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Bildungsstreik

 

Das deutsche Bildungssystem zeichnet sich besonders durch seine hohe Selektivität und chronische Unterfinanzierung aus. Mit der zunehmenden Kommerzialisierung und Privatisierung von Bildungseinrichtungen entfernt es sich immer mehr vom Anspruch eines Grund- und Menschenrechtes auf Bildung.

Das gegliederte Schulsystem befördert die soziale Selektion, Kinder aus Arbeiterfamilien haben es ungleich schwerer, eine qualifizierte Ausbildung zu absolvieren oder den Weg an die Hochschulen zu finden. Auch der Zugang zur Hochschule hängt stark vom Geldbeutel der Eltern ab. Dies liegt einerseits an der fehlenden Ausbildungsförderung, andererseits an Studiengebühren, die nach wie vor in einzelnen Bundesländern erhoben werden und von der Wirtschaft und konservativen Kreisen propagiert werden. Kaum ein Industrieland gibt weniger Geld pro SchülerIn für Bildung aus als Deutschland. Dabei wird für Schülerinnen und Schüler an Hauptschulen sogar noch weniger ausgegeben als an Gymnasien. Die Folgen sind: massiver Lehrkräftemangel, überfüllte Klassen, überfordertes Lehrpersonal, mangelhafte Schulgebäude. An den Hochschulen sieht es ganz ähnlich aus.

Die Reformen der letzten Jahre haben dazu gedient, noch mehr zu selektieren und die Lernzeit zu verkürzen - sowohl die Einführung des achtjährigen Gymnasiums als auch das neue Studiensystem Bachelor/Master sollen die Ausbildungszeit verkürzen und die Jugendlichen noch früher fertig ausgebildet auf den Arbeitsmarkt bringen. Eine Folge sind geringere Löhne. Bachelor Absolvent/innen verdienen im Schnitt 350€ weniger als ein Magister- bzw. Diplomabsolvent. Gleichzeitig sind Masterplätze Mangelware, trotz des Versprechens von Bildungsministerin  Schavan vom Juli 2009, Studierende sollten selbst entscheiden können, ob sie einen Master machen oder nicht..

An den Hochschulen haben sich durch die Bologna-Reformen auch die Inhalte verändert. Kleinere und spezifische Fächer abseits des Mainstreams sowie kritische Wissenschaften wurden vielerorts wegrationalisiert oder stehen vor dem Aus. Innerhalb der Studiengänge wurde durch die Einführung unflexibler Lehrpläne die Wahlfreiheit und die Möglichkeiten für eigene Schwerpunktsetzungen stark eingeschränkt.

Gegen diese Zustände im Bildungssystem formierte sich in den letzten Jahren wachsender Widerstand. Im Herbst 2008 gingen bundesweit über 100 000 Schülerinnen und Schüler für bessere Bildung auf die Straße. Von diesem Erfolg beeindruckt, schlossen sich Studierende an und so demonstrierten im Frühjahr 2009 über 250 000 Schülerinnen, Schüler und Studierende. Nachdem im Herbst 2009 Studierende der Akademie der Bildenden Künste in Wien ihre Hochschule besetzt hatten, breitete sich eine erneute Streikwelle von Österreich über Deutschland und andere europäische Länder aus. In zahlreichen Städten wurden Hörsäle und Schulräume über mehrere Wochen besetzt. Auch im Sommer 2010 protestierten wieder zehntausende gegen die Missstände an Hochschulen und Schulen.

Die Kernforderungen des Bildungsstreiks sind:

  • selbstbestimmtes Lernen und Leben statt starrem Zeitrahmen, Leistungsdruck und Konkurrenzdruck,
  • freier Bildungszugang und Abschaffung von sämtlichen Bildungsgebühren wie Studiengebühren, Ausbildungsgebühren und Kita-Gebühren,
  • öffentliche Finanzierung des Bildungssystems ohne Einflussnahme der Wirtschaft
  • und Demokratisierung und Stärkung der Mit- und Selbstverwaltung in allen Bildungseinrichtungen.

Ein Bündnis aus SchülerInnen und Studierenden hat angekündigt, auch 2011 wieder zu protestieren. Gründe genug  gibt es: die Hochschulen und Schulen sind weiter unterfinanziert und die Situation hat sich nicht erkennbar verbessert. Desweiteren werden sich durch die Aussetzung der Wehrpflicht, doppelte Abiturjahrgänge und geburtenstarke Jahrgänge viel mehr Studierwillige an den Hochschulen bewerben. Genügend Studienplätze, Räume und Bücher gibt es allerdings nicht.

Die Fraktion DIE LINKE unterstützt die Proteste und ruft zur Solidarität auf. Sie hat den Bundestag und die Bundesregierung wiederholt mit den Forderungen des Bildungsstreiks in aktuellen Stunden, Anträgen und kleinen Anfragen konfrontiert und ihre Solidarität demonstriert. Auch wenn es im Ergebnis bislang nur kleine Verbesserungen gibt, liegt der Erfolg der Proteste darin, dass sie öffentliches Interesse auf Bildungspolitik gelenkt haben und damit den Spielraum für fortschrittliche und soziale Ansätze vergrößert haben. Die Verantwortlichen stehen unter Druck und mussten erste Zugeständnisse machen.


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