Wären Menschen programmierbare Maschinen, dann hätte der Berliner Altenpfleger Frank Eßers (42) bei seinen Hausbesuchen keinen Stress. Er könnte sich darauf verlassen, dass sein Patient jeden Tag genau 35 Minuten zum Aufstehen, Waschen und Anziehen und 22 Minuten zum Mittagessen benötigt. In Frank Eßers’ Einsatzplan – genormt durch Gesetzgeber und Pflegekasse – ist der tägliche Pflegebedarf der Menschen, um die er sich kümmert, minutiös aufgelistet.
Doch das Geld, das Pflegekassen den Sozialstationen für ihre Tätigkeit zahlen, reicht bei Weitem nicht aus, hat mit dem Alltag und den Bedürfnissen pflegebedürftiger Menschen oft nichts zu tun. Einerseits, weil die Sätze aus Kostengründen zu knapp berechnet sind, andererseits, weil Leben, Leiden und Hilfsbedürftigkeit sich nicht nach Plänen richten.
Deswegen hat der Pfleger Frank Eßers bei seinen Touren durch Berlin eine Menge Stress. „Wenn nur ein Pflegebedürftiger krank wird, dann habe ich ein Problem“, sagt er. Frank Eßers braucht dann mehr Zeit als eingeplant, und der nächste Patient muss warten, kann ohne ihn nicht aufstehen und essen. „Man ist oft am Hetzen“, sagt er. „Nach sechs Stunden Arbeit bin ich müde, nach acht Stunden bin ich fix und fertig.“
Seit Jahren schon beklagen Pflegeverbände die Zustände im deutschen Pflegesystem: Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt enorm, aber derzeit fehlen mehr als 30000 Arbeitskräfte – Tendenz steigend. Zudem erlernen immer weniger Menschen Pflegeberufe. Die Löhne liegen oft unter dem in der Pflege vereinbarten Mindestlohn von 8,75 Euro im Westen und 7,75 Euro im Osten – vor allem bei privaten Trägern. Hinzu kommt die hohe körperliche Belastung. Fast jede dritte Pflegekraft muss den Beruf wegen Rückenleiden, Hauterkrankungen und anderen Erkrankungen aufgeben.
Niedriger Lohn, hohe Belastungen
So ging es auch Heike Brandschau (39). Mehr als 17 Jahre arbeitete sie in der Pflege. Auf ihren Touren durch Berlin versorgte sie an einem Tag bis zu 14 hilfsbedürftige Menschen. Vor allem die Wohnungen der Patienten wurden für Heike Brandschau zu einer wahren Hindernisbahn. Einerseits, weil sie nicht altersgerecht sind, pflegegerecht sind sie eigentlich nie. Und anderseits, weil die meisten Patienten keinen Umbau wollen.
Das Resultat sind Arbeitsbedingungen, die Pfleger extrem belasten. Aus alten, niedrigen Betten hob Heike Brandschau zum Teil bis zu 80 Kilo schwere Patienten in Rollstühle. Durch enge Türen und Flure hindurch stützte sie Patienten auf ihrem Weg in kleine Badezimmer, half ihnen in die Badewanne, hob sie wieder heraus. Haltegriffe gab es dort nur selten, von Hebevorrichtungen ganz zu schweigen.
„In der ambulanten Pflege bist du immer alleine unterwegs. Das ist hart“, sagt Heike Brandschau. Was vielleicht noch zu ertragen wäre, wenn da nicht immer dieser Stress wäre. Diese tickende Uhr im Kopf, weil der nächste Patient wartet. Zudem kaum Zeit für ein Schwätzchen und oft das beklemmende Gefühl: „Eine menschenwürdige Betreuung im Minutentakt – so funktioniert das nicht.“ Bei Heike Brandschau streikte irgendwann der Körper. Ein Bandscheibenvorfall setzte sie für Monate außer Gefecht. Danach gab es für die Pflegerin die Gewissheit, den Beruf an den Nagel zu hängen.
Einige Jahre lang hat sich die 87-jährige Berlinerin Frau Wegener durch einen ambulanten Pflegedienst versorgen lassen. Aber irgendwann häuften sich die Momente, in denen die zunehmend gehbehinderte Dame Hilfe brauchte, darauf aber zu lange warten musste. Ebenso lange, bis die Hauspflege entsprechend dem Einsatzplan vorbeikam. „Irgendwann wurden meine Erwartungen nicht mehr erfüllt“, sagt sie. Heute wohnt sie im Altenzentrum „Haus Abendsonne“ im Berliner Stadtteil Lichtenberg. Dieser Schritt sei ihr alles andere als leicht gefallen. „Nie wollte ich in ein Heim“, sagt Frau Wegener. In ihrer Familie sei niemand diesen Weg gegangen. Heim, das sei auch immer die Vorstellung gewesen, hinfällig zu sein. Deswegen habe sie sich ein Leben dort nie vorstellen können, sagt sie.
Heim als Heimat
Seit nunmehr viereinhalb Jahren lebt Frau Wegener im „Haus Abendsonne“. Sie engagiert sich im Heimbeirat, achtet in der Küchenkommission auf das Essen, organisiert Festlichkeiten und sagt heute: „Ich hatte Glück, hier reinzukommen.“ Sie habe sich mit der Situation arrangiert und genieße, dass immer jemand da sei, wenn sie Hilfe brauche.
Die Lichtenberger Einrichtung „Haus Abendsonne“ besitzt eine Warteliste und eine seit Jahren fast 100-prozentige Auslastung. Auf vier Etagen verteilt leben 100 Bewohnerinnen und Bewohner – von Pflegestufe null bis zu Härtefällen. Pro Etage kümmern sich mehrere Pflegerinnen und Pfleger in einem Drei-Schicht-System um die Bewohner. Zusätzlich gibt es tagsüber soziale Betreuer für die Bewohner.
Mirjam Lange (44) ist Pflegerin auf der Etage, in der auch Frau Wegener wohnt. Mehr als 15 Jahre hat sie leidenschaftlich auch in der ambulanten Pflege gearbeitet, kennt die Unterschiede. „Pflege ist immer anstrengend und stressig“, sagt sie, aber in der ambulanten Pflege sei der Stress schon ganz besonders heftig gewesen. „Was die Kassen zahlen, ist ein Witz. 20 Minuten fürs Waschen, wer soll das schaffen?“, fragt sie.
Das System der Pflegestufen hinke nach, weiß die Pflegerin, werde vor allem bei Demenzkranken nicht dem gerecht, was erforderlich sei. Auch bei verlangsamten Leuten reichen die pauschalen Sätze nicht aus. „Was tun, wenn die Pflege-Kasse 15 Minuten für eine Mahlzeit vorsieht, die Person aber für eine Stulle mehr als eine Stunde braucht?“, fragt Mirjam Lange.
Am meisten ärgert sich Mirjam Lange derzeit über die erforderliche Bürokratie. Fast jede Tätigkeit an und mit den Bewohnern müsse protokolliert werden, fresse wertvolle Zeit. „Es gibt wohl kaum einen Beruf, der so penibel kontrolliert wird“, sagt sie. Vor allem in den vergangenen Jahren sei der Verwaltungsaufwand gestiegen. „Dabei wollen wir doch pflegen und nicht belegen, dass wir gut pflegen.“
Profite mit der Pflege
Die Pflege ist ein heiß umkämpfter Markt. Allein im Jahr 2010 wurden in Deutschland zirka 30 Milliarden Euro Umsatz in der Pflegebranche gemacht. Fast 900 000 Beschäftigte gibt es bei derzeit etwa 2,4 Millionen Pflegebedürftigen. Private Anbieter konkurrieren mit gemeinnützigen Trägern.
Auch das gemeinnützige Altenzentrum „Abendsonne“ muss am Markt bestehen und Gewinn machen, sagt dessen Geschäftsführer Thomas Böhlke. „Aber bei uns geht der Gewinn wieder an die Gemeinschaft und fließt nicht in die private Tasche.“ Man investiere in neue Projekte, bessere Standards und Mitarbeiter. Die Löhne in seiner Einrichtung liegen weit über den Mindestlöhnen, und auch in die Mitarbeitergesundheit wurde viel investiert. Jedes Zimmer verfügt über Hilfsgeräte wie Hebehilfen, Deckenlifter und Badezimmer, die behindertengerecht sind. Das alles schützt die Pfleger vor zu hoher körperlicher Belastung. Eine Investition, die sich lohnt. Die Erkrankungen der Mitarbeiter seien deutlich zurückgegangen, sagt der Geschäftsführer.
Derzeit hat man ein neues Ziel: Böhlke und sein Team sind dabei, auf dem Gelände eine Tagespflegestätte aufzubauen. Dort sollen ältere und erkrankte Menschen aus den umliegenden Wohngebieten tagsüber betreut und gepflegt werden. Damit reagiert Böhlke vor allem auf die häufigen Nachfragen von Menschen, die ihre demenzerkrankten Angehörigen noch selbst pflegen und betreuen, dieses aber nicht rund um die Uhr tun können. Mit der Tagespflege werden die Angehörigen entlastet und die älteren Menschen können ihre Wohnungen behalten.
Der Bedarf an solchen Angeboten wächst. Immerhin liegt das „Haus Abendsonne“ in einem Neubaugebiet, in dem der vielbeschworene demografische Wandel Deutschlands sichtbar ist. Der Anteil älterer Menschen beträgt in einigen der umliegenden Häuser bis zu 45 Prozent. Die Pflegebranche ist ein Wachstumsmarkt, bestätigt Thomas Böhlke. Aber einer, der eigentlich in gemeinnütziger Hand sein sollte, weil Pflege doch ein Grundbedürfnis der Menschen sei.
Während all der Jahre als Pflegerin hat Heike Brandschau auch kurz bei einem privaten Träger gearbeitet. „Da ging es immer nur um den Profit“, sagt sie. Auf Kosten der zu pflegenden Menschen und der Mitarbeiter habe das Unternehmen seine Gewinne gesteigert: Löhne wurden gedrückt, zu wenig Pfleger für zu viele Patienten, extreme Arbeitsbelastung und eine minimale Betreuung. „Ein richtiges Geschäft halt. Da war nicht viel von Nächstenliebe“, sagt Heike Brandschau. Dies sei die negativste Erfahrung in all den Jahren gewesen. Eine Frage ist ihr seitdem geblieben: „Darf Pflege überhaupt privatisiert werden?“