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Rede


24.11.2011 – 17. Legislatur Dr. Barbara Höll

Grundrechte für Intersexuelle stärken

Rede von Dr. Babara Höll am 24.11.2011 zum Antrag von Bündnis 90/DIE GRÜNEN - "Grundrechte von intersexuellen Menschen wahren" (Drucksache: 17/5528).

Sehr geehrte Frau Präsidentin,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

Zwitter, Hermaphroditen oder intersexuelle Menschen sind Bezeichnungen für Menschen, bei denen – im biologischen Sinne – sowohl die männlichen, wie auch die weiblichen Geschlechtsmerkmale vorhanden sind.

In nicht wenigen früheren menschlichen Gesellschaften wurde sowohl die Vielfalt sexueller Orientierung, als auch die körperliche Vielfalt der Menschen akzeptiert. Den Menschen wurde zugebilligt, so zu leben, so wie sie waren. Heute ist das anders. Unsere Gesellschaft ist sich dem Leben und dem Leiden von intersexuellen Menschen nicht bewusst. Das Recht der Betroffenen wird bisher nicht zur Kenntnis genommen. Dabei schreit die schwere Menschenrechtsverletzung danach beendet zu werden.

„Biologische Sexualtheorien, juristische Bestimmungen des Individuums und Formen administrativer Kontrolle haben seit dem 18. Jahrhundert in den modernen Staaten nach und nach dazu geführt, die Idee einer Vermischung der beiden Geschlechter in einem einzigen Körper abzulehnen und infolgedessen die freie Entscheidung der zweifelhaften Individuen zu beschränken. Jedem ein Geschlecht, und nur ein einziges.“

So der französische Philosoph Michel Foucaults in seinem Buch „Über Hermaphrodismus“.


In Folge dessen wurde gerade das Leiden und Leben intersexueller Menschen quasi unsichtbar. Es kann nicht geben, was „nicht sein darf“. Mit der Entwicklung der medizinischen Möglichkeiten wurde beginnend in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Vielzahl von operativen Eingriffen an intersexuellen Menschen vorgenommen, um sie der Norm männlich/weiblich anzupassen.

Erst in den letzten Jahren auch und gerade durch das mutige Agieren intersexueller Menschen, die das ihnen zugefügte Leid öffentlich machten, rückte das Thema Intersexualität in die Öffentlichkeit.

Wie viele Menschen heute letztendlich betroffen sind, läßt sich nicht eindeutig sagen, konkrete Zahlen gibt es nicht, Schätzung jedoch gehen von wenigstens einigen 10.000 Betroffenen aus, Menschen, deren Schicksal kaum bekannt ist.

Schauen wir es uns an.
Wenn ein Kind geboren wird und Ärzte feststellen, dass das Baby zweierlei Geschlechtsmerkmale aufweist, so raten sie den Eltern zumeist zu einer schnellen Operation, um EIN Geschlecht herzustellen. Hierbei werden in einem noch frühkindlichem Stadium Eierstöcke entfernt, Penisnachbildungen implantiert oder Vaginen hergestellt und das in vielen schweren aufeinander folgenden Operationen. Der oder die Betroffene beziehungsweise das Kind ist daraufhin gezwungen ein Leben lang Hormone einzunehmen. Zumeist verheimlichen die Eltern - auf Rat der so genannten Experten - dem Kind die schwerwiegenden Folgen eines solchen schweren medizinischen Eingriffs. Viele Betroffene erfahren im Rahmen der Pubertät erst davon. Bei einigen bilden sich Geschlechtsmerkmale wieder heraus, die frühkindlich entfernt wurden. Also ein Junge stellt fest, dass er eher ein Mädchen ist oder umgekehrt. Traumatisierungen und Suizidversuche sind häufige Folgen.

DIE LINKE hat die Bundesregierung mehrfach zu dieser Problematik befragt. Immer wieder erhielten wir die Antwort, dass die frühkindlichen Operationen im Interesse der Betroffenen und der Eltern geschähen. Ihnen sei ein Leben zwischen den Geschlechtern nicht zuzumuten. Diese Haltung der Bundesregierung ist skandalös. Denn es handelt sich um eine schwere Menschenrechtsverletzung. Und diese kann und darf nicht länger geduldet werden.

DIE LINKE fordert seit langem, dass die Betroffenen und ihr Umfeld unterstützt werden müssen. Insbesondere müssen die frühkindlichen Operationen unterbunden werden. Betroffene sollten erst nach dem Kindesalter, wenn sie einwilligungsfähig sind, selbst entscheiden, ob ein medizinischer Eingriff von Nöten ist.
Zugleich brauchen wir ein Umdenken in der Gesellschaft.


• Eltern von Betroffenen müssen unterstützt werden.


• Mediziner, Psychologen, Therapeuten und Lehrpersonal müssen weitergebildet werden.
• Den Betroffenen muss vom frühsten Kindesalter an jegliche Unterstützung geboten werden.


• Das Recht, insbesondere das Personenstandsrecht, muss so verändert werden, dass intersexuelle Menschen als Rechtssubjekt anerkannt werden.

Wir sollten akzeptieren, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt.

Der Antrag der Grünen greift Forderungen auf, die DIE LINKE in ihrem Grundsatzprogramm verankert hat. Er findet unsere volle Unterstützung.

Vielen Dank.