Zum Hauptinhalt springen

Arbeitsvermittlung nicht auf die Kommunen abwälzen

Rede von Sabine Zimmermann,

Rede von Sabine Zimmermann zur Reform der Jobcenter im Deutschen Bundestag

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Lieber Herr Pascal! Ist er denn da?
(Zurufe von der FDP: Lieber Herr Kober! - Zuruf von der CDU: Herr Kober heißt er!)


Entschuldigung. Ich muss Sie aber in einem Punkt korrigieren, das ist leider nicht ganz so lustig. Ein Ende dieses Themas sehe ich erst, wenn alle Erwerbslosen in einen Job vermittelt sind, von dem sie und ihre Familien in Würde leben können. Erst dann können wir über ein Ende dieses Themas reden, lieber Herr Kollege.
(Beifall bei der LINKEN)


Jetzt komme ich zur SPD. Wenn jetzt am Sonntag nicht Wahlen in Nordrhein-Westfalen wären, dann, liebe Kolleginnen und Kollegen der SPD, wären Sie doch heute nicht die großen Kämpfer für die Beschäftigten der Arbeitsgemeinschaften und der Bundesagentur für Arbeit.
(Bernd Scheelen (SPD): Das haben wir im Dezember eingebracht! - Ute Kumpf (SPD): Eine böse Untersellung!)


Ich muss Ihnen sagen: Seit Einführung von Hartz IV gab es noch nie eine vernünftige Personalausstattung, auch nicht unter Ihrer Regierung.
(Beifall bei der LINKEN Anette Kramme (SPD): Sie wissen schon, dass es um 10 000 Stellen geht!)


Ich weiß schon, wovon ich rede, Frau Kramme. Sagen wir es doch einmal ganz deutlich: Die sogenannte Jobcenterreform, die wir heute beraten, ist das Ergebnis eines politischen Kuhhandels von Union und SPD. Dieser wird auf dem Rücken der Erwerbslosen, auf dem Rücken der Beschäftigten der Agentur für Arbeit und auf dem Rücken der Beschäftigten der Kommunen ausgetragen. Das ist unerträglich.
(Beifall bei der LINKEN)


Sie haben es geschafft, größere Teile der Arbeitsvermittlung und verwaltung auf die Kommunen zu übertragen. Das eigentliche Problem bei dieser Reform ist aber, dass die Erwerbslosen mit ihren Interessen und ihren Problemen auf der Strecke geblieben sind; denn Bezieher von Arbeitslosengeld I oder Arbeitslosengeld II werden weiterhin getrennt verwaltet, und die Zweiklassengesellschaft der Erwerbslosen bleibt weiterhin bestehen und wird von Ihnen fest zementiert. Es ist für die Linke unerträglich, wie Menschen durch Hartz IV tyrannisiert werden. Das machen wir hier nicht mit.
(Beifall bei der LINKEN)


Es gibt ein weiteres großes Problem in Ihrem Gesetzentwurf: Die Arbeitsvermittlung wird immer mehr den Kommunen übertragen künftig an bis zu einem Viertel aller Landkreise und kreisfreien Städte. So entsteht, wie meine Kollegin Katja Kipping schon gesagt hat, ein arbeitsmarktpolitischer Flickenteppich, den Sie nicht mehr im Griff haben werden. Das ist ein historischer Rückschritt.


Kennen Sie überhaupt die Geschichte der bundeseinheitlichen Vermittlung und Verwaltung? Vor bald 100 Jahren wurde diese in Deutschland für Arbeitssuchende eingeführt. Das war ein Zugeständnis dafür, dass die Kommunen mit dieser Aufgabe überfordert waren. Nun machen Sie hier wieder eine Rolle rückwärts. Es ist traurig und eigentlich schon fast Normalität, dass die Kollegen der SPD wieder einmal eine Kröte schlucken diesmal vom hessischen Ministerpräsidenten, Herrn Koch.
(Dr. Matthias Zimmer (CDU/CSU): Das macht nur deutlich, in welchem Jahrhundert Sie leben!)


Es gibt ganz konkrete Belege dafür, dass es auch heute besser wäre, die Arbeitsvermittlung und verwaltung bundeseinheitlich zu organisieren. Das belegen Überprüfungen der letzten Jahre. Danach vermitteln kommunale Träger deutlich öfter als Arbeitsgemeinschaften auf Arbeitsplätze, von deren Lohn die Menschen nicht leben können, oder auf befristete Arbeitsplätze, sodass sie nach einiger Zeit wieder in der Arbeitslosigkeit enden. Das ist schlimm für die Betroffenen, aber auch eine Belastung für die Gemeinschaft. Daraus ergeben sich Mindereinnahmen bei den Steuern und der Sozialversicherung oder Mehrausgaben bei den Sozialleistungen.
Der Bundesrechnungshof, der heute schon mehrfach zitiert wurde, ist bestimmt kein Freund der Linken. Er kritisiert in seiner Stellungnahme: Das Modell der Bundesregierung gibt ein einheitliches System zur Grundsicherung für Arbeitsuchende dauerhaft auf und führt zu einem unnötigen Verwaltungsaufwand mit entsprechenden finanziellen Ausgaben. - Hierin, Frau Ministerin von der Leyen, muss ich dem Herrn Weise heute schon recht geben.


Das alles sind stichhaltige Argumente gegen den sogenannten pragmatischen Kompromiss von Union und SPD, aber Sie machen mit dieser Mogelpackung wider besseres Wissen trotzdem weiter.


Ich will noch etwas aus kommunaler Sicht sagen. Es gibt ganz handfeste Gründe dafür, dass nun einige Kommunen die Arbeitsvermittlung in Eigenregie übernehmen wollen. Manche erhoffen sich kurzfristig finanzielle Vorteile. Sie müssen nicht das gesamte Personal der Bundesagentur übernehmen, wodurch sie auch Personalkosten einsparen können. Manche sind mit dem gegenwärtig geringen Einfluss der Kommunen auf die Bundesagentur unzufrieden. Hierauf hat die Bundesregierung keine Antwort gegeben. Es ist aber noch schlimmer: Statt die Kommunen finanziell besser auszustatten, bluten Sie deren Haushalte weiter aus. Das ist unerträglich.
(Beifall bei der LINKEN)


Die Linke bleibt dabei: Es ist falsch, die Arbeitsvermittlung und verwaltung auf die Kommunen zu übertragen. Arbeitslosigkeit ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und darf nicht auf die Kommunen abgewälzt werden.
Danke.
(Beifall bei der LINKEN)