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Die Dramatik des Klimawandels wird uns zu mehr Taten zwingen

Rede von Eva Bulling-Schröter,

Tagesordnungspunkt 39- Anträge SPD, LINKE und Grüne - EU-Klimaziel anheben – 30 Prozent Emissionsminderung bis 2020 gegenüber 1990> Drucksachen 17/9561, 17/9562, 17/9175, 17/9993

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen,
die Opposition ist sich einig. Und auch große Teile der Koalition, jedenfalls im Umweltausschuss, sind für eine Anhebung des bedingungslosen EU-Klimaschutzziels auf 30 Prozent Minderung bis 2020 gegenüber 1990.
Ich hoffe, die Bundesregierung wird sich im EU-Rat so positionieren, wie sie sich im Fortschrittsbericht zur Nachhaltigkeitsstrategie festgelegt hat. Und zwar „dass Deutschland minus 30 Prozent EU-weit mitträgt, wenn auf die Bundesrepublik keine zusätzlichen Emissionsminderungen über die Selbstverpflichtung von national minus 40 Prozent hinzukommen und alle EU-Staaten einen fairen Beitrag leisten.“

Sie werden verstehen, dass wir etwas misstrauisch sind, ob die Bundesregierung das Bekenntnis zu 30 Prozent in Brüssel auch wirklich klar kommuniziert. Denn die Koalitionsfraktionen waren im Ausschuss nicht bereit, bei einem entsprechenden fraktionsübergreifenden Antrag mitzumachen.

Ich darf allerdings einschränken, dass die Position der Bundesregierung, selbst wenn sie denn ehrlich gemeint ist, klimapolitisch kein allzu großer Wurf ist. Schließlich sind minus 25 bis minus 40 Prozent bei den Industriestaaten das Mindeste, was aus Sicht der Wissenschaft erforderlich ist, um den Klimawandel - mit nur Zweidrittel Wahrscheinlichkeit - auf zwei Grad Erwärmung begrenzen zu können.
In dem Zusammenhang wundert mich übrigens die Enthaltung der Grünen und der SPD im Ausschuss zu unserem Antrag. Dem Vernehmen nach war zumindest bei den Grünen das Argument gegen eine Zustimmung, dass die LINKE die Bundesregierung auffordert, in Brüssel für eine weiter Verschärfung des EU-Klimaschutzziels bis 2020 über 30 Prozent hinaus einzutreten.

Ich frage mich, was wäre denn so furchtbar schlimm daran? Was ist das politische Problem für die Grünen, wenn sich die EU zu minus 40 Prozent bis 2020 verpflichten würde? Darf man so etwas als Oppositionspartei nicht mehr fordern, angesichts der Dramatik des Klimawandels? Werden wir nicht sogar gezwungen sein, noch eine Schippe drauf zu packen, weil Schwellenländer und USA viel mehr Treibhausgase ausstoßen, als in der Zeit vorauszusehen war in der der Minderungspfad von den Wissenschaftlern des IPCC errechnet wurde?

In diesem Zusammenhang möchte ich anmerken, dass das Klimaschutzgesetz von SPD und Grünen in NRW eher wenig ambitioniert ist. Die Treibhausgasemissionen des Bundeslandes sollen bis zum Jahr 2020 um nur 25 Prozent im Vergleich zu den Gesamtemissionen des Jahres 1990 verringert werden. Die 25 Prozent sind für das Braunkohleland NRW aber viel zu niedrig. Damit wird das 40-Prozent-Minderungsziel der Bundesregierung für Deutschland praktisch unerfüllbar: Da Bayern oder Baden-Württemberg historisch bedingt einen Brennstoffwechsel von Atom zu Erneuerbaren und Gas zu bewältigen haben, können diese ehemaligen „Atom-Länder“ realistisch bis 2020 nur CO2-Minderungsziele deutlich unter 40 Prozent erreichen. In der Verantwortung stehen hier darum am stärksten die Bundesländer mit einem hohen Anteil an Braunkohleverstromung. Schließlich bringt hier der Wechsel zu Erneuerbaren und Gas automatisch enorme CO2-Einsparungen mit sich.

An der Spitze - weil auch mit 72 Prozent mit dem höchsten Anteil Braunkohlestrom am Erzeugungs-Strommix - müsste hier NRW stehen. Gefragt wäre also ein signifikant schärferes Klimaschutzziel von deutlich über minus 40 Minderung, anstatt deutlich darunter. Brandenburg hat hier immerhin minus 40 abgeliefert, was auch noch zu schlapp ist. Rot-Grün in NRW entzieht sich mit 25 Prozent jedoch weitgehend der Verantwortung!
Aber zurück zu Europa. Schärfere Klimaschutzziele sind in der EU natürlich sehr schwer umzusetzen. Wir sehen beispielsweise die Probleme Polens. Ein Land, welches 89 Prozent seiner Stromerzeugung mit Braun- oder Steinkohle realisiert. Doch genau darum fordern wir in unserem Antrag, ähnlich wie die Grünen, entsprechende Hilfestellungen für unseren kohlegeplagten Nachbarstaat.

Was die Stillegung von Emissionsrechten angeht, die wir als einzige auch in unserem Antrag fordern, so decken sich unsere Vorstellungen hier weitgehend mit jenen Forderungen, die das Ökoinstitut diese Woche in der Studie aufgemacht hat. Sie wurde im Auftrag von WWF und Greenpeace erstellt.
Nach der Studie sollten angesichts des Überschusses von zwei Milliarden Verschmutzungsrechten 1,4 Milliarden Zertifikate für mindestens zehn Jahre stillgelegt werden. Zudem seien die Anrechenbarkeit von CDM-Gutschriften für die Unternehmen aus Klimaprojekten in der Dritten Welt zu begrenzen. Und schließlich müsse die jährlichen Emissions-Minderungsvorgabe der EU und damit das zu schwache europäische Klimaziel "deutlich verschärft" werden.

Unsere Worte, kann ich da nur sagen. Natürlich wissenschaftlich besser unterfüttert.
Ich denke, unter dem Strich hat die LINKE einen runden Antrag hingelegt, die Zustimmung sollte diesem Haus - auch nach den eindeutigen Ergebnissen der Anhörung am 23. Mai - nicht schwer fallen.
Die LINKE stimmt im Übrigen den Anträgen der SPD und der Grünen zum Thema zu.