Zum Hauptinhalt springen

Das deutsche Filmerbe sichern

Rede von Lothar Bisky,

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren!

Der Gesetzgeber hat es lange versäumt, sich ausreichend mit dem deutschen Filmerbe zu beschäftigen.

(Wolfgang Börnsen (Bönstrup) (CDU/CSU): Das stimmt nicht!)

Ich freue mich, dass von der Fraktion der Grünen das Filmerbe nun zum Beratungsgegenstand im Bundestag gemacht wird. Ich freue mich auch, dass sich andere Fraktionen dem Antrag angeschlossen haben. Das ist gut.

Völlig zu Recht betonen Sie in Ihrem Antrag, dass Filme aller Art „Gedächtnisarchive“ sind, die „einen besonderen Zugang zu vergangenen Epochen“ und „zum Alltagsleben der Menschen“ schaffen. Diesen Reichtum gilt es zu sichern. Auch der Kulturstaatsminister verschließt sich dieser Problemlage nicht. Das begrüße ich namens der Fraktion Die LINKE ausdrücklich.

Ich möchte Ihnen zwei Vorschläge unterbreiten:
Erstens: Nachdem besonders viele Stummfilme und frühe Tonfilme archivarisch bereits verloren sind, muss die gegenwärtig sinkende Quote der Archivierung von Spielfilmen aus der Bundesrepublik gestoppt und eine verbindliche Abgaberegelung getroffen werden. Es reicht nicht, nebulös von „archivwürdigen Filmen der Gegenwartsproduktion“ zu sprechen, sondern ich meine, alle Filme müssen in diese Regelung einbezogen werden, egal welcher Qualität sie sind. Da bin ich Ihrer Meinung. Denn schließlich sind auch die zu rein kommerziellen Zwecken gedrehten Filme irgendwann Dokumente über die Zeit, in der sie gedreht wurden selbst wenn sie dann lediglich als Anschauungsmaterial für schlechte Beispiele herhalten müssten.

(Beifall bei der LINKEN)

Als Ort der Archivierung kommt meiner Meinung nach vor allem das Bundesarchiv-Filmarchiv infrage. Vielleicht wäre es derzeit auch möglich, einzelne Verluste an Filmen über die Recherche in den Fernseharchiven, also im Deutschen Rundfunkarchiv, im ZDF-Archiv und in den Archiven der Landesrundfunkanstalten, aufzufangen. Ich schlage darum vor, eine Arbeitsgruppe zu bilden, die die Sendelisten aus West und Ost seit Beginn der Fernsehübertragungen durchgeht, um gezielt nach Material von verschollen geglaubten Filmen zu suchen. Ich denke, dies ist im Interesse der cineastischen Nachwelt und zukünftiger Historikerinnen und Historiker ein guter Vorschlag.

Zweitens: „Das deutsche Filmerbe sichern“ heißt immer auch, das deutsche Filmerbe der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wenn die Filme im Bundesarchiv-Filmarchiv aufbewahrt werden, dann ist die verantwortungsvolle Aufgabe der Erbesicherung auch mit der Pflicht dieser Institution verbunden, auf Nachfrage abspielfähige Kopien zur Verfügung zu stellen oder herzustellen. Was nützt uns ein hoffentlich bald gesichertes Filmerbe, wenn es niemand zu sehen bekommt? Die neue Fassung des vorliegenden Antrages berücksichtigt diese Tatsache; das ist gut so. Hier ist nicht nur das Bundesarchiv-Filmarchiv gefordert. Vor allem die drei für den deutschen Film zuständigen Stiftungen müssen hier tätig werden. Die unterschiedliche Handhabung der Stiftungen bei der Zugangsmöglichkeit zu Filmen sollte übrigens nach Ansicht der LINKEN im Rahmen eines Antrages vereinheitlicht werden. Dabei ist aus demokratischer Sicht besonders die Nivellierung der Nutzungs-gebühren von Bedeutung.

Meine Damen und Herren, der Schutz des nationalen Kulturerbes ist nach meiner Meinung nicht ohne zusätzliche Belastungen der öffentlichen Haushalte zu realisieren. Wie Sie dieses Kunststück ansonsten fertigbringen wollen, weiß ich nicht; aber vielleicht gelingt es Ihnen ja. Mittelfristig wird der Platz in den Archiven für die Lagerung der Filme nicht mehr ausreichen. Auch für Beschäftigte braucht man mehr Geld; denn die Mitarbeiterdecke wurde in den vergangenen Jahren bei wachsenden Aufgaben nicht aufgestockt.

Wenn wir also in absehbarer Zeit das deutsche Filmerbe sichern und gleichzeitig den Interessierten einen einfacheren Zugang zum Filmerbe verschaffen würden, hätten wir viel gewonnen. Ich kann Ihrem Antrag zustimmen und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)