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Rede


10.05.2015 Petra Pau

Das Unvorstellbare kann wieder geschehen

 

  1. Vor wenigen Wochen starb Richard von Weizsäcker. Er war Präsident der Bundesrepublik Deutschland und international bekannt.

    Am 8. Mai 1985 sprach er etwas aus, was in der Bundesrepublik Deutschland (alt) offiziell lange Zeit als unaussprechlich galt.

    Er sagte als Bundespräsident:
    “Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.
    Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System
    der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

    Das war zum 40. Jahrestag der Befreiung, also vor 30 Jahren.
    Umso mehr bedaure ich, dass der 8. Mai in Deutschland
    noch immer kein offizieller Gedenktag ist.

  2. Der 2. Weltkrieg war der bisher brutalste in der Menschheitsgeschichte.
    Er begann mit dem Überfall Deutschlands auf Polen und er endete mit den Atombomben-Anschlägen der USA in Japan auf Hiroshima und Nagasaki.

    Der größte Blutzoll wurde den Völkern der Sowjetunion abgerungen.
    Am 8. Mai 1945 hatte die Rote Armee Hitler-Deutschland in Berlin
    zur bedingungslosen Kapitulation gezwungen.

    Aber es ging vor 70 Jahren nicht nur um Sieger oder Verlierer,
    um Krieg oder Frieden, sondern auch um die Frage, ob so etwas,
    wie menschliche Zivilisation überhaupt noch eine Chance hat.

    Deshalb schulden auch wir Nachgeborenen allen Befreiern vom Faschismus nachhaltigen Dank. Und zwar unabhängig davon, meine ich,
    wie wir aktuell die eine oder andere politische Position der damaligen Alliierten beurteilen.

  3. In seiner Rede sagte Richard von Weizsäcker auch:

    Wie gedenken heute in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft.
     
    Wir gedenken insbesondere der sechs Millionen Juden,
    die in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden.

    Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben (…)

    Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religiösen oder politischen Überzeugungen sterben mussten.

    Wir gedenken der erschossenen Geiseln. Wir denken an die Opfer des Widerstandes in allen von uns besetzten Staaten.

    Als Deutsche ehren wir das Andenken der Opfer des deutschen Widerstandes, des bürgerlichen, des militärischen und des glaubensbegründeten, des Widerstandes in der Arbeiterschaft und bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten.

    Wir gedenken derer, die nicht aktiv Widerstand leisteten,
    aber eher den Tod hinnahmen, als ihr Gewissen zu beugen…“


    Soweit alles original Richard von Weizsäcker.

    Auch dieses umfassende Gedenken bleibt aktuell, des Erinnerns wegen, aber auch als Mahnung.

    Denn, wie sagte Imre Kertész, ungarischer Schriftsteller und Holocaust-Überlebender, zu Recht:

    Das einst Unvorstellbare ist geschehen.
    Und was einmal geschehen ist, kann wieder geschehen.

    Dem zu wehren ist unser aller, ist unsere bleibende Aufgabe.
    Auch deshalb sind wir hier.

  4. Und so zitiere ich noch einmal Richard von Weizsäcker.
    Er wandte sich damals insbesondere an die Jugend.

    “Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß
    gegen andere Menschen,
    gegen Russen oder Amerikaner,
    gegen Juden oder Türken,
    gegen Alternative oder Konservative,
    gegen Schwarz oder Weiß.
    Lernen Sie miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“


    Heute, 2015, lese und erlebe ich auch anderes:
    Es gibt kein alliiertes Gedenken. Das Gegeneinander nimmt zu.
    Antisemitismus und Islamophobie werden in der Europäischen Union unverhohlener geschürt, Fremdenfeindlichkeit demonstriert.
    Medien zündeln Hass gegen Flüchtlinge oder Griechen,
    gepaart mit nationaler Überheblichkeit.
    Wer Russland auch nur verstehen will,
    gerät in den Ruch eines Vaterlandsverräters.
    Und das alles im Umfeld des 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus.

    Ich habe von Weizsäckers historische Rede anders gelesen
    und anders verstanden. Deshalb habe ich hier an sie erinnert.

  5. Schließlich:
    Meine Hochachtung gilt den Überlebenden der Nazi-Barbarei,
    auch hier in Mauthausen. Hoch betagt sind Sie erneut gekommen,
    um gemeinsam mit uns zu gedenken und zu bedenken.

    Ich danke Ihnen herzlich.

* * *