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Antidopingkampf: Existenzängste abbauen

Rede von Jens Petermann,

225. Sitzung des Deutschen Bundestages, 28. Februar 2013
TOP 22: Neue Struktur der Nationalen Antidoping Agentur und Doping an Olympiastützpunkten
Drucksachen 17/11320, 17/12237
Jens Petermann für die Fraktion DIE LINKE zu Protokoll

Sehr geehrte Frau/Herr Präsident(in), sehr geehrte Damen und Herren,
fast sechs Prozent der deutschen Kader-Athletinnen und Athleten haben in einer aktuellen Studie zugegeben, sich regelmäßig zu dopen. Immerhin 40 Prozent der Befragten antworteten auf diese Frage erst gar nicht. Auch in Verbindung mit vorausgegangenen Untersuchungen deutet also Vieles darauf hin, dass die Kontrollen der Nationalen Antidoping Agentur (NADA) alles andere als effektiv sind und wir ein manifestes Dopingproblem im deutschen Sport haben.
Ein Lösungsansatz wäre, die NADA völlig neu zu strukturieren und mit ausreichenden Mitteln auszustatten. In Ansätzen scheint das die Zielrichtung des SPD-Antrages zu sein. Als LINKE halten wir das Anliegen für richtig, den Antrag allerdings für unzureichend. Unsere Ergänzungsvorschläge wurden aber im Ausschuss von allen anderen Fraktionen abgelehnt. Weil uns die SPD-Vorlage nicht weit genug greift, haben wir uns abschließend enthalten.
Sicherlich dokumentieren die Ereignisse der vergangenen Monate, wie erfolgreich eine gut ausgestattete und vor allem entschlossene Antidoping-Agentur handeln kann. Allen voran steht hier die US-amerikanische Agentur mit ihrem Chef Travis Tygart, der sich selbst vom System „Armstrong“ nicht aufhalten ließ.
Andererseits wirft die bereits erwähnte Studie der Deutschen Sporthilfe und der Deutschen Sporthochschule Köln Fragen auf, die in eine Richtung weisen, die nicht nur auf unintelligente Kontrollen abzielt. Letztlich geht es doch darum, warum Sportlerinnen und Sportler dopen, warum sie zusätzlich häufig zu Schmerzmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln greifen.
Bereits in der Debatte im Herbst habe ich darauf verwiesen, dass für DIE LINKE die Prävention beim Kampf gegen Doping einen hohen Stellenwert einnimmt. Die Kölner Studie belegt unsere Einschätzung. Nahezu 60 Prozent der befragten Athletinnen und Athleten gaben zu, Existenzängste zu haben, erschreckende zehn Prozent leiden unter Depressionen. Sich in einer solchen Lage in einer Zeit, in der der Spitzensport immer stärker durch den Kommerz bestimmt wird, mit unerlaubten Mitteln zu behelfen, scheint darum nicht abwegig.
Deshalb stehen aus unserer Sicht zwei Aspekte im Vordergrund des Antidopingkampf:
Schon die jugendlichen Sportlerinnen und Sportler müssen verstärkt darüber aufgeklärt werden, dass die Einnahme von Dopingmitteln ihre Gesundheit erheblich gefährdet. Nierenschäden, Herzschwäche, Hautveränderungen und Veränderungen bei den Geschlechtsmerkmalen sind nur einige der Nebenwirkungen, die insbesondere auf Anabolika-Missbrauch zurückzuführen sind, der nicht nur im Spitzensport sondern auch im Nachwuchs- und Breitensport weit verbreitet ist.
Außerdem scheinen Doping und Wettbewerbsmanipulationen direkte Folgen der Existenzängste zu sein, die mehr als die Hälfte der Sportlerinnen und Sportler während ihrer Karriere umtreiben. Neben verstärkter psychologischer Betreuung müssen die Möglichkeiten für die berufliche Ausbildung der Sportler dringend ausgebaut werden. Dabei muss darauf geachtet werden, dass eine Berufsausbildung unbedingt Angebote umfasst, die über eine Laufbahn bei Bundeswehr, Zoll oder Polizei hinausgehen. Nicht alle, die sich dem Spitzensport verschreiben, können in diesem Bereich eine Perspektive finden.
Es gilt also, neue Wege in der Sportförderung einzuschlagen, um im Kampf gegen Sportbetrug endlich erfolgreicher zu werden. Doping und Wettbewerbsmanipulation sind auch direkte Folgen von Existenzängsten. Es geht letztlich darum, die Ursachen zu beheben und dadurch die Folgeerscheinungen zu reduzieren.
Das ist nicht ohne finanzielle Investitionen zu haben. In der Pflicht steht dabei vor allem der Bund. Die Regierung sollte endlich die Vorreiterrolle einnehmen, die sie sich in ihrem letzten Sportbericht selber zuschreibt. Die Zeit für Sonntagsreden ist längst vorbei. Der Bund muss sein finanzielles Engagement endlich deutlich ausweiten. Die Bundesregierung hat sich durch ihr zögerliches Agieren im Antidopingkampf ein erhebliches Glaubwürdigkeitsproblem geschaffen.
Es wäre eine gutes Signal, wenn wir endlich parteiübergreifend nach Lösungen suchen, wie wir die Sportförderung – und damit meine ich auch den Breitensport – so organisieren, dass sie die Sportlerinnen und Sportler in den Mittelpunkt stellt. „Spitzensport ohne Existenzangst. Breitensport ohne Zugangsbehinderungen.“ So könnte unser gemeinsamer Arbeitstitel lauten. Die LINKE streckt die Hand aus!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit