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18.02.2013 – 17. Legislatur Jutta Krellmann

Atypische Arbeitszeiten dehnen sich aus, psychische Belastungen nehmen weiter zu

Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE "Psychische Belastungen aufgrund flexibler und atypischer Arbeitszeiten", BT-Drs. 17/11974

Atypische Arbeitszeiten greifen immer mehr um sich. Jeder vierte Beschäftigte arbeitet mittlerweile am Wochenende. Die Zahl der Beschäftigten, die abends arbeiten, ist innerhalb von zehn Jahren um 46 Prozent angestiegen. Diese Auswüchse sind ein Grund von vielen für die Zunahme von Arbeitsstress. Im Jahr 2011 sind die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Störungen weiter angestiegen. Waren es im Jahr 2010 bereits 53,5 Millionen Tage, sind es im Jahr 2011 sogar 59,2 Millionen.

"Die Bundesregierung muss endlich handeln", sagt Jutta Krellmann. "Neben der Einführung einer Anti-Stress-Verordnung ist es dringend notwendig, dass atypische Arbeitszeiten eingegrenzt werden. Arbeiten am Wochenende, am Abend, in der Nacht und in Schicht müssen auf ein unvermeidbares Ausmaß reduziert werden."

Ergebnisse der Kleinen Anfrage im Einzelnen:

  • Überstunden: Im Jahr 2011 leisteten rund 2,8 Mio. Beschäftigte Überstunden, was einem Anteil von 8 Prozent der Beschäftigten entspricht. Im Jahr 2011 wurden insgesamt 1.400 Mio. bezahlte Überstunden geleistet. Besonders hohe Zahlen von Überstunden gibt es in folgenden Berufsgruppen: „Büroberufe, Kaufmännische Angestellte“, „Berufe des Landverkehrs“, „Berufe in der Unternehmensleitung, -beratung und -prüfung“ sowie „Ingenieur(e)/innen“. Auf die fünf Berufsgruppen mit der höchsten Anzahl an Überstunden entfallen fast ein Drittel aller Überstunden. (vgl. Antwort auf Frage 1)
  • Arbeitszeitkonten: Im Jahr 2010 besaßen rund 8 Mio. Beschäftigte ein Arbeitszeitkonto. Bezogen auf alle Beschäftigten sind das rund 24 Prozent. Insgesamt lag der Anteil der Beschäftigten mit Einfluss auf ihre Arbeitszeitgestaltung bei 36,3 Prozent, während 58,1 Prozent in starren Arbeitszeitmodellen arbeiten. (vgl. Antwort auf Frage 2)
  • Überlange Arbeitszeiten: Die Anzahl der Beschäftigten mit überlangen Arbeitszeiten hat in den vergangenen zehn Jahren zugenommen. Im Jahr 2001 waren es 1,558 Mio. im Jahr 2011 1,916 Mio. Beschäftigte. Dies ist ein Zuwachs um 23 Prozent. Besonders betroffene Berufsgruppen: „Berufe der Unternehmensleitung, -beratung und -prüfung“, „Berufe des Landverkehrs“. Ein Viertel aller Beschäftigten mit überlangen Arbeitszeiten gehört einer dieser Berufsgruppen an. Auch LehrerInnen und IngenieurInnen sind stark betroffen  (vgl. Antwort auf Frage 3)
    Das Risiko von gesundheitlichen Beeinträchtigungen sowohl physischer als auch psychischer Art steigt bei langen Arbeitszeiten. Zu diesem Ergebnis kommt eine systematische Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). (vgl. Antwort auf die Fragen 4 und 5)
  • Wochenendarbeit:  Im Jahr 2001 arbeiteten ungefähr 6,7 Mio. Beschäftigte am Wochenende (also am Samstag oder am Sonntag), im Jahr 2011 sind es bereits 8,9 Mio. Beschäftigte. Das ist ein Anstieg um 33 Prozent. Mittlerweile arbeitet jede/r Vierte ständig oder regelmäßig am Wochenende. Besonders betroffene Berufsgruppen sind „Verkaufspersonal“, „Übrige Gesundheitsdienstberufe“, hier arbeiten zahlenmäßig besonders viele Beschäftigte am Wochenende. (vgl. Antwort auf Frage 6).
    Für Beschäftigte, die am Wochenende arbeiten gibt es ein höheres Belastungspotential in Bezug auf verschiedene Aspekte psychischer Belastungen und ein erhöhtes Risiko gesundheitlicher Beeinträchtigungen. Dies ist ein Ergebnis der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung im Jahr 2012 (Vgl. Antwort auf die Fragen 8 und 9)
  • Abend- und Nachtarbeit: Im Jahr 2001 haben 6,1 Mio. Beschäftigte ständig oder regelmäßig am Abend gearbeitet, im Jahr 2011 8,9 Mio. Beschäftigte. Das ist ein Zuwachs um 46 Prozent. Berufsgruppen mit einer hohen Anzahl von Beschäftigten in Abendarbeit: „Übrige Gesundheitsdienstberufe“, „Verkaufspersonal“, „Soziale Berufe“, „Berufe des Landverkehrs“, „Hotel- und Gaststättenberufe“. Ständig oder regelmäßig in der Nacht arbeiteten im Jahr 2001 rund 2,5 Mio., im Jahr 2011 waren es bereits 3,3 Mio. Beschäftigte. Das ist ein Anstieg um 32 Prozent. Im Jahr 2011 arbeiteten 12,1 Prozent der Männer und 6,3 Prozent der Frauen nachts. (vgl. Antwort auf Frage 7).
    Zu den Risiken Nachtarbeit verweist die Bundesregierung auf die Antwort auf eine anderen Kleine Anfrage der LINKEN (Drs. 17/8531). Demnach führt Nachtarbeit nicht automatisch zu Krankheiten, ist aber ein zusätzlicher Risikofaktor. In diesem Sinne wird Nachtarbeit höchstrichterlich als im Grunde schädlich definiert. (BVerfG Urteil v. 28. Januar 1992 – 1 BvR 1025/82, 1 BvL 16/83, 1 BvL 10/91).
  • Schichtarbeit: Im Zeitraum von 2001 bis 2011 ist die Zahl der Schichtarbeitenden von 4,8 auf 6 Mio. Beschäftigte angestiegen. Das ist ein Zuwachs um 24 Prozent. Der Zuwachs geht zu rund zwei Dritteln auf Frauen zurück. Auch wenn immer noch mehr Männer in Schicht arbeiten, hat sich der Abstand zwischen den Geschlechtern verringert. Der Anteil der Frauen an allen Schichtarbeitenden ist von 2001 bis 2011 von 38 auf 43 Prozent angestiegen. Besonders betroffene Berufsgruppen: „Übrige Gesundheitsdienstberufe“, „Soziale Berufe“, „Berufe des Landverkehrs“. (vgl. Antwort auf Frage 10) Für Beschäftigte, die in Schichten arbeiten, gibt es ein höheres Belastungspotential in Bezug auf meisten Aspekte psychischer Belastungen und erhöhte gesundheitliche Risiken. Zu diesem Ergebnis kommt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in der Erwerbstätigenbefragung 2012. (vgl. Antwort auf Fragen 12 und 13).
  • Erreichbarkeitsanforderungen: Hierzu liegen in der amtlichen Statistik keine Zahlen vor. Aber das Thema gewinnt nach Ansicht der Bundesregierung an Relevanz, weswegen es geplant ist, bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin noch im ersten Halbjahr 2013 im Rahmen eines Expertenworkshops das Thema wissenschaftlich aufzubereiten. (vgl. Antwort auf Fragen 14-17)
  • Arbeitsunfähigkeitstage in Mio. für psychische und Verhaltensstörungen: Im Jahr 2001 gab es 33,6 Mio. Arbeitsunfähigkeitstage für psychische und Verhaltensstörungen. Im Jahr 2010 ist diese Zahl bereits auf 53,5 Mio. angestiegen. Für 2011 ist nun ein nochmaliger Anstieg auf 59,2 Mio. Tage zu verzeichnen. (vgl. Antwort auf Frage 22).
  • Kontrolltätigkeiten der Bundesländer: Im Jahr 2006 gab es 32.068 Kontrollen, die auch die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes umfassten, im Jahr 2011 waren es nur noch 27.538. Auch der Personalbestand der Aufsichtsbehörden für diese Aufgabe hat sich verringert von 1.493 auf 1.471. Die Zahl der aufgedeckten Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz ist von 2006 bis 2008 von 13.240 auf 9.734 gesunken, danach wieder angestiegen auf 12.424 im Jahr 2011. (vgl. Antwort auf Fragen 23-25)


    linksfraktion.de, 18. Februar 2013