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Ein Fest für Allende

Festakt in Berlin am 4. September 2010

  • Foto: Ulli Winkler
  • Samstag, 4. September 2010, 16 Uhr: Gespannt wartete das Publikum in der voll besetzten Berliner WABE auf der Beginn der Lesung zum 40. Jahrestag Salvador Allendes Wahlsieg bei den Präsidentschaftswahlen in Chile – und unsere Abgeordneten und andere liebe Gäste warteten auf ihren Einsatz. 

  • Foto: Ulli Winkler
  • Astrid Landero führte als Moderatorin durch die anderthalbstündige Lesung: mal gab sie Zeitungsberichte wieder, fungierte als Bundestagsvizepräsidentin oder kündigte den nächsten Redner an. Zu Beginn verlas sie folgenden Prolog: Zwischen dem Wahlsieg Allendes am 4. September und der Übernahme des Präsidentenamtes am 3. November 1970 liegt eine Zeit der Unsicherheit. Allende hat nur knapp gewonnen, und weil er mit 36,3 Prozent deutlich unter der absoluten Mehrheit geblieben ist, muss die Unidad Popular, die ihn trägt, mit den unterlegenen Christdemokraten über seine Unterstützung verhandeln. In der politischen Welt des In- und Auslandes wabert es. Welchen Kurs wird Allende einschlagen? Wie ernst ist es dem Mann, der bekennt, Marxist zu sein, mit dem Sozialismus? Wie stark sind die Kräfte, die ihn stützen – und die, die ihm schon lange den Kampf angesagt haben? Es ist ein Raunen im weltweiten Blätterwald. 

  • Foto: Ulli Winkler
  • Am 21. Mai 1971 hielt Salvador Allende vor dem Kongress – wo er 27 Jahre lang als Parlamentarier der Opposition und nun als Staatschef erschien – eine programmatische Rede, die bei der Lesung auszugsweise vorgetragen wurde. Den Beginn machte Luc Jochimsen und las u.a.: „Die Nationalisierung unserer Kupferminen ist kein Racheakt oder Ausdruck des Hasses gegenüber irgendeiner Gruppe, Regierung oder Nation. Im Gegenteil, wir haben die positive Haltung eingenommen, ein für ein souveränes Volk unveräußerliches Recht auszuüben: die volle Nutznießung unserer nationalen Reichtümer. Die Rückgewinnung des Kupfers beruht auf einer Entscheidung Chiles, und wir fordern von allen Ländern und Regierungen die Achtung vor der einstimmigen Entscheidung eines freien Volkes. Wir haben noch einen unserer Grundreichtümer nationalisiert, das Eisen. Wir haben die Kohle als Gemeineigentum zurückgewonnen. Der Salpeter gehört uns ebenfalls.

  • Foto: Ulli Winkler
  • Auch Gregor Gysi verlieh Allende eine Stimme und gab dessen Ziele wider: „Unsere Aufgabe besteht darin, als Chiles Weg zum Sozialismus ein neues Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, das den Menschen, seine Bedürfnisse und seine Forderungen in den Mittelpunkt stellt, zu definieren und in die Praxis umzusetzen. Dafür braucht es des Mutes derjenigen, die es wagten, die Welt als ein Projekt im Dienste des Menschen in ihrem Denken neu erstehen zu lassen. (…) Nicht aus akademischer Liebe zu einer Doktrin erstreben wir den Sozialismus. Es treibt uns die Energie unseres Volkes, das die Überwindung des Rückstandes als einen unumgänglichen Imperativ versteht. Wir erstreben den Sozialismus, weil wir über die Volksabstimmung freiwillig das kapitalistische und abhängige System zurückweisen, dessen Saldo eine rücksichtslos ungleiche, in antagonische Klassen geschichtete Gesellschaft ist, die durch die soziale Ungerechtigkeit entstellt und durch die Schädigung der Grundlagen für die menschliche Solidarität entwürdigt ist.“

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  • Gesine Lötzsch las u. a. vor, was für Salvador Allende das sozialistische Ideal bedeutete: „Wir leben in einer unwahrscheinlichen Zeit, die die materiellen Mittel zur Verwirklichung der grandiosesten Utopien der Vergangenheit bereitstellt. Dies zu erreichen hindert uns lediglich die ererbte Last an Habgier, Furcht und veralteten institutionellen Traditionen. Was zwischen unserer Epoche und der des überall auf dem Planeten befreiten Menschen liegt, ist die Überwindung dieses Erbes. Nur so wird man die Menschen dazu aufrufen können, sich nicht als Produkte einer Vergangenheit der Sklaverei und Ausbeutung zu sehen, sondern als bewusste Realisatoren ihrer nobelsten Potentialitäten.“

  • Foto: Ulli WInkler
  • Und als vierte und damit letzte Allende-Figur trug Roland Claus Folgendes vor: „Unsere erste Aufgabe besteht darin, diese beengende Struktur zu beseitigen, die lediglich ein verunstaltetes Wachstum erzeugt. Aber gleichzeitig ist es notwendig, die neue Wirtschaft aufzubauen, damit sie unter Wahrung der Kontinuität auf die andere folgt;  die neue Wirtschaft aufzubauen ohne Krisen, die künstlich von denjenigen hervorgerufen werden könnten, die ihre archaischen Privilegien geächtet sehen werden. Wir hegen die Hoffnung, eine Welt aufzubauen, die die Teilung in Reiche und Arme überwindet, und in unserem Fall eine Gesellschaft zu errichten, in der der wirtschaftliche Kompetenzkrieg der einen gegen die anderen verbannt ist, in der der Kampf um professionelle Vorrechte keinen Sinn hat, und in der auch die Gleichgültigkeit gegenüber dem fremden Schicksal, die die Mächtigen zu Erpressern der Schwachen macht, sinnlos ist.“

  • Foto: Ulli Winkler
  • Unter Szenenapplaus gaben der Schauspieler Peter Sodann und André Hermlin, Leiter des SWING DANCE ORCHESTRA, den Auszug eines SPIEGEL-Interviews wider. Hermlin nahm die Rolle des hartnäckigen Reporters sehr ernst, stellte seine Fragen stets forsch und mit großem Einsatz von Mimik und Gestik. Sodann war ganz Wahlsieger und antwortete als echter Staatsmann sehr besonnen. 

  • Foto: Ulli Winkler
  • Für ein paar Minuten wurde der Zuschauerraum der WABE zum Plenarsaal des Bonner Bundestages vom November 1970. MdB Matthias W. Birkwald schlüpfte in die Rolle des CSU-Abgeordneten Unertl, der von der Bundesregierung wissen wollte, ob der neuen chilenischen Regierung besondere Entwicklungshilfe gewährt wird – wovor er doch unbedingt warnen wollte. 

  • Foto: Ulli Winkler
  • Noch immer im Bundestag des Jahres 1970, Fortsetzung der Fragestunde: Astrid Landero erteilte als Vizepräsidentin Funcke dem Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Eppler (SPD), das Wort, damit dieser die Fragen des Kollegen Unertl beantworten konnte. Es entwickelte sich eine hitzige Debatte…

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    Die Sängerin und Schauspielerin Gina Pietsch rezitierte das Gedicht DASS WIR HERAUSKOMMEN des chilenischen Schriftstellers Pablo Neruda vor. Da zeigte sich dann der Theaterprofi – das Publikum war gebannt und gab viel Beifall für diesen unter die Haut gehenden Vortrag:
     
    Der Mensch sagte ja, ohne dass er feststellen konnte,
    worum es ging,
    und er wurde mit fortgerissen, wurde verpflichtet,
    und nie mehr fand er aus seiner Verwicklung heraus,
    und ist es so, fallen wir
    in die Grube anderer Wesen
    und es kommt eine Schnur und wickelt sich uns um den Hals
    und eine andere sucht unsern Fuß und schon vermag man nicht mehr,
    vermag man nur mehr in der Grube zu gehen:
    niemand reißt uns von den anderen Menschen.
    Es scheint, wir verstehen nicht zu reden,
    es scheint, dass es Worte gibt, die fliehen,
    die nicht vorhanden sind, die entschwanden und uns
    zurückließen mit Fallen und Schnüren.
    Und auf einmal ist´s geschehn, schon wissen wir nicht mehr,
    um was es geht, aber wir stecken mitten drin,
    und schon werden wir nicht mehr sehen
    wie einst, da wir als Kinder spielten,
    schon vergingen uns jene Augen,
    schon gehen unsere Hände von anderen Armen aus.
    Darum, wenn du schläfst, träumst du allein
    Und läufst frei durch die Gänge
    eines einzigen Traums, der dir gehört,
    ach, mögen sie nicht kommen, uns Träume rauben,
    ach, mögen sie uns nicht im Bett umgarnen.
    Hüten wir den Schatten,
    lasst sehn, ob wir aus unserem Dunkel
    gelangen, und prüfen wir die Wände,
    belauern wir das Licht, um es einzufangen,
    dass ein für alle Mal
    uns die tägliche Sonne gehöre.
  • Foto: Ulli Winkler
  • Großer Applaus auf allen Seiten: das „Ensemble“ kam abschließend noch einmal auf der Bühne zusammen und war sichtlich begeistert von der gelungenen Lesung – wie alle unsere zuschauenden Gäste auch.