Inhalt


Entwicklungspolitik

Bereits der Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und FDP hatte Entwicklungspolitik außenwirtschaftlichen und militärstrategischen Gesichtspunkten untergeordnet. Entsprechend ist der entwicklungspolitische Ansatz der Bundesregierung geprägt von:

  • Misstrauen gegenüber den Partnern im Süden: Bundesminister Niebel (FDP) kürzt Haushaltszuschüsse an die Partnerländer (Budget-Hilfe) und Überweisungen an internationale Organisationen und Gremien und setzt stattdessen wieder verstärkt auf Projekt-Arbeit, um so die eigene Kontrolle und die „deutsche Sichtbarkeit“ zu stärken. Damit macht die Bundesregierung eine Rolle rückwärts hinter die internationalen Standards von Ownership (Eigenverantwortung der Empfänger-Länder) zurück.
  • Entwicklungspolitik im Dienste der Außenwirtschaft: Entwicklungspolitik soll für die deutsche Wirtschaft Absatzmärkte, Investitionsfelder und den Zugriff auf Rohstoffe sichern. Das Afrika-Konzept und die Rohstoffstrategie der Bundesregierung sind Ausdruck dieser Orientierung. Auch im Kabinettsbeschluss zur Fusion der Vorfeldorganisationen zur Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) wurden die Interessen der deutschen Wirtschaft an der Entwicklungszusammenarbeit ausführlich gewürdigt, während die Armutsbekämpfung als zentrales entwicklungspolitisches Ziel mit keinem Wort erwähnt wird.
  • Entwicklungspolitik als Bestandteil militärischer Strategien: Die sogenannte Zivil-militärische Zusammenarbeit, die in Afghanistan im Rahmen der PRTs umgesetzt wird, wurde bereits von der rot-grünen und der schwarz-roten Bundesregierung genutzt, um in Deutschland den Krieg als Entwicklungshilfe zu verkaufen und in Afghanistan Akzeptanz für die Militärbesatzung herzustellen. Das Konzept ist zynisch, weil es Entwicklungshilfe für militärische Zwecke instrumentalisiert und damit zivile Aufbauhelfer massiv gefährdet.

In den Millenniumszielen von 2000 hatte sich die internationale Staatengemeinschaft vorgenommen, die Zahl der Hungernden von damals 840 Millionen bis 2015 auf 420 Millionen zu halbieren. Heute, im Jahr 2010, hungern über eine Milliarde Menschen. Dies offenbart das Versagen der kapitalistischen Globalisierung. Der ehem. UN-Sonderbotschafter für Nahrung, Jean Ziegler, spricht in diesem Zusammenhang von „Ermordung“ durch das kapitalistische System.

Die Fraktion DIE LINKE fordert eine grundlegende Neuorientierung unserer Beziehungen zu den Ländern des Südens. Die Fraktion DIE LINKE lehnt es ab, aus der Entwicklungspolitik einen Entwicklungsmarkt zu machen, auf dem die staatliche Entwicklungszusammenarbeit, private Träger und Unternehmen um die lukrativsten Bereiche der Entwicklungszusammenarbeit konkurrieren. Entwicklungspolitik muss an den strukturellen Problemen ansetzen, die durch die kapitalistische Weltwirtschaftsordnung hervorgerufen werden. Eine wirksame Entwicklungszusammenarbeit setzt einen Systemwechsel in der Wirtschafts-, Finanz-, Energie- und Handelspolitik sowie der Agrarpolitik voraus.

Die Politik des Freihandels und der Liberalisierung führt zu immer mehr Krisenanfälligkeit und noch mehr Abhängigkeit. Sie behindert die Entwicklung im Süden und die weltweite Durchsetzung des Menschenrechts auf Nahrung. Eine selbstbestimmte Entwicklung und die Ernährungssouveränität in den Ländern des Südens zu stärken, das sind hingegen vorrangige entwicklungspolitische Ziele für die Fraktion DIE LINKE.

Dazu muss Entwicklungspolitik die Süd-Süd-Beziehungen und regionale Märkte als Gegenpol zur globalen Handelspolitik stärken, die Verarbeitung von Rohstoffen in den Ländern des Südens fördern und für gerechte Preise sorgen. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, angepasste Technologien und eine gerechte Land- und Ressourcenverteilung müssen ins Zentrum der Förderung rücken, die lokalen Produzentinnen und Produzenten vor Preis-Dumping und Verdrängungswettbewerb geschützt werden.

Die Fraktion DIE LINKE fordert die Regulierung der Finanzmärkte, das Verbot der Spekulation mit Nahrungsmitteln und ein Moratorium für den Import von Agrarrohstoffen zur Agrar-Sprit-Erzeugung aus den Ländern des Südens.

Frauen spielen für die beständige Entwicklung auf allen Ebenen, in der Bildung, in der Wirtschaft, in den familiären Zusammenhängen, eine tragende und entscheidende Rolle. Erfolgreiche Frauenförderungspolitik – das zeigen weltweite Erfahrungen – ist immer auch konkrete Entwicklungspolitik.

Entwicklungspolitik muss aktive Friedenspolitik sein: Gemeinsam mit vielen Hilfsorganisationen fordern wir deshalb ein Ende der Vermischung von zivilem Engagement und militärischer Besatzung. DIE LINKE hat in diesem Zusammenhang die Kooperationsvereinbarung der GIZ mit der Bundeswehr heftig kritisiert. Die Fraktion DIE LINKE fordert die Entwicklung und den Ausbau der Instrumente zur zivilen Konfliktprävention und -bearbeitung und arbeitet selbst eng mit demokratischen, friedlichen Kräfte in Konfliktregionen, z. B. in Afghanistan, zusammen.

Entwicklungspolitische Zusammenarbeit muss auf die Befreiung von Armut, Analphabetismus, Unterdrückung, Ausbeutung und Krieg, verursacht durch die kapitalistische Weltwirtschaftsordnung, ausgerichtet sein. Dabei sind weltweite soziale, ökologische und antimilitaristische Bewegungen, wie z. B. das Weltsozialforum, Gewerkschaften, lokal gesteuerte Entwicklungsinitiativen auf kommunaler und regionaler Ebene, Selbsthilfegruppen und Nichtregierungsorganisationen wichtige Bündnispartner.


Mehr zum Thema

10.06.2011 – ANTRAG – Drucksache Nr. 17/6153

Für eine gerechte und entwicklungsförderliche internationale Rohstoffpolitik

DIE LINKE kritisiert die Rohstoffstrategien von Bundesregierung, BDI und EU, die das Interesse der deutschen und europäischen Industrie am Zugang zu Rohstoffen durch Handelsliberalisierung, Marktöffnung und notfalls militärisch gegen die Entwicklungsinteressen der rohstofflagernden Länder durchsetzen wollen. DIE LINKE fordert von der Bundesregierung, ihre Rohstoffstrategie zurückzuziehen und einen neuen Ansatz zu erarbeiten.

Antrag herunterladen

26.01.2011 – ANTRAG – Drucksache Nr. 17/4533

Hunger bekämpfen - Spekulation mit Nahrungsmitteln beenden

Nahrungsmittel wurden als Vermögensanlage entdeckt. Spekulation mit Agrarrohstoffderivaten hat zu gestiegenen Preisen und extremer Volatilität geführt. Darunter leiden v.a. die Ärmsten der Armen. Die Bundesregierung muss auf allen Ebenen Maßnahmen ergreifen, damit Warentermingeschäfte mit Agrarrohstoffen streng reguliert werden. Mittelfristig muss der Agrarhandel vollständig von den Finanzmärkten entkoppelt und stattdessen international im Interesse von Ernährungssicherheit reguliert werden.

Antrag herunterladen

18.01.2011 – KLEINE ANFRAGE – Drucksache Nr. 17/4394

Mikrokredite im Spannungsfeld zwischen Verschuldung und Veruntreuung einerseits und Armutsbekämpfung andererseits

Die Anfrage soll Fragen klären, die sich aus der Antwort auf die letzten Kleinen Anfrage ergeben haben sowie das Thema weiter vertiefen. Dem Thema kommt strategische Bedeutung (Funktion von Krediten) im neoliberalen Diskurs über wirtschaftliche Entwicklung im Allgemeinen und Entwicklungszusammenarbeit im Besonderen zu.

Kleine Anfrage herunterladen

Zu dieser Anfrage liegt eine Antwort der Bundesregierung als Drucksache Nr. 17/4619 vor.

Antwort als PDF herunterladen

07.01.2011 – KLEINE ANFRAGE – Drucksache Nr. 17/4377

Entwicklungszusammenarbeit mit Honduras

Vor dem Hintergrund anhaltender Menschenrechtsverlezungen in Honduras hinterfragt die Fraktion DIE LINKE kritisch die Wiederaufnahme der Entwicklungszusammenarbeit und der diplomatischen Beziehungen durch die Bundesregierung.

Kleine Anfrage herunterladen

Zu dieser Anfrage liegt eine Antwort der Bundesregierung als Drucksache Nr. 17/4451 vor.

Antwort als PDF herunterladen

21.12.2010 - Artikel und PDF

Stellungnahme zum Grünbuch der Kommission: Die Zukunft der EU-Budgethilfe an Drittstaaten

Zentral für die Vergabe von Budgethilfe sind eigenständige Entwicklungsstrategien der Partnerländer. Eigenständige Strategien haben aber nur dann eine realistische Chance auf Erfolg, wenn sie nicht durch unrealistische Anforderungen hinsichtlich „Good Governance“ oder durch wirtschaftliche oder rohstofforientierte Interessen der Geber konterkariert werden.