Inhalt

Termin


Das andere Afghanistan

28.01.2011 18:00 – 17. Legislatur Uhr bis 29.01.2011 20:00 – 17. Legislatur Uhr
Berlin, Paul-Löbe-Haus, Konrad-Adenauer-Str. 1, Eingang West

Nach neun Jahren der NATO-Intervention in Afghanistan ist kein Frieden in Sicht. Stattdessen eskaliert der Krieg weiter und fordert immer mehr zivile Opfer. Die Sicherheitslage ist schlecht. In der Bevölkerung herrschen Armut und Hoffnungslosigkeit. Taliban und Warlords haben in vielen Provinzen die Macht errungen. Kriegsfürsten und Fundamentalisten besetzen Posten in der Regierung oder sitzen als Abgeordnete im Parlament.

Aber es gibt auch das andere Afghanistan: mutige Frauen und Männer, die für eine demokratische und friedliche Entwicklung eintreten. Ein solcher Prozess kann nur von unten entstehen und setzt die Teilhabe der Bevölkerung am politischen und gesellschaftlichen Leben voraus.
Die Fraktion DIE LINKE fordert den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan und Unterstützung für einen breit angelegten Friedensprozess. Zivilgesellschaftliche Bewegungen waren von Beginn der militärischen Intervention an nie in politische Prozesse eingebunden. Sie werden zwischen den Fronten der Konfliktparteien zerrieben.

Deswegen hat DIE LINKE engagierte Afghaninnen und Afghanen nach Berlin eingeladen, die oft unter Einsatz ihres Lebens tagtäglich gegen Krieg und für einen demokratischen Friedensprozess in Afghanistan kämpfen. Anliegen der Friedenskonferenz ist es, authentische Stimmen aus Afghanistan zu hören und einen Dialog von Friedenskräften in Afghanistan zu unterstützen. Die Konferenz bietet auch Raum für Vernetzungstreffen zwischen den Konferenzgästen sowie Afghaninnen und Afghanen, die in Deutschland leben.

Programm

Freitag, den 28. Januar 2011

18.00 - 20.00 Uhr Eröffnungspodium »Perspektiven für eine friedliche Entwicklung in Afghanistan«
Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender; Malalai Joya, ehem. Abgeordnete und Frauenrechtlerin; Sayed Yaqub Ibrahimi Kambaksh, afghanischer Journalist; Ulrich Tilgner, ehemaliger ZDF-Korrespondent und Autor; Tariq Ali, britisch-pakistanischer Autor
Moderation Andreas Zumach, Journalist und Publizist

20.00 - 21.30 Uhr Filmvorführung »Mein Herz sieht die Welt schwarz« (2009), in Anwesenheit der Regisseurin Helga Reidemeister

anschließend Diskussion

Moderation Luc Jochimsen, MdB, Kulturpolitische Sprecherin


Samstag, den 29. Januar 2011

10.00 – 13.00 Uhr

Panel A

Politisches System, Warlords und ISAF-Truppen
Thomas Ruttig, Stiftung Wissenschaft und Politik; Shir Mohammad Basergar, Vorsitzender der Einheitspartei; Malalai Joya; Karim Popal, Rechtsanwalt und Vertreter der Kundus-Opfer

Moderation Sevim Dağdelen, MdB, Sprecherin für Internationale Beziehungen

Panel B

Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte
Zoya, RAWA; Reha Nawin, Social Justice Seekers; Hadi Marifat, Human Rights Watch, Said Mahmoud Pahiz, Hezb-e-Hambastagi/Solidaritätspartei

Moderation Christine Buchholz, MdB, Friedens- politische Sprecherin

13.00 - 14.00 Uhr Pause

14.00 - 15.00 Uhr Aufführung eines Stücks des Theaters der Unterdrückten in Kabul

15.00 - 18.00 Uhr

Panel C

Internationale, wirtschaftliche und entwicklungspolitische Zusammenarbeit
Tariq Ali, pakistanischer Autor; Azis Rafiee, Afghan Civil Society Forum, ACSF; Thomas Gebauer, medico international; Reinhard Erös, Kinderhilfe Afghanistan

Moderation Wolfgang Gehrcke, MdB, Außenpolitischer Sprecher

Panel D

Friedensarbeit und Medien
Sayed Yaqub Ibrahimi Kambaksh; Anand Gopal, Afghanistan-Korrespondent; Ulrich Tilgner; Dr. Sharif, Theater der Unterdrückten, AHRDO

Moderation Jan van Aken, Stellv. Fraktionsvorsitzender, Leiter des Arbeitskreises »Internationale Politik«

18.00 - 20.00 Uhr Abschlusspodium
Heike Hänsel, MdB, Sprecherin für Entwicklungspolitik; afghanische Gäste

ReferentInnen für die Afghanistan-Konferenz
  • Malalai Joya, Politikerin ist Menschen- und Frauenrechtsaktivistin. Sie wurde 2005 zur Abgeordneten in Farah gewählt. International bekannt wurde sie, als sie 2003 als 23jährige in der Loya Jirga, verfassungsgebenden Versammlung, ihre Stimme erhob und die anwesenden kriminellen Warlords anprangerte. 2007 wurde sie wegen ihrer Kritik an den Warlords in der Karzai-Regierung und im Parlament suspendiert. Joya lebt seitdem im Untergrund, hat mehrere Mordanschläge überlebt und war mehrmals auf Einladung der LINKEN zu Gast in Berlin. Geschäftsführerin der Organisation OPAWC (Organization for Promoting Women’s Rights), die eine Klinik betreibt.Im April 2009 erschien im Piper-Verlag ihre Autobiographie „Ich erhebe meine Stimme: Eine Frau kämpft gegen den Krieg in Afghanistan“. 
     
  • Zoya von der Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (RAWA), die älteste, 1977 von Meena gegründete Frauenorganisation Afghanistans. Die Gründerin wurde 1978 ermordet. RAWA betreibt Alphabetisierungskurse, Waisenhäuser und Schulen und setzt sich für säkulare Demokratie ein und ist gegen jede Militärintervention. Besonders ihre Fotos und Filmaufnahmen von Hinrichtungen in Sportstadien unter den Taliban wurden weltberühmt. Im Jahr 2002 veröffentlichte Zoya im Verlag Bastei Lübbe die Autobiographie „Mein Schicksal heißt Afghanistan – Eine Frau kämpft für ihre Freiheit“. Darin beschreibt sie ihre Kindheit als Tochter einer RAWA-Aktivistin, die ermordet wurde, als sie 11 Jahre alt war. Seitdem hat sich auch Zoya dem Einsatz für Demokratie, die Gesundheit und Bildung von Männern, Frauen und Kindern verschrieben.
     
  • Sayed Yaqub Ibrahimi, kritischer Journalist, der für IWPR (Institute for War and Peace Reporting) arbeitet, der seit acht Jahren über die Kriegsverbrechen, Korruption und Menschenrechtsverletzungen der Warlords berichtet und sich damit zu einem der schärfsten Feinde der Kriegsfürsten gemacht hat. Sein Bruder, der Student Sayed Perwiz Kambakhsh wurde 2007 verhaftet und von einem islamischen Gelehrtengericht zum Tode verurteilt, weil er einen islamkritischen Text heruntergeladen hatte. Nach internationalen Protesten und Artikeln, u.a. im Spiegel, wurde das Urteil zunächst in eine lebenslängliche Haftstrafe verwandelt. Im September 2009 wurde sein Bruder freigelassen, seitdem leben beide Brüder im Exil.
    Im Oktober 2010 erhielt Ibrahimi in Leipzig den deutschen Medienpreis.
     
  • Thomas Gebauer ist Geschäftsführer der Hilfsorganisation Medico International, die zurzeit zwei Minenräumprojekte in Afghanistan finanziell und technisch unterstützt. Das internationale Vorgehen in Afghanistan kritisiert Gebauer scharf. Statt den Aufbau zu fördern, werde verstärkt auf Militär gesetzt. Zivile Konfliktlösung müsse die militärische Aufstandsbekämpfung ablösen. Nur wenn es gelänge im Konsens getragene Gemeinde und Provinzverwaltungen aufzubauen, würden Wirtschafts- und Sozialprogramme fruchten und der Frieden hätte eine Chance.
     
  • Helga Reidemeister, Dokumentarfilmemacherin, Regisseurin von „Mein Herz sieht die Welt schwarz“ (2009).MEIN HERZ SIEHT DIE WELT SCHWARZ ist ein Dokumentarfilm über zwei junge Menschen, die ihr Glück selbst in die Hand nehmen wollen und spüren, dass sich ihre Gesellschaft im Umbruch befindet. Doch wenn Armut und Krieg alle Mitmenschlichkeit beschädigt haben und die Familie das einzige soziale Band bedeutet, kann es kein persönliches Glück geben.
    Helga Reidemeister lebte jahrelang in einer Wohngemeinschaft mit Rudi Dutschke zusammen und produzierte einen Film über den Studentenführer. Reidemeister ist selbst eine 68erin. Sie war ab 1966 im SDS, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, von dem der gesellschaftliche Aufbruch ausging.
    Reidemeister will Menschen zeigen, die nicht aufgeben, auch wenn die Umstände gegen sie sprechen. "Ich bin dem Prinzip Hoffnung verpflichtet. Ich brauche das Prinzip Hoffnung selber. Ich suche in meinen Filmen Leute, die etwas Widerständiges denken und leben. Ich tu's für mich, damit ich überleben kann." Filme etwa über Arbeiterfrauen, Kinder auf Moskauer Krebsstationen, Frauen im Gefängnis, Friedensaktivistinnen hat sie im Laufe der vergangenen 25 Jahre gedreht. Sie versuche immer, jene Zusammenhänge abzubilden, die das private und individuelle einer Biografie in einen politischen und sozialen Kontext stellen, erklärt sie. Damit ist Reidemeister der feministischen Maxime, dass das Private politisch ist, bis heute treu geblieben. Viele ihrer Produktionen sind mit Preisen ausgezeichnet worden.
     
  • Said Mahmoud Pahiz, HEZB E HAMBASTAGI Afghanistan (Solidarity Party of Afghanistan), junge linke Demokraten, die kein Blut an den Händen und sich im Exil zusammengeschlossen haben. Treten zwar offiziell nicht für Säkularismus ein, fordern aber die Trennung von Religion und Staat.
    In jüngster Zeit ist Hezb E Hambastagi durch die Durchführung von öffentlichen Demonstrationen bekannt geworden, auf denen sie gegen die Warlords und die herrschende Straflosigkeit protestiert haben.
      
  • Reha Nawin, Assistentin von Weeda Ahmed, Aktivistin bei Social Association of Afghan Justice Seekers (SAAJS), eine Organisation, welche die Interessen der Opferfamilien der letzten 30 Jahre vertritt und für eine Verfolgung der Warlords streitet. In öffentlichen Demonstrationen fordern die VertreterInnen von SAAJS die Entfernung von Kriegsverbrechern von öffentlichen Posten.
      
  • Hadi Marifat, hat mehrere Jahre Erfahrung in der Menschenrechtsarbeit in Afghanistan, zunächst mit der UN, mittlerweile als Mitarbeiter von Human Rights Watch und Direktor der Afghanistan Human Rights and Democracy Organization (AHRDO), welche Trauma-Arbeit und Theater kombiniert. Er hat eine eigene Schule in Kabul aufgebaut.
     
  • Dr. Sharif, ehemaliger Freiheitskämpfer gegen das sowjetische Besatzungsregime. Wurde mehrmals als politischer Gefangener gefoltert und verlor fünf Brüder in den verschiedenen Konflikten seit 1978. Er war zunächst aktives Mitglied einer der wenigen Opferorganisationen in Afghanistan und arbeitet nun seit 2008 mit dem Theater als Mittel zur gesellschaftlichen Veränderung, welches Methoden des Theaters der Unterdrückten anwendet. Er ist Mitarbeiter von AHRDO.
     
  • Azis Rafiee, Direktor der NGO-Dachorganisation Afghan Civil Society Forum (ACSF). Rafiee hat sich auf der VENRO-Afghanistan-Konferenz im Januar 2010 sehr kritisch mit der bisherigen Entwicklungsarbeit in Afghanistan auseinandergesetzt.
     
  •  Herrn Sher Mohammad Basergar, Vertreter der Bewegung für umfassende Demokratie und Entwicklung.
     
  • Tariq Ali, in London lebender pakistanisch-stämmiger Autor, Filmemacher und Historiker, linker Anti-Imperialist und Langzeitmitglied der Redaktion der New Left Review. Ali wirkt regelmäßig in The Guardian, Counter Punch (USA) und der London Review of Books mit.
    In der britischen Studentenbewegungum 1968 und in der Bewegung gegen den Vietnamkrieg nahm Ali eine führende Rolle ein, 1968 schloss er sich der trotzkistischen International Marxist Group (IMG) an, deren Leitung er lange angehörte und deren in der Öffentlichkeit bekanntestes Mitglied er war. In der Zeit um 1970 stand er im engeren Kontakt zu John Lennon, welcher mit Ali die Textentwürfe zu mehreren Songs diskutierte. Die Anschläge vom 11. September 2001 bewegten Ali zur Veröffentlichung des Sachbuchs The Clash of Fundamentalisms (2002; dt. Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung, 2002). Mit der kontroversen Stellungnahme, die Ali in dieser Publikation abgab, löste er eine breite Debatte aus. Er vertritt die These, »dass sich heute zwei Fundamentalismen gegenüberstehen, der religiöse und der imperialistische.« 2003 veröffentlichte er eine ebenso kritische wie deutliche Stellungnahme zum zweiten Irakkrieg. Bush in Babylon (2003; Bush in Babylon. Die Re-Kolonisierung des Irak, 2003) denunziert die Bestrebungen der Besatzer, sich den Irak als Rohstoffquelle und neuen Markt untertan zu machen. 
    Ali schreibt auch Prosa, u.a. „Im Schatten des Granatapfelbaums“ (1994) und „Der Sultan von Palermo“ (2007).
     
  • Anand Gopal ist ein junger amerikanisch-pakistanischer Journalist, der für das Wall Street Journal und den Christian Science Monitor zu Afghanistan schreibt und sich sehr kritisch zu den ausländischen Truppen äußert.
     
  • Andreas Zumach ist Buchautor und freier Journalist u.a. für die taz. Er gilt als Experte auf den Gebieten des Völkerrechts, der Sicherheitspolitik, der Rüstungskontrolle und internationaler Organisationen. Andreas Zumach hat sich vor allem als Kritiker der Kriege in Serbien, Afghanistan und im Irak einen Namen gemacht. Er warnt nachdrücklich davor, dass zur Sicherung der Ressourcen, aus denen der Energiebedarf der Welt gedeckt wird, "Präventivkriege" in Zukunft Teil der Weltpolitik sein werden.
     
  • Karim Popal ist Rechtsanwalt afghanischer Abstammung in Bremen. Nach dem Tanklasterangriff am 4. September 2009 in Kundus führte er Recherchen über die getöteten Zivilisten durch. Er vertritt  Opferfamilien von Kundus. Gemeinsam mit ihnen bereitet er eine Klage auf angemessene Entschädigung vor. Außerdem engagiert er sich für die Organisierung und den Zusammenschluss von in Deutschland lebenden Afghanen.
     
  • Ulrich Tilgner ist deutscher Journalist und Auslandskorrespondent. Bekannt wurde er als Kriegsberichtserstatter aus Bagdad.Von 2006 bis April 2008 war er zudem ZDF-Sonderkorrespondent für den Nahen und Mittleren Osten, insbesondere Afghanistan und Irak. Seit April 2008 berichtet Tilgner hauptsächlich für das Schweizer Fernsehen. Tilgner ist als Kritiker der Medien und der Kriegsberichterstattung in Erscheinung getreten. Medien würden systematisch in militärischen und diplomatischen Konflikten instrumentalisiert.
     
  • Reinhard Erös ist Oberarzt a.D. der Bundeswehr, der zusammen mit seiner Frau Annette und seinen fünf Kindern seit 1998 die Kinderhilfe Afghanistan betreibt.  Sie leistet  humanitäre Hilfe und Wiederaufbauhilfe mit dem Bau von Dorf- und Oberschulen, Waisenhäusern, Krankenstationen, Computerausbildungszentren und Berufsschulen in den Ostprovinzen Afghanistans.
    Nicht Militär und Sicherheitskräfte bringen seiner Ansicht nach Frieden und Fortschritt nach Afghanistan, sondern Bildung für die Jugend:  „Wenn wir im Westen und Deutschland permanent nur diskutieren, wieviele Hunderttausende Soldaten und Polizisten wir hier ausbilden müssen, aber es keine Diskussion gibt, über die Qualität der Bildung und die Zukunft der Kinder hier … dann wird das Land auch mit einer Million Soldaten nicht zur Ruhe kommen“, sagt Reinhard Erös gegenüber der ARD.