Zum Hauptinhalt springen

Adoption keine zweite Wahl

Rede von Ilja Seifert,

Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE):
Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und Kollegen! Ob wir es wollen oder nicht: Jede Debatte über die Präimplantationsdiagnostik stellt die Frage nach dem Wert - oder eben auch nach dem Unwert - menschlichen Lebens. Ich weiß, dass viele der Befürworterinnen und Befürworter das weit von sich weisen. Ich unterstelle ihnen sogar subjektive Aufrichtigkeit. Aber das ändert nichts an der objektiven Wirkung.
Insofern bin ich mir gar nicht sicher, ob wir hier heute im Hohen Hause alle über das Gleiche reden. Drei Gesetzentwürfe liegen uns vor. Alle drei behaupten, die PID verbieten zu wollen. Und führen dafür gute Gründe an: vorwiegend ethische, einige rechtliche. Dann aber öffnen sich zwei der Gesetzentwürfe für „Ausnahmeregelungen“. Diese begründen sie vornehmlich das war auch hier in der Debatte so mit dem Leid, das sie denjenigen potenziellen Eltern ersparen wollen, die bereits schwerbehinderte Kinder haben und/oder bei denen aufgrund erblicher Anlagen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden kann, dass sie keine genetisch eigenen Kinder haben können, die länger als ein Jahr lebensfähig sind.


Was also tun wir hier eigentlich? Rechnen wir Leid gegeneinander auf? Suchen wir einen Erträglichkeits- oder einen Unerträglichkeitskoeffizienten? Welchen Stellenwert hätte dabei die tief in das Bewusstsein und das Unterbewusstsein vieler Menschen mit Behinderung eingegrabene tödliche Erfahrung der Euthanasie-Vergangenheit?
Der Deutsche Behindertenrat (DBR), das Aktionsbündnis aller bundesweiten Behindertenorganisationen, wandte sich dieser Tage an jede und jeden von Ihnen, meine lieben Kolleginnen und Kollegen. Die Vorsitzenden des DBR-Sprecherrates, Barbara Vieweg, betont:


Wir berücksichtigen die Konfliktlage einzelner Paare, welche die Nutzung der PID aus einer individuell schwierigen Situation erwägen. Jedoch hält nicht alles, was medizinisch-technisch möglich ist oder erscheint, ethischen Kriterien stand.
Auch ich achte den Kinderwunsch jedes Paares. Und ich kenne die Aussage, dass sich diese Untersuchungsmethodik keineswegs gegen bereits lebende Menschen mit Behinderung richte. Jedoch kenne ich Dutzende von Frauen und Männern unterschiedlichen Alters, die angesichts der aktuellen Debatten und der damit verbundenen Erwartungen nichts anderes denken und sagen können als: Hätte es diese Möglichkeiten schon vor meiner Geburt gegeben, gäbe es mich einfach nicht. - Sie nehmen die PID übrigens auch viele Auswirkungen der Pränataldiagnostik (PND) sehr persönlich. Sie haben schlicht Angst, Angst, per Gesetz abgewertet zu werden.
Niemand bestreitet, dass ein Leben mit schweren Beeinträchtigungen nicht sonderlich wünschens- oder gar erstrebenswert ist. Aber wer ein solches Leben hat, für die- oder denjenigen gibt es nichts Wichtigeres: Es ist nämlich das einzige.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN, der CDU/CSU, der SPD, der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Es hat gute und weniger gute Tage, traurige und weniger traurige Momente, Erfolgs- und Misserfolgserlebnisse. So verwundert es nicht, dass es auch in dieser Personengruppe Einzelne gibt, denen ihr So-Sein und ihr Da-Sein lästig ist, die sogar sagen, dass es besser wäre, wenn sie nicht geboren worden wären. Ja, das sind tragische Situationen. Aber worin unterscheiden sich diese Menschen von all den anderen, den nicht sichtbar (bzw. nicht anerkannt) behinderten Menschen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, selbst nicht leiden können, die ständig mit sich hadern, die gegebenenfalls Selbstmord begehen? Mir ist nicht bekannt, dass der Anteil solcherart unglücklicher Menschen unter denen mit Behinderungen größer wäre als unter Nichtbehinderten.
Ich argumentiere nicht mit der großen Anzahl von Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen. Ich argumentiere auch nicht mit dem Verhältnis von glücklichen Eltern mit gesunden Kindern und der Mühsal von Familien, denen die erforderliche Unterstützung beim bedarfsgerechten Ausgleich behinderungsbedingter Nachteile nach wie vor vorenthalten wird. Ich argumentiere mit dem Menschenbild, das unserem Gemeinwesen zugrunde liegen sollte. Egal, ob jemand Gottes Schöpfung verehrt oder die Evolution als wundersames Glück bzw. glückbringendes Wunder genießt: Die jedem Menschen unnehmbar innewohnende Würde, die Einzigartigkeit des Individuums, die Unausschöpfbarkeit der Persönlichkeitsentfaltung sollten uns Achtung vor der Fülle des Seienden gebieten, vor dem So-Seienden und dem So-Werdenden.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN, der CDU/CSU, der SPD, der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Ich argumentiere mit diesem Menschenbild und der darauf fußenden Gesellschaftskonzeption des solidarischen Miteinanders. Jede und jeder von uns ist einmalig, und deshalb gehören wir zusammen. Erst die Vielfalt, die aus uns allen besteht, macht die Menschheit aus. Das mag pathetisch klingen. Aber darunter ist diese Debatte nicht zu führen.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN, der CDU/CSU, der SPD, der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Es geht um unser humanes Selbstverständnis: Nehmen wir uns an, oder sortieren wir einander aus?
Selbstverständlich gibt es noch eine Reihe weiterer guter Argumente für das uneingeschränkte Verbot der PID. Durchaus auch einige, die die künstliche Befruchtung generell infrage stellen. Beispielsweise wegen der enormen psychischen und physischen Belastung aufgrund der hormonellen Stimulierung und der keineswegs gefahrlosen Eientnahme, denen sich die Frauen unterziehen müssen. Oder beispielsweise wegen der nach wie vor geringen „Erfolgsquote“. Sie werden von anderen Rednerinnen und Rednern vorgetragen und ausführlich begründet.
Im Mittelpunkt meiner Argumentation steht das Menschenbild; das sagte ich bereits.

Präsident Dr. Norbert Lammert:
Herr Kollege, darf ich auch Sie an die Redezeit erinnern?

Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE):
Ich bitte um Entschuldigung. Ich bin gleich fertig. Welche Erwartungen werden denn geweckt, wenn auch nur der Anschein entsteht, man könne die Geburt eines gesunden Kindes garantieren? Ich sagte bereits, dass ich jeden Kinderwunsch verstehe. Aber es gibt kein Recht auf ein Kind, erst recht nicht auf ein makelloses Kind.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN, der CDU/CSU, der SPD, der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Ich meine, es gibt auch kein Recht auf ein genetisch „eigenes“ Kind, allenfalls den Anspruch auf Elternschaft. Paaren, die Kinder wirklich lieben, muss ich sagen dürfen: Adoptionen sind alles andere als „zweite Wahl“. In Heimen warten, ja hoffen viele Kinder auf liebevolle Eltern.
Leider muss ich meine Rede beenden, weil der Präsident mich schon gemahnt hat. Aber ich denke, vielleicht habe ich einige Argumente genannt, die Sie berücksichtigen können.
Vielen Dank.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN, der CDU/CSU, der SPD, der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Aus Zeitgründen konnte die nachfolgende Passage nicht mehr im Plenum vorgetragen werden:

Wenn ich davon rede, daß mir das Menschenbild im Zentrum der Argumentation steht, dann erinnere ich auch daran, welche weiteren Schritte „logischerweise“ folgen könnten, wenn wir kein deutliches „Halt!“ setzen: Wie wollen Sie, meine Damen und Herren Befürworterinnen und Befürworter, allen Ernstes verhindern, daß in gar nicht allzu ferner Zeit – z.B. unter Berufung auf den Gleichbehandlungsgrundsatz – auch „nichtbelastete“ Paare während der künstlichen Befruchtung eine PID für ihre Embryonen erstreiten? Wie wollen Sie verhindern, daß – weil die Zelle nun doch schon „untersucht“ (also zerstört) wird – auch gleich mal nach „anderen“ Erbanlagen gesucht wird? Beispielsweise nach spätmanifestierenden?
Und ich möchte noch zwei weitere Argumentationslinien in Frage stellen, über die eine (mehr oder weniger begrenzte) Zulassung der PID befürwortet wird. Da haben wir zum einen das Argument, daß es ja nur eine „kleine Ergänzung“ zum ohnehin seit Jahren bestehenden Reproduktions-Recht sei. Zum anderen sagt man, da es in vielen anderen Ländern gang und gäbe sei, würden wir nur einen PID-Tourismus derjenigen organisieren, die es sich leisten könnten. Ja, bitte: Wieso „müssen“ wir einen Weg weitergehen, von dem wir wissen – oder zumindest ahnen –, daß er ein Irrweg ist? Mag sein, daß wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht die Kraft aufbringen, gemeinsam umzukehren. Aber innehalten können wir. Wir können unsere ethischen Maßstäbe offensiv vertreten. Wir wissen ja sogar, daß in etlichen Ländern, die die PID erlaubten, durchaus beachtliche Minderheiten hoffen, daß wir in Deutschland standhaft bleiben. So kann auch dort besser um neue Mehrheiten gegen die Selektion gerungen werden.
Meine Damen und Herren: Spätestens seit der UN-Behindertenrechtskonvention wissen wir, daß Menschen mit Behinderungen Teil der Menschheit sind. Sie gehören dazu. Und wir wissen, daß noch große Anstrengungen erforderlich sind, ihnen gleiche Teilhabe und freie Persönlichkeitsentfaltung zu ermöglichen. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dafür geeignete Bedingungen zu schaffen. Das ist viel besser, als – vergeblich – zu versuchen, Menschen mit Behinderungen zu verhindern.“