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Analphabetismus in Deutschland trotz vermeintlich guter Schulbildung ein seit Jahren bekanntes Problem

Rede von Rosemarie Hein,

Rede zu Protokoll

Analphabetismus ist trotz der vermeintlich guten Schulbildung in Deutschland seit Jahren ein bekanntes Problem. Nun weist die LEO-Studie der Uni Hamburg nach, dass es weit größer ist als bisher angenommen. In der Öffentlichkeit wird es allerdings oft noch als Randthema betrachtet. Der SPD-Antrag nimmt die Studie zum Anlass, um einen „Grundbildungspakt“ von Bund, Ländern und Kommunen zu fordern und eine lange Liste von Maßnahmen, die ihr geeignet scheinen, die Zahl der Betroffenen in Deutschland zu halbieren.

Auffällig ist, dass in Veröffentlichungen wenig darüber zu finden ist, warum die Zahl der funktionalen Analphabeten mit 7,5 Millionen betroffener Menschen in der erwachsenen deutschsprachigen Bevölkerung so hoch ist und warum es noch einmal mehr als 13 Millionen Menschen sind, die nur fehlerhaft lesen und schreiben können. Nicht erklärt werden kann auch, warum es deutlich mehr Männer als Frauen unter den Betroffenen gibt.
Wenngleich der Anteil der betroffenen Menschen ohne ausreichende Lese- und Schreibfähigkeiten, die keinen oder nur einen niedrigen Schulabschluss und/oder einen Migrationshintergrund haben, besonders hoch ist, muss auch die Frage gestellt werden, warum Analphabetismus auch bei Menschen mit höherem Schulabschluss in beträchtlichem Maße auftritt?

Wenn aber diese Ursachen nicht hinreichend klar sind, wird es schwer, wirksame und nachhaltige Gegenstrategien zu finden.
Es gibt offensichtlich noch einen erheblichen Forschungsbedarf.
Der Antrag der SPD allerdings zielt zunächst darauf, die Symptome zu bekämpfen. Das ist ehrenwert und notwendig. Einige Dinge kommen mir dabei allerdings zu kurz bzw. ich würde sie ob ihrer Angemessenheit in Frage stellen.

Die erste und offensichtlich wichtigste Ursache liegt in der Qualität der Schulbildung und der starken Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Situation in den Familien. Wir wissen seit der ersten PISA-Studie, dass die Lesefähigkeit der Schulabgängerinnen und Schulabgänger zu wünschen übrig lässt. Damals wurden mehr als 22 Prozent der Jugendlichen bescheinigt, nur schlecht Lesen zu können. Die damals 15-Jährigen sind heute 25. Viele von ihnen dürften sich heute unter den 13 Prozent der Altersgruppe der 18 bis 29-Jährigen wiederfinden, die als funktionale Analphabeten gelten müssen.

Wer nicht lesen und schreiben kann, ist in den Möglichkeiten der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben stark eingeschränkt, findet schwerer eine Arbeit, hat damit weniger Einkommen, kann den eigenen Kindern nicht so gut helfen und so fort. So setzt sich ein Teufelskreis in Gang, aus dem ganze Familien nicht mehr herauskommen. PISA 2009 bescheinigte noch immer 18 Prozent schlechte Leserinnen und Leser. In den vergangenen zehn Jahren ist in Schule und Gesellschaft zu wenig passiert, um hier Abhilfe zu schaffen. Wenn es diesen Zusammenhang zwischen der Qualität der Lesefähigkeit, die in der Schule erworben wird und der Zahl der Analphabeten gibt – und alles spricht dafür – dann besteht die Gefahr, dass sich der Teufelskreis fortsetzt. Wenn Analphabetismus in der Zukunft verringert werden soll, dann darf man nicht nur die Symptome des eingetretenen Analphabetismus bekämpfen, sondern muss dort ansetzen, wo ein Großteil der Ursachen liegt: in der Schule!
Dazu aber gibt es gerade einmal einen Punkt unter insgesamt 21 im Antrag der SPD. Hier aber muss man vor allem ansetzen, wenn Analphabetismus in der Zukunft spürbar verringert werden soll. Sonst hangelt man sich auch künftig von Hilfsprogramm zu Hilfsprogramm.
Wir brauchen mehr Qualität in Schule, die ausfinanziert werden muss, und ausreichendes und gut ausgebildetes pädagogisches Personal auf allen Bildungsebenen. Ich verweise auf unsere diesbezüglichen Anträge.

Hinzu kommt das dringende Erfordernis, die soziale Situation der Familien zu verbessern. Geringes Einkommen in sozial benachteiligten Familien beschneidet auch die Möglichkeiten, Bildungs- und Kulturangebote überhaupt in Anspruch nehmen zu können. Zwar sucht die Bundesregierung nun über das Bildungs- und Teilhabepaket, dem mindestens für Kinder und Jugendliche entgegenzuwirken, aber der gesamte Ansatz bleibt unbefriedigend und reicht auch in der Summe nicht aus. Pikant ist in diesem Zusammenhang, dass der Bund in diesem Paket Mittel für Nachhilfe über die Jobcenter zur Verfügung stellt, aber die Bundesagentur für Arbeit die Nachfrage des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V. nach der Möglichkeit der Finanzierung von Alphabetisierungskursen verneint hat. Es sei nicht Aufgabe der Grundsicherung für Arbeitslose. Ja was denn nun? Nachhilfe bei schlechten Lernleistungen in der Schule – ja, Förderung der Alphabetisierung für eine bessere Vermittlung am Arbeitsmarkt – nein? Die Logik muss mir einer erklären!

Ein zweiter Kritikpunkt am SPD-Antrag: Wer Analphabeten den Schritt zum Lesen- und Schreibenlernen erleichtern will, braucht niedrigschwellige Angebote, die nicht stigmatisieren, die zugänglich und einladend sind, auch wenn sich die Betroffenen nur wenig am gesellschaftlichen Leben beteiligen (können). Sie müssen vielleicht auch über Umwege an die potenziellen Schülerinnen und Schüler gebracht werden.
Die Forderung, Menschen mit geringer Grundbildung im Betrieb ausfindig zu machen, halte ich auch bei besten Absichten eher für schwierig. Vielmehr sehe ich hier eine große Gefahr von Stigmatisierung, die dann wieder zur Perfektionierung von Meidverhalten führen kann, aus Angst sich zu outen oder bloßgestellt zu werden, möglicherweise die Arbeit zu verlieren.
Für sehr richtig und wichtig halten wir dagegen den Aufbau eines öffentlich finanzierten Systems der Bildungsberatung, in dem geschultes Personal tätig ist und ebenso praktische wie psychologische Hilfe leicht und gebührenfrei gegeben werden kann.
Überhaupt muss es ein Recht auf solche, auch nachholende Angebote der Grundbildung geben. Und sie müssen öffentlich finanziert werden. Die grundlegende Beherrschung der Kulturtechniken ist eine wichtige Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Sie darf keinem Menschen verwehrt werden.

Die Probleme des Analphabetismus sind lange bekannt. Abhilfe ist hier nicht in einem einmaligen Kraftakt und in kurzen Zeiträumen zu schaffen. Wenn man aber nicht dort anfängt, wo die Hauptursache des Problems liegt, in der Schule und der sozialen Absicherung von Menschen, wird es größer und auf künftige Generationen vererbt.