtet: 1995 die Rugby-Weltmeisterschaft, 1997 den Africa Cup of Nations. Beide Turniere haben die Gastgeber überraschend gewonnen. Beide Turniere haben Südafrika wichtige Impulse gegeben mit Blick auf eine gemeinsame „Nation“.
Morgen wird die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika eröffnet. Ab morgen könnten also Zeichen gesetzt werden, zum ersten Mal wird ein echtes sportliches Großereignis auf dem afrikanischen Kontinent stattfinden.
Die Südafrikaner haben große Hoffnung in diese Weltmeisterschaft gelegt: Wirtschaftlicher Fortschritt, eine deutlich verbesserte Infrastruktur und - und das vor allem - wieder ein stärkeres Gefühl, zusammenzugehören.
All das wäre diesem Land zu wünschen. Noch nie waren die Blicke der Welt so sehr auf diesen Kontinent gerichtet wie jetzt. Aber was sind das für Blicke? Da schwang und schwingt eine Menge Afrika-Pessimismus mit. Es gab und gibt ein Negativ-Bild vom Krisen Katastrophen- und Hungerkontinent Afrika - gerade auch hier, in Europa.
Eigentlich ist Südafrika ein wohlhabendes Land mit allen seinen Naturschönheiten, seiner Fauna, seinen Weinbergen; aber das ist das Land, das die Touristen sehen. Und die meisten Fans werden auch während der WM Vieles nicht sehen. Hier irrt der SPD-Antrag: Es ist nicht gewollt, dass Townships an den touristischen Verkehrsadern sichtbar sind. Deshalb hat es Umsiedlungen gegeben. In „Tin Can City“ wohnen die Menschen in einfachen Wellblechhütten, ohne sanitäre Versorgung.
Und es ist auch nicht gewollt, dass es - aus Sicherheitsgründen?!? - Versammlungen in der Nähe der WM-Stadien gibt. Nur leider betrifft dies auch Fußball- und Bolzplätze. Junge, vor allem schwarze Freizeitkicker sind so vier Wochen lang, auf Geheiß der FIFA, ohne sportliche Heimat, eine ansich absurde Maßnahme.
Fast 50 Prozent der Menschen in Südafrika leben unterhalb der Armutsgrenze - im dennoch wohlhabendsten Land des afrikanischen Kontinents. Fast alle diese Menschen sind schwarz. Die politische Apartheid mag beendet sein, die ökonomische ist es längst nicht. Nirgendwo in Afrika klafft die Schere zwischen arm und reich so weit auseinander wie im gastgebenden Land der Fußball-WM 2010.
Fraglos wird insbesondere die Verkehrsinfrastruktur in Südafrika nach der WM besser sein als zuvor. Vorher gab es keine. Es sollte keine geben. Im Rassismus war die Mobilität der schwarzen Bevölkerung nicht erwünscht. Ja, es ist sehr viel Geld in die Infrastruktur geflossen. Aber, wer kann sich ein Auto oder ein Ticket für den Super-Schnellzug leisten? Die meisten Schwarzen fahren mit dem Sammeltaxi oder dem „Armen-Zug“ - zehn Stunden für umgerechnet sechs Euro. Allerdings muss ein Drittel der Bevölkerung mit weniger als 15 Rand am Tag auskommen - umgerechnet ein Euro 35 Cent.
Gerne wird vom „schönen Schein“ gesprochen, wenn die Rede von Südafrika ist. Nicht wenige vermuten, dass nach dem Abpfiff der Weltmeisterschaft zumindest Katerstimmung aufkommt. Einige Anzeichen dafür sind bereits offenkundig: Eine Million Jobs sollte die WM Südafrika bringen. Stattdessen sind anscheinend genauso viele Jobs im vergangenen Jahr verloren gegangen. Die streng begrenzten Zonen - vorbehalten den FIFA-Sponsoren - schließen die einheimischen Händler aus. Kein Fan-Tourist wir in Stadionnähe in den Genuss einer authentischen südafrikanischen Garküche kommen.
Der Zuschlag für Südafrika hat bei Vielen - zu Recht - Begehrlichkeiten auf Teilhabe geweckt. Denn auch zwanzig Jahre nach Ende der politischen Apartheid leben die Südafrikaner in Parallelgesellschaften - viele Schwarze in Blechhüttendörfern irgendwo im „Regenbogenland“. Wie echt ist die Einheit, die wir in den kommenden vier Wochen in Südafrika sehen werden? Ist eine Einheit bei einer derartigen ökonomischen Ungleichheit überhaupt möglich?
Als Sportler und Fußball-Fan bin ich froh, dass die WM zum ersten Mal auf dem afrikanischen Kontinent stattfinden wird. Zudem hoffe ich, dass dieses Sportereignis einen kleinen Teil dazu beitragen wird, den Rassismus ein wenig „zurückzudrängen“. Aber ich warne davor, in einem derart kommerzialisierten Event einen Heilsbringer zu sehen, der es nicht sein kann. So sehr ich das bedaure.