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Vizepräsidentin zu Gast in Israel

Fototagebuch von Petra Pau

  • Foto: DIE LINKE im Bundestag
  • Harald Kindermann, deutscher Botschafter in Israel, und Petra Pau, Vizepräsidentin des Bundestages, auf der Terasse des King David Hotels in Jerusalem

    23. Februar 2008

    In dieser Woche hat mein erster Besuch in Israel begonnen. Es ist keine normale Visite. Ich bin offiziell als Vizepräsidentin des Bundestages anlässlich der Internationalen Antisemitismuskonferenz, die heute hier in Jerusalem beginnt, eingeladen. Zur Vorbereitung habe ich zahlreiche Gespräche geführt und viel gelesen. Es ist schließlich mein erster Besuch im „gelobten Land“ und im Nahen Osten überhaupt.

    Vom Stammplatz am Katzentisch einer linken Abgeordneten zur offiziellen Einladung einer anerkannten Politikerin gegen Antisemitismus und Rassismus - das hat etwas! Es vermittelt auch mir ein wenig Genugtung. Gleich bei Ankunft unserer kleinen Delegation wurde ich am Flughafen vom Botschafter der Bundesrepublik, Dr. Kindermann, begrüßt. Er nahm sich viel Zeit, uns auf die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage einzustimmen. Er erzählte vom Turbokapitalismus den Israel gerade durchlebt. Das Land habe stabile Wachstumsraten bei großer Polarisierung der sozialen Schichten. Ein zentrales Thema in Israel ist nach wie vor die Aufarbeitung des Holocausts und die Strategien gegen Antisemitismus. Ein Thema, das mich auch seit Jahren beschäftigt. Neue Bildungsstrategien für Erwachsene und besonders auch für junge Leute sind notwendig, um sie für das schwierige Thema Antisemitismus zu sensibilisieren. Es ist ein Gebot der Zeit - und das nicht nur, weil es nur noch wenige Zeugen aus der Erlebnisgeneration der Opfer des Faschismus gibt.
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  • Petra Pau spricht zu den TeilnehmerInnen der internationalen Antisemitismus-Konferenz in Jerusalem, Titel ihrer Rede: "Regierungen und parlamentarische Aktionen im Kampf gegen Antisemitismus"

    24. Februar 2008

    Wir fahren in einem gut gesicherten Fahrzeug ins israelische Außenministerium, dem Tagungsort des Internationalen Forums gegen Antisemitismus. Mehr als 40 Länder sind mit hochrangigen Politikern in Jerusalem vertreten. Die Veranstalter haben alles sehr gut im Griff, obwohl zur Konferenz wesentlich mehr Teilnehmer eingetroffen sind, als eingeplant waren. Ich spreche im zweiten Forum zum Thema: „Regierungen und parlamentarische Aktionen im Kampf gegen Antisemitismus“. Antisemitismus ist kein Problem aus der Vergangenheit. Er ist aktuell präsent und findet neue Nahrung. Er ist eine menschenverachtende Ideologie, die durch niemanden und durch nichts zu rechtfertigen ist. Er gedeiht dort, wo Toleranz und Demokratie unterentwickelt sind. Ich habe deshalb der Bundesregierung vorgeschlagen, eine Beauftragte für Demokratie und Toleranz zu benennen, die im Inneren agiert und zugleich internationale Vorhaben gegen Rassismus und Antisemitismus zusammenführt.
  • Foto: DIE LINKE im Bundestag
  • Bewegende Begegnung am Rande der Konferenz: Petra Pau und Gabriel Bach, Chefankläger im Eichmann-Prozess

    24. Februar 2008

    Meine Rede findet große Zustimmung und ich erfahre, dass viele Länder versuchen das Thema, so vielschichtig es sich international darstellt, in den Griff zu bekommen.
    In den Pausen suchen zahlreiche Politiker, Wissenschaftler und Zeitzeugen des Holocaust ein Gespräch mit mir. Eine Begegnung geht mir besonders unter die Haut. Ein alter Herr kommt direkt auf mich zu. Es ist Gabriel Bach. Ohne Umschweife erzählt er mir, dass er der Generalstaatsanwalt im Eichmann-Prozess war. Heute ist er 81 Jahre alt und noch immer zwischen Jerusalem, Berlin und Washington unterwegs, um die Erinnerung an das Geschehen während des Holocaust lebendig zu halten. Morgen treffe ich Gabriel Bach noch einmal und ganz sicher werden wir uns auch in Berlin wiedersehen.
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  • Petra Pau mit Tzipi Livni, stellvertretende Regierungschefin und Außenministerin Israels

    24. Februar 2008

    In der abschließenden Diskussionsrunde des ersten Konferenztages drücken sowohl der israelische Minister für Diaspora-Angelegenheiten, Isaak Herzog, als auch die Außenministerin, Tzipi Livni, ihre Besorgnis über die aktuelle iranische Politik aus. Ich verstehe die Befürchtungen, die allgegenwärtig in Israel ist. Doch meine Sorge, dass sich der Nahost-Konflikt weiter ausweitet, bekommt neue Nahrung.
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  • Gisela Dachs, Auslandskorrespondentin der Wochenzeitung DIE ZEIT, erkundigt sich bei Petra Pau nach Ergebnissen der Hamburger Wahl

    24. Februar 2008

    Nach 18.00 Ortszeit - Jerusalem ist eine Stunde voraus, bekomme ich immer wieder Anfragen, wie das Ergebnis der Landtagswahlen in Hamburg ist. Gespannt warten wir auf eine sms aus Berlin. Dann kommt endliche die erste Hochrechnung aus Berlin. Erstaunlich, wie viele internationale Konferenzteilnehmer sich für diese Wahl interessieren und gratulieren. Der Abend klingt mit einem Glas Rotwein aus. Die Diskussionen, wie geht es weiter mit der LINKEN in der neuen Parteienlandschaft in Deutschland und wie geht es weiter im Nahost-Friedensprozess werden Fortsetzungen finden.
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  • Gespräch mit Vertretern des Simon-Wiesenthal-Zentrums aus Los Angeles

    25. Februar 2008

    Die Nacht war sehr kurz, weil unsere Delegation noch lange über den Ausgang der Landtagswahlen in Hamburg diskutiert hat. Deren politische Auswirkungen finden in der hiesigen Tagespresse z.B. der „Herold Tribune“ ebenso Beachtung, wie das Internationale Forum gegen Antisemitismus. Am frühen Morgen erreichen mich mehrere Interviewanfragen zur Konferenz vom Hessischen - und Norddeutschen Rundfunk sowie von Deutschlandradio, die ich gleich nach dem Frühstück gern erfülle.

    Danach fahren wir zum Konferenzort im Außenministerium. Neben den offiziellen Panels will ich mich heute mit einzelnen Tagungsteilnehmern zu bilateralen Gesprächen treffen.

    In der ersten Pause ist ein Meeting mit Vertretern des Simon Wiesenthal-Centers angesetzt. Wir treffen Rabbi Abraham Cooper und Mark Weitzmann aus Los Angeles/ USA sowie den Westeuropa-Vertreter des Zentrums Shimo T. Samuels aus Paris. Ich habe viel über die Arbeit des Zentrums gelesen, die sich nicht nur als Institution gegen Antisemitismus, sondern auch als Menschenrechtsorganisation versteht, der es besonders um die Stärkung der demokratischen Bürgerrechte geht. Dieses Anliegen liegt bekanntlich auch mir sehr am Herzen.

    Die 90 Minuten des Gesprächs sollen ein voller Erfolg werden. Die amerikanischen Wissenschaftler erläutern ihre aktuellen Projekte. Einer ihrer Schwerpunkte ist, das Wissen junger Leute über das Judentum zu erweitern. In Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde in der Türkei soll unter anderem die Webseite des Wiesenthal - Zentrums in die türkische Sprache übersetzt werden. Bildung und Information - das ist sowohl meine eigene als auch die Auffassung der amerikanischen Vertreter - werden besonders nachhaltig über Erlebnisse vermittelt. Das „Museum für Toleranz“ in Los Angeles sei ein lebendiger Ort dafür, erklärt uns Rabbi Cooper, wo neue ungewöhnliche Begegnungen bereits stattfinden. Dem Anliegen des Museums entsprechend, sei es erstmalig gelungen, dass sich Überlebende der Shoa zu einem Gespräch mit Moslems trafen. Ich berichte über meine guten Kontakte zur Türkischen Gemeinde und zur Kreuzberger Initiative gegen Rassismus, die für die Amerikaner von großem Interesse sind, da sie ein europäisches Netzwerk gegen Rassismus aufbauen wollen. Die Vertreter des Simon-Wiesenthal-Centers laden mich nachdrücklich ein, das Zentrum in Los Angeles zu besuchen. Es ist für mich immer wieder ein Gewinn, Anregungen und praktische Erfahrungen aus andern Ländern zu bekommen, weil die Auswirkungen von Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus kein regionales, sondern ein globales Problem sind. Wer dieses Thema regional beschränkt, hat schon verloren.
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  • Blick von den Hügels des Yemin-Mosche-Viertels

    25. Februar 2008

    Hier in Israel können wir erahnen, wie viel Überzeugungsarbeit nötig ist, um gegenseitige Vorwürfe und Vorurteile erst einmal nur zu mildern, um Lösungsansätze für Toleranz zu finden. Bei einem kurzen Spaziergang nach dem Mittagessen in den Strassen des Yemin Mosche -Viertels wird mir dieser Gedanke wieder besonders vor Augen geführt.
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  • Dolmetscherin Dina Herzog verlor hier vor vier Jahren bei einem Attentat einen Freund

    25. Februar 2008

    An der Bushaltestelle einer belebten Strasse ist ein weißer Gedenkstein angebracht. Er ist den Opfern eines Selbstmordanschlags gewidmet, der hier, fast auf den Tag genau, vor vier Jahren stattfand. Unsere Dolmetscherin Dina Herzog hat dabei einen Freund verloren. Es ist für mich schwer zu verstehen, wenn uns hier allerorten erklärt wird, die Israelis versuchen trotz der ständigen Bedrohung, „Normalität“ zu leben. Kann man sich tatsächlich an Gewalt gewöhnen? Das will mir nicht in den Kopf gehen. Das Leben hier ist anscheinend normal. Die Leute gehen ihren Alltagsgeschäften nach und doch kann sich ihr Leben von einem Moment auf den andern vollständig verändern.
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  • Gespräch mit einem Jerusalemer beim Spaziergang

    25. Februar 2008

    Ein Straßenpassant hört unsere fremde Sprache und fragt, wo wir herkommen. Er will uns Sehenswürdigkeiten zeigen, weil er glaubt, wir seien Touristen. Unser kurzes Gespräch und der Spaziergang werden von einem kräftigen Regenguss unterbrochen.
  • Foto: DIE LINKE im Bundestag
  • Petra Pau bedankt sich zum Abschluss des Internationalen Forums bei Aviva Raz Shechter Abteilungsleiterin im Außenministerium Israels

    25. Februar 2008

    Es ist Zeit ins Forum zurückzukehren. Wir wollen den würdigen Abschluss der Konferenz miterleben. Ehe wir zu unserem Abendprogramm aufbrechen, werde ich nochmals von Politikern und Wissenschaftlerinnen aus Brasilien, Israel und den USA auf meine Rede angesprochen. Es ist von besonderem Interesse, von mir, einer Politikerin, die im Osten Deutschlands aufgewachsen ist, zu erfahren, wie meine Partei zum Antisemitismus und Rassismus steht. Die Erwartungshaltung gegenüber Deutschland ist auf israelischer Seite besonders hoch. Meine Haltung dazu ist eindeutig. Bildung und Begegnungen und nicht kriegerische Auseinandersetzung, helfen die Probleme zu bekämpfen.

    Nach der Konferenz sind wir zu einem Abendessen mit Vertretern der fünf politischen Stiftungen der Bundesrepublik in Israel und den palästinensischen Gebieten verabredet. Es sind Jochanan Ben Jacov von der Heinrich-Böll-Stiftung, Katja Tsafir, die die Konrad-Adenauer-Stiftung vertritt, Suleiman Abu Dayyeh, Leiter des palästinensischen Büros der Friedrich- Naumann-Stiftung, Micky Drill von der Friedrich-Ebert-Stiftung und Dr. Rudolf Sussmann, Regionaldirektor der Hanns-Seidel-Stiftung.

    Ihre Lage ist sehr schwierig und hat sich unter den Bedingungen der Eskalation von Gewalt und Terror extrem verschlechtert. Dennoch versuchen sie trotz der täglichen Bedrohungen sowohl in den palästinensischen, als auch in den israelischen Gebieten über Programmangebote den Dialog miteinander aufrecht zu erhalten. Ihre Arbeit kann man nicht hoch genug einschätzen.
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  • Petra Pau besucht das „Tal der Gemeinden“ von Yad Vashem.


    26. Februar 2008

    Über diesen Tag zu erzählen ist nur sehr eingeschränkt möglich. Über Empfindungen zu schreiben, wenn man Yad Vashem besucht, ist eigentlich unmöglich. Der Ort ist ein „Heiligtum“ für die Israelis. Jeder, der in dieses Land kommt, wird nach Yad Vashem wissen, dass es eine Steigerung für die Begriffe Entsetzen und Grauen gibt.
    Der Ort, eine halbe Autostunde von Jerusalem entfernt, ist Denkmal für das schmerzlichste Kapitel in der Erinnerung aller Juden.
    Als wir dort ankommen, liegt das Tal der Gedenkstätte in Wolken verhangen vor uns. Seit 1957 erinnert sie an die Shoa - die Vernichtung - von über 6 Millionen europäischen Juden. Auf der Allee der Gerechten sind Bäume für jene Nichtjuden gepflanzt, die während der Nazi-Zeit das Leben von Juden retteten. Wir gehen zu Fuß durch das „Tal der Gemeinden“. Es besteht aus hohen unebenen Jerusalem - Steinquadern, einem speziellen Kalkstein, der nur hier abgebaut wird. In der Draufsicht würde man erkennen, dass das Tal die Umrisse Europas hat. Jede ehemalige jüdische Gemeinde in Europa hat hier wieder ihren Namen bekommen.
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  • In der Halle der Namen wird jedem Opfer ein Gesicht wieder gegeben


    26. Februar 2008

    Dann besuchen wir den seit 2005 neu konzipierten Museumskomplex. Er besteht aus einem Dokumentationszentrum mit über 50 Millionen Dokumenten, einem Forschungskomplex mit Schule, einer Gedenkstätte für den millionenfachen Mord an jüdischen Kindern, einer Synagoge und einem Kunstmuseum. Es beeindruckt mich sehr, wie komplex und in seiner Wirkung überzeugend, das Dokumentationszentrum angelegt ist. Mit sehr persönlichen Dokumenten aller Art wird Geschichte wieder lebendig. Zeugenaussagen auf Video finden neben privaten Fotos, Zimmereinrichtungen und Plakaten Platz. Sie vermittelt mir ein nahezu vollständiges Bild von jener Zeit. Für einen Besuch in Yad Vashem braucht man viel Zeit. Ich nehme sie mir und das wird von meinen Gesprächspartner ausdrücklich geschätzt.
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  • Zeremonie der Kranzniederlegung in der Gedenkhalle von Yad Vashem


    26. Februar 2008

    Nach dem Museum laufen wir zur Gedenkhalle, in der ich einen Kranz niederlege und mich ins Gästebuch eintrage. Die Zeremonie verläuft nach einem konkret festgelegten Ritual, das von einer Zeremonienmeisterin geleitet wird. Meine Aufregung war ganz umsonst. Alles klappt. Ich entzünde das Mahnfeuer. Dann liest die Zeremonienmeisterin den Text „ Identification“ und bittet mich den Kranz niederzulegen. Danach schreibe ich mich ins Gästebuch ein. Es ist gut, dass wir nach dem Besuch der Gedenkstätte für die ermordeten jüdischen Kinder, wieder ins „Heute“ zurück können.
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  • Noa Mkayton, Lehrerin an der Schule von Yad Vashem stellt Petra Pau einen Band der Enzyklopädie jüdischer Gemeinden vor


    26. Februar 2008

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    Ich besuche die Schule von Yad Vashem und treffe mich mit Noa McCeaton. Die Bayerin hat eine unglaublich ansteckende Energie. Sie erzählt von ihren Bildungskonzepten für Lehreraustauschprogramme, dem Projekt der jüdischen Enzyklopädie und ihrem Vorhaben, ein Netzwerk aufzubauen. Wir stimmen völlig überein, als sie sagt: „Das Ziel der Holocaust-Erziehung muss einen universellen Wert haben, der über den Tag hinausgeht.“ Sie braucht Unterstützung, die sie von mir bekommen wird. Das verspreche ich.
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  • Gedankenaustausch mit Colette Avital, Vizepräsidentin der Knesseth und Mitglied der Labor-Partei


    26. Februar 2008

    Wir fahren zur Knesseth, dem israelischen Parlament, weil ich mit meiner „Kollegin“ Colette Avital verabredet bin. Sie ist ebenso Vizepräsidentin des Parlaments und Mitglied der Arbeitspartei. Collete Avital erklärt mir die schwierige politische Situation des Landes, ihre Sicht auf den israelisch-palästinensischen Konflikt und die Parteienlandschaft. Israel hat 30 Parteien, die stärkste hat weniger als 30 Sitze. Von ihr erfahre ich auch, dass Israel noch immer keine Verfassung hat. Das Land begeht im Mai dieses Jahres immerhin sein 60-jähriges Bestehen! Es ist schade, dass unsere Zeit sehr begrenzt ist. Sie schlägt spontan vor, ich solle mir unbedingt noch den Chagall-Raum der Knesseth ansehen. Das würde ich sehr gern, doch der Raum ist gerade besetzt. Dann eben beim nächsten Mal.
  • Foto: DIE LINKE im Bundestag
  • Im Archiv von Yad Vashem. Nomi Halpern zeigt Petra Pau das Poesiealbum eines 12 -jährigen Mädchens.
  • Foto: DIE LINKE im Bundestag
  • Das Archiv von Yad Vashem wird ständig aktualisiert: hier das Klassenbuch einer Dresdener jüdischen Schule aus dem Jahre 1938


    26. Februar 2008

    Wieder geht es zurück nach Yad Vashem. Diesmal besuchen wir das Archiv. Wenn man herkömmliche Sammlungen kennt, weiß man, die meisten sind leblos. Sie haben die Patina von Staub und Sterilität, von in Schrift und Bild gefasster Geschichte. Das ist in Yad Vashem anders. Mit unglaublicher Präzision werden hier in riesigen Datenbanken alle Zeugnisse miteinander verknüpft, um das Bild eines jüdischen Menschen wieder herzustellen. Weltweit tauchen ständig neue Dokumente auf, die in Yad Vashem von Nomi Halpern und Dr. Haim Gertner, dem Leiter des Archivs, aufgearbeitet werden. Sie haben den Anspruch, die Lebensgeschichten der Opfer möglichst vollständig aufzuklären. Nomi Halpert führt uns in den Restaurationsraum, streift sich weiße Handschuhe über und zeigt uns einige von ihren „Schätzen“: das Poesie-Album eines zwölfjährigen Mädchens und ein jüdisches Klassenbuch von 1938 aus Dresden. Ich war selbst Lehrerin und es nimmt mir fast den Atem, wenn ich mir vorstelle, was Kinder dieses Alters alles ertragen mussten. Doch dann zeigt uns Nomi Halpern noch das Gästebuch des Lagerkommandanten von Auschwitz. Es ist unfassbar: Im letzten Eintrag, datiert vom 06.Januar 1945, bedankt sich eine Familie mit zwei Kindern „für die angenehmen Erlebnisse“ während des Urlaubs beim Lagerkommandanten Höss.

    Es gut, dass der Tag noch mit zwei weiteren Terminen gefüllt ist und mein Kopf wieder für die Gegenwart frei wird. Eine kurze Stippvisite im Israel Museum gibt Einblick in die neueste Ausstellung "Looted/Orphaned Art". Ich möchte unbedingt auch noch die uralten Torarollen sehen. Auch dieser Wunsch geht in Erfüllung.

    Der Abend ist wieder mit politischen Gesprächen ausgefüllt. Ich hätte nach dem Tagesprogramm nicht erwartet, dass er so heiter ausklingt, wenngleich Rabbi Uri Regev für seine humorvolle und sehr gewinnende Ausstrahlung bekannt ist. Er ist der Präsident der Weltunion für progressives Judentum. Er brachte auch seinen Kollegen, Rabbi Stanley M.Davis, mit. Das Gespräch mit den beiden beim Abendessen ist doppelter Genuss. Wir sprechen über „Gott und die Welt“, die Zukunft des Staates Israel und den Friedensprozess.
    In der nächsten Woche wird Rabbi Regev in Berlin sein. Es ist Sitzungswoche im Bundestag - also wenig Zeit - und ich hoffe, wir haben Gelegenheit für die Fortsetzung unseres Gedankenaustauschs.
  • Foto: DIE LINKE im Bundestag
  • Petra Pau und Manuel Bessler, Leiter des UN OCHA -Büros in Jerusalem

    27. Februar 2008

    Am Mittwochmorgen werden wir im Koordinationsbüro der UN -OCHA, einer Organisation der Vereinten Nationen für humanitäre Angelegenheiten, begrüßt. Der Leiter des Quartiers Manuel Bessler erläutert uns die Lage in den palästinensischen Gebieten. Dazu gehören die Westbank und der Gaza-Streifen.

    Innerhalb einer Stunde wird uns das Ausmaß des Konflikts zwischen Israel und Palästina deutlich. Manuel Bessler präsentiert mit einer PowerPoint - Dokumentation nüchterne Fakten, zeigt die Auswirkungen israelischer Siedlungspolitik, die das Land der Palästinenser durchlöchern wie einen Schweizer Käse. Markus Bessle sagt deutliche Worte über die israelische Besatzung, die großes menschliches Leid für die Palästinenser bringt. Man stelle sich vor, die Zahl der Checkpoints, Straßensperren, Wälle und Hindernisse in der Westbank hat sich auf 580 erhöht. Im August letzten Jahres waren es noch 543. Die so genannte grüne Grenze Israels - festgelegt im Jahre 1949 - ist 320 km lang. Die Sperranlagen, die Israel auf palästinensischem Gebiet errichtet, haben die doppelte Länge, nämlich 723 km. Nicht selten kommt es vor, dass LKW mit Hilfsgütern an den Checkpoints umkehren müssen, weil die israelischen Behörden die Grenzübergänge ohne Vorankündigung schließen. Die Kosten dafür - ca. 6000 US Dollar pro Truck- tragen auch die Geberländer. Das Leben für die hiesige Bevölkerung wird immer unerträglicher. Die Folgen der permanenten Demütigungen der Palästinenser, von denen Manuel Bessler spricht, entladen sich entweder in Gewalt oder Resignation.
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  • Die Sperranlage am Grenzübergang nach Bethlehem ist zwischen sechs und neun Meter hoch. Israel erweitert die Grenzanlagen permanent. Geplant ist eine Länge von insgesamt 723 Kilometer

    27. Februar 2008

    Wir werden in Bethlehem erwartet. Zuvor erleben wir eine Prozedur von Sicherheitschecks, der sich jedes Auto und jede Person unterziehen muss. Dabei verläuft die Einreise unseres UN-Konvois relativ reibungslos. An der Grenze sehe ich Hochhäuser. Das seien „Siedlungsgebiete“ der Israelis auf palästinensischem Gebiet, erklärt mir unsere Begleiterin. Ich kann es kaum fassen, weil ich mir bislang darunter immer nur Dörfer mit kleinen Häusern vorgestellt habe.
  • Foto: DIE LINKE im Bundestag
  • Ministerin für Frauen und Tourismus, Frau Khoulound Daibes

    27. Februar 2008

    Die palästinensische Ministerin für Frauen und Tourismus Khoulound Daibes begrüßt uns in ihrem Büro in perfektem Deutsch mit den Worten: „Sie sind in einer sehr kritischen Zeit gekommen.“ Sie ist eine erfahrene Kollegin und weiß, wovon sie spricht: Die Ministerin ist die erste Frau in der Einheitsregierung gewesen und arbeitet nun auch als unabhängiges Mitglied in der Übergansregierung. Die Region kocht, weil die Menschen kaum Arbeit, keine Bewegungsmöglichkeiten und keine Hoffungen mehr haben. Selbst die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltungen hätten seit 17 Monaten kein Gehalt mehr bekommen. Dementsprechend sei es schwer, sie für Zukunftsprojekte zu motivieren, sagt die Ministerin. Es ist erstaunlich, dass Khoulound Daibes dennoch nicht resigniert und über ihre Ideen für die Ankurbelung des Tourismus in der Region erzählt.
  • Foto: DIE LINKE im Bundestag
  • Petra Pau besucht die Geburtskirche in Bethlehem. Hier soll vor 2000 Jahren Jesus Christus das Licht der Welt erblickt haben.

    27. Februar 2008

    Auch wenn mein Besuch in Bethlehem nur wenige Stunden dauert, ist eine Stippvisite in der Geburtskirche ein Muss. Ich bin sehr froh, dass ich bei meinem ersten Besuch wenigstens ein paar Minuten im Allerheiligsten, an den Ursprüngen des Christentums, weilen kann. Es ist ein Erlebnis, das wohl keiner vergisst. Schade nur, dass wir, wie immer in diesen Tagen, ständig in Eile sind. Liste meiner Wünsche für den nächsten Besuch in der Region wird immer länger.
  • Foto: DIE LINKE im Bundestag
  • Pfarrer Mitri Raheb stellt Petra Pau das Internationale Bethlehem Center vor

    27. Februar 2008

    Wir besuchen das Internationale Bethlehem -Zentrum. Sein Leiter, Pfarrer Mitri Raheb ist im wahrsten Sinne des Wortes die Seele dieser Einrichtung. Er engagiert sich trotz aller Einschränkungen und Gewaltakte für ein umfangreiches Kultur- und Bildungsangebot in der Stadt. Um sein Konzept anschaulich zu präsentieren, führt er uns durch sein “Reich“, das vom Kino - und Theatersaal über ein Fernsehstudio bis zum Restaurant und zu Kunstwerkstätten reicht. An einem Beispiel wird uns das besonders deutlich. Während der zweiten Intifada, vor mehr als sieben Jahren, zerstörten Granaten jeden Raum des Gebäudekomplexes. Pfarrer Mitri Raheb veranlasste seine Studenten, Trümmer und Glasscherben einzusammeln, um Ideen daraus zu entwickeln. Das Ergebnis konnten wir im Souvenirladen des Zentrums bewundern. Kleine wunderschöne Kunstobjekte werden hier verkauft. Wir nehmen während des Rundgangs durch das Zentrum an einem Leben teil, wie es in Palästina sein sollte und nicht, wie es ist. Mitri Raheb, geboren in Bethlehem, lebt eine Alltagsspiritualität, die ansteckend ist. „Hoffnung ist nicht, was wir sehen. Hoffnung ist, was wir tun“, sagt er uns zum Abschied.

    Wir sind spät dran. In Jerusalem warten 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Forum Ziviler Friedensdienst e.V. auf uns. Wieder müssen wir die Sperranlagen passieren. Das kostet Zeit und Nerven. Das bestätigen uns auch die Sozialarbeiterinnen und Psychologen des Forums Ziviler Friedensdienst. Sie erleben hautnah tägliche Demütigungen der Israelis. Insbesondere deren Siedlungspolitik hat Auswirkungen auf das wachsende Gewaltpotential junger Palästinenser. Oft fragen sich die Aktivistinnen der NGO, ob sie nicht dazu beitrügen, den Konflikt zu zementieren. Dennoch will keine von ihnen das Land verlassen, weil ihr Engagement für das hiesige „Leben in zwei Realitäten“, extrem wichtig ist. Dass sich eine linke Politikerin für ihre Arbeit interessiert und Zeit nimmt, bedeutet für die Aktivistinnen Anerkennung. Denn auf ihre Fragen kann ich nur ehrlich gestehen, dass ich mir bei meinem ersten Aufenthalt in Israel lediglich ein Bild vom Ausmaß der Probleme machen kann.
  • Foto: DIE LINKE im Bundestag
  • Markttreiben in der Altstadt von Jerusalem zwischen Klagemauer und Felsendom

    27. Februar 2008

    Am Nachmittag ist es sehr kalt geworden in Jerusalem. Wie sehr die Feuchtigkeit unter die Haut kriecht, spüren wir bei unserem Spaziergang durch die Altstadt. Im Eiltempo „arbeiten“ wir die Highlights der drei Weltreligionen und mehr als 2000 Jahre Geschichte ab: Von der Grabeskirche zum typisch arabischen Basar hin zur Klagemauer und rasch noch einen Blick auf den Felsendom. Hinein dürfen wir nicht. Die Besuchszeiten für Touristen sind limitiert auf den Vormittag. Nachmittags kommen wir halt zu spät. Aber die Aussicht von einer Terrasse auf die goldene Kuppel des Felsendoms, im Licht der frühen Abendstunden, genieße ich trotzdem.
  • Foto: DIE LINKE im Bundestag
  • Treffen mit Abgeordneten und Vertretern der Palästinensischen Regierung:
    Rami Nasrallh, Jihad Abu Zneid/ Fatah, Petra Pau und Hatem Abdul Qader ( v.l.n.r.)
    27. Februar 2008

    Der letzte Termin für heute ist ein Treffen mit gemäßigten Abgeordneten und Vertretern der palästinensischen Übergangsregierung. Wir diskutieren über Sinn und Unsinn von Projekten der Geberländer. Ich frage speziell nach dem Stand der europäischen Polizeiausbildung und nach der Einbeziehung von Frauen in diese für die Region wichtige Berufsperspektive. Die Antworten darauf, kann ich kaum fassen. Frauen haben kaum eine Berufschance und in ganz Palästina gebe es nur 12 Paar Handschellen. Welchen Sinn macht dann eine Ausbildung für Polizisten, wenn ihre konkreten Bedingungen hier in Palästina völlig ignoriert werden? Wenn solche Probleme schon nicht gelöst sind, wie sollen dann komplizierte Fragen des Friedensprozess auch nur einen kleinen Schritt voran kommen?
    Das Gespräch mit den palästinensischen Vertretern vermittelt mir dennoch die Zuversicht, dass sie den Dialog mit Israel fortsetzen wollen.
  • Foto: DIE LINKE im Bundestag
  • Anregende Diskussion mit Mitarbeiterinnen des Goethe-Instituts in Tel Aviv

    28. Februar 2008

    Heute geht mein offizieller Besuch in Israel zu Ende. Sechs anstrengende Tage voller Eindrücke, die mich noch lange beschäftigen werden. Wenn ich bereits jetzt ein Resümee ziehen soll, dann ist diese Reise vor allem eine Bestätigung für mein langjähriges Engagement gegen Antisemitismus und Rassismus gewesen. Zugleich habe ich viele neue Gleichgesinnte kennengelernt, mit denen ich in nächster Zeit an konkreten Projekten zusammenarbeiten werde. Ich denke dabei insbesondere an die Unterstützung der Enzyklopädie jüdischer Gemeinden und die Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern in Yad Vashem, die gemeinsame Gestaltung einer Webseite in türkischer Sprache mit dem Simon-Wiesenthal-Center oder die Förderung der Berufsausbildung von Mädchen und Frauen in Bethlehem. Dazu gehören künftig auch der gegenseitige Datenaustausch mit Sarah Rembisewski vom Stephen-Roth-Institut der Universität Tel Aviv und mit den Mitarbeitern des Goethe-Instituts in Tel Aviv und Ramallah, bei denen ich heute, noch vor unserem Abflug, zu Gast sein durfte. Aufklärung, Ausbildung, Toleranz und gegenseitiger Respekt - nur so können Terror und Gewalt zwischen Palästinensern und Israelis beendet werden.
    Ich habe ein Gefühl dafür bekommen, wie vielschichtig die Probleme zwischen vielen Menschen beider Völker sind. Die ständig wachsende Resignation der Palästinenser in den besetzten Gebieten der Westbank und im Gaza-Streifen besorgt mich zutiefst, weil damit nur weitere Feindschaft geschürt wird. Diese Menschen brauchen endlich wieder Zuversicht für ein selbstbestimmtes Leben in ihrem eigenen Land.
    Es sind sicher nur kleine Schritte, die ich dazu beitragen kann, Erleichterungen für die Bevölkerung vor Ort zu schaffen. Pfarrer Mitri Raheb aus Bethlehem sprach mir aus dem Herzen: „Hoffnung ist nicht, was wir sehen. Hoffnung ist, was wir tun.“
    Das gilt auch für mich. Shalom Israel.